Bis heute ist »The Harrier« des Schweden Stellan Egeland eines der krassesten Custombikes auf Basis einer BMW
Im Gegensatz zur völlig dem Oldstyle huldigenden Hulster 4-Valve, dem ersten Kracher des schwedischen Customizers Stellan Egeland, steht dieser abgespacte Tiefflieger auf BMW-Basis. Dennoch begann die Entstehung des Renners bereits 2007 bei der Weltmeisterschaft in Sturgis, bei der die eingangs erwähnte Hulster zu Ruhm und Ehre gelangte. In der Bikeshow stand auch die »Wraith«, gebaut von Confederate Motors. Stellan hatte vorher bereits Bilder des Bikes gesehen, war davon aber überhaupt nicht angetan.
Warum ausgerechnet eine BMW?
Das änderte sich, als er das Original sah. Bereits da reifte in ihm der Wunsch, mal etwas Zeitgemäßeres mit richtig Hightech zu bauen. Doch wie kam er ausgerechnet auf einen BMW-Motor als Antrieb für seine »Harrier«? Dafür gibt es eine einfache Erklärung.

Einer der damaligen Designer bei den Münchnern ist ein alter Kumpel aus der Stockholmer Chopper-Szene. Ola Stenegärd, heute Chefdesigner von Indian Motorcycle, war damals noch für die Marke mit dem Propeller-Logo aktiv. Unter anderem war er an der Entstehung der HP2 beteiligt. Die wiederum gefiel Stellan schon von Beginn an.
Ein Vorführmodell als Basis
Allerdings wollte er keine 20.000 Euro für ein Bike hinlegen, das nur als Grundlage für sein geplantes Projekt dienen sollte. Der Stockholmer kam günstig an ein 2006er Vorführmodell einer R 1200 S. Eigentlich hatte er geplant, das Bike nur ein wenig umzubauen, um es dann als Alltagsfahrzeug nutzen zu können. Dieser Vorsatz blieb aber beizeiten auf der Strecke.

Ein weiterer Grund für die Nutzung des Boxer-Motors war seine flache Bauweise. So konnte der Rahmen niedrig gehalten werden. Und noch einen Vorteil bot der Triebling. Seine glatte Front ermöglichte die Befestigung der geplanten Achsschenkellenkung.
Ein besonderes Fahrwerk
Angeregt wurde Stellan zu dieser Idee durch einen guten Bekannten. Der sprach öfter über die Möglichkeit, solch eine technische Raffinesse selbst zu bauen. Inspiriert wurde er durch die ELF Honda Rennmaschine und die Bimota Tesi. Eine Achsschenkellenkung hat einige fahrphysikalische Vorzüge.

Sie verhindert das Bremsnicken und entlastet den Lenkkörper von Einflüssen durch Verspannungen. Bisher gab es einige Versuche verschiedener Hersteller damit, doch nur Yamaha bot kurzzeitig ein Modell in Großserie an. Wegen geringer Nachfrage, verbunden mit einem hohen Preis, wurde das System nicht weiterentwickelt. Das war für Stellan und seine Freunde aber kein Hinderungsgrund. Es galt nur noch zu entscheiden, ob die Lenkung mechanisch oder hydraulisch funktionieren sollte. Die Wahl fiel auf die Mechanik.
With a little help from my friends
Nach einem Gespräch mit Acke Rising, dem Gründer des schwedischen Zubehöranbieters ISR, stand die Unterstützung der Firma fest. Acke wollte helfen, wo er konnte, und das war auch bei einigen Parts vonnöten. So wurde das Vorderrad vom ISR-Team modifiziert, um eine große Nabe aus eigener Fertigung nutzen zu können. Die Lenkung funktioniert über zwei 1,75 Meter lange Kabelstränge, die mit Zug und Schub arbeiten.

»Keine Ahnung, ob schon mal jemand solch eine Lenkung gebaut hat. Gesehen habe ich so etwas jedenfalls noch nicht«, erklärte ein stolzer Stellan Egeland.
Senkrechtstart und Hitzetod
Der Rahmen ist natürlich ein Eigenbau des Stockholmers. Mit dem hatte er wenig Probleme. Bei der Entwicklung von Tank und dem exotischen Auspuff nutzte der Weltmeister aber erst einmal Pappschablonen. Allein die Herstellung des Spritbunkers verschlang über 180 Arbeitsstunden.

Dabei versteckt der sich unter dem reizvoll geformten Aluminium-Cover. Dessen ausgestellte Lufthutzen gaben dem Bike den Namen Harrier, da sie an die Optik des britischen Senkrechtstarters erinnern. Zur Befestigung des Aluteils am Tank verwendete Stellan 89 kleine Torx-Schrauben – was ein Aufwand. Die großen Lufteinlässe dienen übrigens einem ganz profanen Grund.
Jede Fahrt ein heißer Ritt
Sie sollen verhindern, dass die besten Stücke des Fahrers gegrillt werden. Die Carbonplatte des Sitzes ist nämlich direkt mit dem Aluminium-Auspuff verschraubt. Die Kühlung soll zumindest in der Theorie für Linderung sorgen. Doch auch das Rücklicht ist vom Hitzetod bedroht.

Die LEDs für Blinker, Brems- und Fahrlicht sitzen rund um den Auslass des Endschalldämpfers. Solche irren Detaillösungen sind die Spezialität des Schweden. Motor und Antrieb blieben hingegen größtenteils unangetastet. Auch das ABS-System wurde weiter verwendet.
Für die STraße
Mit Hilfe der Spezialisten von Öhlins konnte das Fahrwerk optimiert werden. Und Stellan Egeland machte schnell klar: Der Harrier wurde nicht für die Show, sondern für die Straße gebaut.

Selbst ein Paar zusätzlicher Fußrasten für einen Mitfahrer stehen zur Disposition. Die damals neunjährige Tochter des Schraubers äußerte diesen nicht verhandelbaren Wunsch. Da scheint der Apfel nicht weit vom Stamm zu fallen.











