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Die Yamaha XVS 650 ist ein braver japanischer Mittelklasse-Cruiser, bei dessen Anblickes wohl kaum jemanden aus den Socken hauen dürfte. Dabei taugt auch solch ein biederes Originalbike zum lässigen Flacheisen.

»Nichts!«, als Björn vor ein paar Jahren zu seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau zieht, wird er mit Leere konfrontiert. Hier auf dem Land, irgendwo zwischen Vechta und Osnabrück, ist die Antwort auf die Frage »Was geht hier so ab, was kann man machen?« kurz und eindeutig. Für den gebürtigen Rostocker eine Umstellung, denn immerhin war er mehrere Jahre als BMX-Fahrer in den USA aktiv und hat danach in Hamburg gewohnt. Heute weiß Björn die Vorteile des Landlebens zu schätzen, genießt die Freiheit und die entspannte Polizei, wie er uns grinsend verrät, »und nach Holland sind es keine hundert Kilometer.«

Die Yamaha XVS 650 Dragstar gehört mit zu den am häufigsten umgebauten Japancruisern in Deutschland. Dank der Starrrahmenoptik ist sie eine gern genommene Basis

Und noch was hat das Leben im Haus mit ordentlich Platz fürs Hobby für sich – das Mopedschrauben ist zur Genusssache geworden. Seit zwei Jahren verwirklicht Björn hier das, was er früher an Fahrrädern und beim Crossen getan hat – umbauen, pimpen, lässiger machen. Die Basis ist dem Industriemechaniker dabei ziemlich egal, auf Attitude legt er keinen Wert, schaut nicht, was anderen gefallen könnte. Und so sind es nicht nur Harleys, an denen hier geschraubt wird, sondern es verirrt sich eben durchaus auch mal eine kleine Yamaha in seine Finger. Die 650er Dragstar war ein solcher Schnapp, günstig im Preis und mit einigen Eintragungen in den Papieren. Tief und flach war so kein Problem, Björn konnte seine Vorstellung vom Crosscruiser damit einfacher verwirklichen.

Was anderen gefallen könnte, spielt keine Rolle

Vom Basisbike übernimmt der 32-Jährige nur Motor und Rahmen, ersteren kaum bearbeitet, weil es schlicht nicht nötig ist. »Da muss man ehrlich sein, die Japaner funktionieren zum Teil wirklich besser als die Amis, viel zu machen ist da nicht«, Köpfe und Deckel bearbeiten, die Benzinpumpe kicken, die Luftführung für den Zweizylinder abändern, die Zündspulen versetzen, einen fetten Endtopf von einer Cross-KTM auf den Krümmer montieren. Dazu baut Björn als schönes kleines Gimmick einen Luftfilterkasten, der unterm Tank platziert wird. Überhaupt schafft er es, gewaltig aufzuräumen. Unnötige Halterungen und Kabel werden entfernt. Die unbedingt nötigen laufen zum Teil gut versteckt durch die Holme der gekürzten Seriengabel und den Crosslenker.

»Die Yamaha fährt sich sauber und butterweich« sagt Björn

Eine extrem minimierte Elektrik ist ebenfalls Pflicht, ein kleiner Tacho reicht. Weil die Gabel vorn tief baut, muss auch der Arsch runter. Die Dämpfer sind gekürzt, das Bike kommt insgesamt etwa zehn Zentimeter tiefer als vorher an den Boden, ein echtes Flacheisen. Die hintere TTS-Felge wird auf die Seriennabe umgespeicht, beide Räder, überbezogen mit den auffälligen Conti-Stollen, sind schwarz beschichtet. Überhaupt ist Schwarz die Farbe der Wahl. Björn lackiert nicht nur die Gabelrohre, sondern auch das Innenteil der Serienscheibe vorn sowie die Trommelbremse hinten. Auch die Lampe, ebenfalls das Originalteil, wird lediglich lackiert und foliert.

Die Lackierung der Yamaha XVS 650 übernimmt Björn selbst

Mit wenigen Mitteln erreicht der Norddeutsche so ein harmonisches Zusammenspiel aus Eigenleistungen, ein paar Zukaufteilen oder Regalfunden und den japanischen Basisparts. Auch die finale Lackierung bleibt kostengünstig und handgemacht. Zwei Edding-Stifte, ein Schleifschwamm, ein Bunsenbrenner und ein paar Schichten Klarlack genügen für lässige Akzente. Knapp dreieinhalbtausend Euro investiert Björn in seine Dragstar, das Bike ist so authentisch wie sein Besitzer. Der hat übrigens für den ganzen Umbau gerade mal zwei Wochen gebraucht. Ging easy, weil sonst ist ja hier nichts. Wir hören sie schon motzen: »Bäh, Stollenreifen, kannste doch nicht vernünftig fahren«. »Doch, geht«, sagt Björn, »die Yamaha fährt sich sauber und butterweich.« Hört auf den Mann, der kennt sich aus. Ist nämlich nicht sein erster Umbau mit sattem Profil.

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.