BMW R 26 – Halbstark

Rock’n’Roll is back again, und eine BMW R 26 aus den fünfziger Jahren wird zur Fahrmaschine eines Infizierten.

Zum Starten empfiehlt sich wohlgeübte Routine: Über die Sitzbank beugen, die Schwimmerkammer am Vergaser ertasten und das vorstehende Druckstück gefühlvoll tupfen! Rechts unter dem Tank ist der Bing am Zylinderkopf angeflanscht.

BMW R 26 – Eine mechanische Startprozedur

Gerade wenn die Fingerspitze vom Sprit feucht wird, den Tupfer loslassen. Der Schwimmer stellt jetzt ausreichend Saft bereit. Ein, zwei Tritte auf den seitlich links nach außen zu tretenden Starthebel und das Baby erwacht mit einem nicht zu erwartenden Brüllen. Ist sie zu laut, bist du zu schwach …

Die Zahl auf Felix’ Bombe verdeutlicht das Geburtsjahr der „Kraut-Machine“

»The loud Kraut« gehört Mark, und der wiederum fühlt sich der Rock ‘n Roll-Szene verbunden. Und mit einem ihrer Helden, Chuck Berry, hat Mark eines gemeinsam: Er ist – wie Chuck – gelernter Kraftfahrzeugtechniker. Da liegt das Schrauben genauso im Blut, wie die Musik und das Starten bei 1/8 Meile-Races, mit altem Eisen natürlich.

Harley oder Triumph? Muss nicht sein!

»Bei den Events im Osten der Republik sah ich früh, was die Jungs aus den 250er AWOs rausholen … und auch, dass es nicht immer ’ne Harley oder Triumph sein muss, um Spaß zu haben«, erzählt Mark. Beim Stöbern im Internet war der Schrauber irgendwann auf die BMW gestoßen. 

Lichtquelle: Bosch war einer der Zulieferer für die deutsche Motorradindustrie in den Fünfzigern

»Die war so was von verbastelt und zusammengeschustert: Das ging gar nicht anders.« Nach dem Zerlegen zeigte sich das ganze Ausmaß der nötigen Arbeiten. Die fachgerechte Schweißung des Rahmens, der einen alten Unfallschaden aufwies, machte den Anfang. »Da waren so viele Lackschichten auf dem Rahmen; ich höre den Beschichter noch heute fluchen.«

BMW R 26 – Revision notwendig

Mark hatte das Rohrgestell und einige andere Teile zum Pulverbeschichter gebracht. Nach dem Überholen der Zündung und Elektrik konnte das Bike wieder zusammengebaut werden. Natürlich erst, nachdem alle Lager erneuert waren. Heute gehört es zu den Pflichtarbeiten eines jeden Restaurators einen Benzintank innen total zu reinigen – da helfen Chemikalien am besten – und ihn von innen zu versiegeln.

Dem Tacho des Zulieferers VDO darf man sein Alter ruhig ansehen. Nur der Chromring wurde erneuert

Äußerlich störten die Kniekissen und deren Halter. Also Flex und weg! Ein Unimog-Mondgrau Lacküberzug soll den Tank optisch strecken helfen. An Stelle der klassischen BMW-Tanklinierung hat Mark einen Pinstriper sein Ding machen lassen. 

Zubehör aus den 50ern

Dass die originalen Felgen aus Aluminium waren, wurde erst richtig klar, als er sie von dem aufgeschmierten Hitzeschutzlack befreit hatte. Nachdem sie  aufpoliert waren, konnten sie mit neuen Speichen frisch eingespeicht werden. Die jetzt aufgezogenen modernen, leicht breiteren Reifen, sind zwar nicht original, aber wirklich hilfreich für zügige Kurvenfahrt. Zusätzliche Sportlichkeit bringen die nach vorne gedrehten Lenkerhalter und der gekürzte Lenker.

Halbschalenhelm, Bomberjacke, hochgekrempelte Blue Jeans und Turnschuhe. Nur noch „Blue suede shoes“ könnten das Bild des Bobber-Piloten verbessern

Der Spiegel am linken Lenkerende ist ein typisches Zubehör aus den Fifties. Beide Bikini-Kotflügel entstanden aus einem einzigen Frontkotflügel einer DKW, die älter war, als die 250er BMW selbst. Und die kleine Sissybar, wollen wir wissen, ist die denn ein Eigenbau? »Nein«, wehrt der Schrauber, der Wert darauf legte möglichst viele alte Teile zu verbauen, ab, »das ist ein originales BMW-Teil. Und zwar ist sie die Haltevorrichtung der Zweiersitzbank gewesen.« 

Felix the Cat als Nummerngirl

Die Idee hinter »The loud Kraut« war, eine Maschine in der Art der ursprünglichen Bobber zu bauen. Bobber waren ja eigentlich Race-Bikes, die, mit legalem Zubehör ausgestattet, im Straßenverkehr teilnahmen. Daher sollte auch an der BMW alles möglichst alt und authentisch aussehen.

So sind zum Beispiel die Startnummernschilder von einer Bekannten gezeichnet worden und einseitig mit der Bomben tragenden Katze veredelt. Ist das »Fritz the Cat?« Nein nein, den arbeitsscheuen, drogen- und sexsüchtigen Kater gab’s erst ab den sechziger Jahren. Was da auf der Tafel zu sehen ist, ist »Felix the Cat«, eine US-Cartoon-Figur aus den Zwanzigern, die mehrmals wiederbelebt immer wieder die Jugend erfreute.

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We are the Krauts

In die Hot-Rod-Szene gelangte das schwarze Katzenvieh, weil ein Flugzeug Kampfgeschwader der US Navy den Bomben tragenden Felix als Zeichen ihrer Einheit trug. Noch mehr Schulmeisterei gefällig? Das blau-weiße Emblem von BMW ist eine stilisierte Luftschraube und die Amis nennen uns Deutsche auch Krauts! Immer noch irgendwelche Fragen offen? 

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Technische Daten
Modell BMW R 26
Baujahr 1956
Besitzer/Erbauer Mark Betzolt

Motor
Typ Einzylinder-Viertakter, ohv-Zweiventiler
Hubraum 247 ccm
Bohrung x Hub 68 x 68 mm
Vergaser Bing 1/26/46
Luftfilter K&N
Auspuff Triumph-Schalldämpfer, gekürzt
Getriebe Viergang
Sekundärtrieb Kardan
Leistung 14,5 PS bei 6.400/min
Drehmoment 18 Nm bei 5.000/min
Vmax 120 km/h
Fahrwerk
Rahmen Stahl-Doppelrohrrahmen
Gabel BMW-Langarmschwinge
Räder vorn 100/90-18, hinten 110/90-18
Bremsen vorn u. hinten 160 mm Vollnaben-Trommel
Zubehör
Lenker LSL
Tank BMW, gecleant
Lampe Bosch
Rücklicht V-Markt
Armaturen Magura
Fender vorn u. hinten aus einem DKW Frontschutzblech
Metrie
Leergewicht 158 kg
Radstand 975 mm

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Fotos: Dirk Mangartz
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