Die BMW S 1000 RR ist die ultimative Rennstrecken-Waffe. Wie krank muss man sein, um daraus einen Cruiser zu schnitzen?

Im Augenwinkel blitzen die typischen BMW-Zierlinien auf, die schon die erste R 32 von 1923 schmückte. Oha, eine Vorkriegs-Kuh womöglich – und das auf der Boardwalk-Show in Daytona Beach? Nachdem das Blickfeld auf die Maschine frei geworden ist, herrscht zunächst Verwirrung: Was um Himmels Willen ist das?

200 PS, aber bitte bequem … hä?

Fransenpfanne mit Chromspange an Supersport-Aluminium-Schwinge? Futuristische Digital-Instrumente auf Augenhöhe mit klassischen Ochsenaugen? Die Upside-Down-Gabel garniert mit einem Leuchten-Trio der Schwergewichtsklasse? Das wird doch nicht die knapp 200 PS starke Supersport-Fackel S 1000 RR sein?

Zum Vergleich: So sah die S 1000 RR aus, bevor Steve die Säge angesetzt hat

»You Iike it?« fragt der breit grinsende Besitzer des Bikes. »No!« Doch während ich versuche, die Karre in irgendeine gängige Custom-Schublade einzuordnen, legt Steve Culp auch schon mit Erklärungen los: »Ich wollte etwas absolut Verrücktes auf die Räder stellen. Etwas, das es noch nie gegeben hat, einen echten Eyecatcher«. Na das ist doch mal gelungen. Der Wahnsinnige hat tatsächlich eines der schärfsten Racebikes auf diesem Planeten in einen Speed-Cruiser verwandelt – auch wenn er selbst behauptet, es sei ein Streetfighter.

Was hat Steve nur getan?

»Die ganzen Supersportler machen zwar Laune, sind aber total unbequem – und ich bin zu alt um den Gebückten zu geben. Also hab ich die BMW auf Komfort getrimmt«, erzählt Steve. Zunächst riss er die Verkleidung und alle Anbauteile weg, übrig blieben Motor, Rahmen, Räder, Gabel, Schwinge und Bremsen.

Auch beim dritten Blick reiben wir uns noch die Augen: Wie schön mögen bei Topspeed die Fransen im Wind flattern?

Tank-Cover, Kühlerverkleidung, Schutzbleche, Lenker samt Riser, Sitzpfanne, unzählige Halter und Klemmen sowie die Megaphon-Auspuffanlage entstanden in der eigenen Werkstatt. Das Rücklicht stammt von einem Buick aus den 20er Jahren, der Haltegriff am Sattel und die Fenderstruts sind Indian-Replikas im Stil der 30er Jahre.

Speedbike im Fransen-Würgegriff

Um eine tiefe Sitzposition zu erreichen, kappte Steve den steil stehenden Hilfsrahmen am Heck und ersetzte ihn durch ein selbstgebratenes Gerippe, das den dicken Solosattel mit dem unsäglichen Fransensaum aufnimmt. Nicht weniger abstrus wirkt der vergitterte Trichter unterhalb des Scheinwerfertrios, der als Lufteinlass für das Sekundärluftsystem des Hightech-Reihenvierers fungiert.

Lenker und Riser sind Marke Eigenbau

Doch Schluss mit den Details, lasst diesen potenten Kackstuhl in seiner Gesamtheit auf Euch wirken und ihr werdet feststellen, dass dieses Motorrad dermaßen scheiße ist, dass es fast schon wieder gut ist. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass ein Umbau jemals zu heißblütigeren Diskussionen (und übleren Beschimpfungen) in unseren Redaktionsstuben geführt hätte. Dafür: Respekt, Steve!

 

 

Carsten Heil, hat die typische Zweiradkarriere der 80er-Jahre-Jugend durchgemacht: Kreidler Flory (5,3 PS), 80er-Yamaha DT und mit achtzehn dann die erste 250er Honda. Nach unzähligen Japanern über Moto Guzzi ist er dann schließlich bei Rohrrahmen-Buell gelandet. Seit 1992 mit Fotoapparat und Schreibgerät in Sachen Kradkultur unterwegs.