Der Bonneville Salzsee ist ein Sehnsuchtsort für Motorradfreaks – immer auf der Suche nach dem Land Speed Record.
Wir nehmen die Interstate 80, fahren von Salt Lake City nach Westen und halten 88 Meilen unseren Kurs Richtung Nevada. Bald schon läuft es nur noch geradeaus, und rechts und links des Highways zeigen sich riesige Salzflächen. Weiße und hellgraue Farben dominieren bis an den Horizont. Die Luft über dem Salz flimmert.
Der schnellste Ort der Welt
Unser Ziel ist »der schnellste Ort der Welt« – Bonneville. Jahr für Jahr treffen sich auf diesem ausgetrockneten Salzsee im Westen von Utah immer wieder Menschen, die eines fasziniert: »The World of Speed«. Die BNI – Bonneville Nationals Inc. veranstalteten 2026 zum 78. Mal die alljährlich stattfindende Speedweek. Wie der Name schon sagt, geht das Rennen eine Woche lang.

Gefahren wird alles: Bikes, Cars, Hot Rods, Streamliner, Diesel-Trucks und »Special Constructions« für Land-Geschwindigkeits-Rekorde. Es gibt keine bestimmten Tage für die jeweiligen Klassen. Ist die technische Abnahme erfolgreich bestanden und sind die Wetterbedingungen okay, reihen sich die Fahrer hinter der Startlinie ein und einem Rekordversuch steht nur noch der launische Wind entgegen. An die 400 Cars und 200 Bikes gehen zur Speedweek an den Start.
Hier werden Rekorde gemacht
Die meisten der Freaks kommen seit Jahren an jenen Ort, wo Rekorde geschrieben werden. Und alle, die sich der Geschwindigkeit stellen, haben nur ein Ziel, den »Land-Speed-Record«. Nur einige von ihnen werden es schaffen, im 200 mph Club Mitglied zu werden. Die Crème de la Crème wird Lifetime-Member im 300 miles per hour Club.

Wendover ist der nächste Ort zu den Bonneville Salt Flats, wobei Ost-Wendover in Utah und West-Wendover in Nevada liegt. Frühbuchern bietet der kleine Ort in der Wüste einen guten Ausgangspunkt für den morgendlichen Run aufs Salz. Gestartet wird kurz nach Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang sollte man die Flats verlassen haben. So beginnt mit dem aufkommenden Wind am Abend der Rückzug der Zuschauer und Wendover wird zu einem einzigen Eventground.
Little Las vegas
Am Abend gleicht die üppige Leuchtreklame der Casinos in West-Wendover einem »Klein-Las Vegas«. Vor dieser atemberaubenden Kulisse finden sich eine Vielzahl Customs in allen Variationen ein. Es ist Zeit für Fachsimpeleien und jede Menge Salzgespräche. Und so ist es ein alltägliches Flanieren zwischen dem Bonneville Race Track, der kleinen Sinclair Tankstation und Wendover.

Auch zwischen dem Pit-Stop mit technischer Abnahme und Fahrerlager und dem Start begegnen sich entlang des »Long Course«, der Rekord-Strecke, unzählige Augenweiden an US-Cars der Besucher im Wechsel mit den zurückgeführten Geschwindigkeitsboliden. Der Race Track misst in seiner Länge neun Meilen. Steht man am Start, spiegelt sich das Fahrerlager in der flimmernden Luft am scheinbaren Horizont. Hat man das Fahrerlager erreicht, ist noch immer kein Ende des Long Course zu erkennen.
Vibration und Salzstaub
Mit Hochgeschwindigkeit ziehen die Rekordfahrzeuge entlang der Geschwindigkeitsmessung vorüber und scheinen dabei den Boden nicht zu berühren. Wie auf einem Wasserspiegel donnern die Konstruktionen in einer Mischung aus Vibration und Salzstaub zum Horizont und werden immer kleiner. Die Salzpfanne der Bonneville Flats reflektiert das grelle Licht der Augustsonne über der unendlichen Ebene. Helle Kleidung, genügend Sonnenschutz und reichlich Wasservorrat sind in der Salzwüste ein must have.

Die kleine Sinclair Tankstation an der Abfahrt zum Bonneville Speedway ist die letzte Möglichkeit, um genügend Reserven an Eis und Wasser zu tanken. Von hier sind es bis Reno noch 400 Meilen. Da ist zum Beispiel dieser alte kalifornische Haudegen John Wright, mit seinem blauen Streamliner. Angetrieben von einem 500-ccm-Honda-Motor startet er mit diesem Leichtgewicht in der kleinsten Motorisierung seiner Klasse.
Rekordjagd jahrzehntelang
Das Team um John Wright und Dave Brant jagt dem Eintrag im 200 mph Club nun schon seit Jahrzehnten hinterher. Sie sind jedes Jahr dabei und doch ist die Liste der vielen Enttäuschungen lang, von ausgefallener Elektrik bis zu abgerissenen Motorbolzen. 197,58 mph war einst die schnellste Passierung. Nachdem ein Kolben den Motor zerstört hatte, konnten die Guys die Geschwindigkeit im zweiten Lauf nicht bestätigen.

Randy Speranza aus Clearwater, Idaho ist ein »Record Breaker«. Er fährt sein Bike auf Harley-Basis als Spezialkonstruktion mit und ohne Beiwagen, jeweils mit und ohne Verkleidung, und alles mit zwei verschiedenen Motoren in der 80- und 100-Cubic-Inch-Version. Und so kommen alle nur möglichen Kombinationen von A, APS, SC-PG usw. in zwei Motorisierungen zusammen. Die Maschine ist ein Klon der besten Parts, sagt er und erzählt mir von seinen Geschwindigkeitsrekorden in Bonneville und El Mirage, einem ausgetrockneten See in Kalifornien.
Monsterbikes
Die Blechschilder auf seinem Beiwagen zeugen von seinen Erfolgen in zahllosen Rennen. Grag Nelson aus Kalifornien erschuf das vierzylindrige Herzstück. Der Erbauer und Eigner dieses 3500-ccm-Monsters ist Mike Maggio. Er versucht sein Glück in der offenen Klasse über drei Liter Hubraum.

Wally Kohler brach mit seiner 650-ccm-Suzuki den alten Rekord von 146,669 mph in der Sidecar-Gasoline-Klasse SC-G mit seiner Bestmarke von 157,228 mph. Ken Wilsons 1650er Kawa ist auf Nitro. Der Mann aus Denver will, wie andere auch, die 200-Meilen-Marke brechen. Der »Bonneville Bobber« – nein, keine Triumph, sondern ein Milwaukee Iron – ist kein Extrem und lässt sich gut händeln.
Turbo-Kits und Lifetime-Member
Der Texaner konnte 2008 gleich zwei Rekorde in der Modified-Klassifikation einfahren. Auch Scott McLeod hat einiges zu verbuchen. Die 2005er Hayabusa des Seattle Riders vom Gears Grinders Club bringt es mit einem Turbo-Kit von Forced Performance und Wasser-Einspritzung auf sagenhafte 550 bis 600 PS. Scott ist Lifetime-Member im Bonneville 200 mph Club und im El Mirage 200 mph Club.

Er gehört zu den wenigen Typen im »Naked 200 mph Club«. In Bonneville gelang es Scott mit der unverkleideten Version dieses Bikes, mit mehr als 220 mph über das Salz zu jagen. Das sind 355 km/h, bei denen er dem vollen Fahrtwind auf seinem Naked Bike trotzte. Mit einigen Modifizierungen ist Scott McLeod mit diesem PS-Monster auch erfolgreich auf der ¼ Meile der Drag Racing Series zu Hause.
Verrückte Typen
Nachdem der Kraftstoff aus dem eigens dafür bereitstehenden Tankwagen eingefüllt ist, wird das Bike verplombt. Die wohl verrücktesten Typen sind die vier Freunde Yann, Jean, Frank und Gilles von Kontinental Tri-Cycles. Sie kamen den weiten Weg von Frankreich mit ihrer Spezialkonstruktion auf Basis eines 50-ccm-Motobecane-Mopeds von 1955. Bei der technischen Abnahme gibt es kein Gefackel, »That’s the Rule«.

Und so crazy wie der Eindruck auch ist, den sie hinterlassen, jeder einzelne dieser Kerle hat mit diesem Moped einen eigenen Land-Speed-Rekord gefahren und ist mit seinem Namen in der Liste der Rekorde verewigt. Wieder in der bekannten Variation einmal mit und ohne Beiwagen und jeweils mit und ohne Verkleidung. Spitze: 56,796 mph – über 90 km/h mit 50 Kubik. Hut ab, Freunde! Die nächste Speed Week steigt vom 1. bis 7. August 2026.
















