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Wild, bunt, schmal, definitiv ein Chopper. Aber laut Brief keine Yamaha XS 650 wie auf den ersten Blick vermutet, sondern eine Yamaha »Nudels«. Aufklärung bitte …

Nudels ist mein Spitzname«, erklärt Marco, »und der steht als Modellbezeichnung im Brief, genauer steht da Yamaha Nudels 1« – und schon ist aus dem beruflichen Kaufmann ein Customizer geworden – mitsamt Individualbike unter eigenem Namen. Respekt!

Yamaha XS 650 – Von Anfang an mit dem TÜV durchgekaut

Wie es dazu kam, nun, Marco hat seinen Umbau von Anfang an mit dem TÜV durchgekaut. Der wiederum hat viel gefordert, aber am Ende die Zulassung unter der eigenen Modellbezeichnung laufen lassen. Dass der Privatmann dafür einiges aufbieten musste, war die Mühen wert, doch dazu später mehr.

Unter der bunten Lackierung trommelt ein Yamaha-XS-Zweizylinder. Das Ganze verpackt in einen Santee-Rahmen und mit ungewöhnlicher Modellbezeichnung im Brief

Unbescholten was Customizing angeht ist Marco nicht, seit zwanzig Jahren gibt es für ihn kaum was Schöneres, als sich nach dem Bürojob seine Auszeit in der Garage zu nehmen und sich die Finger dreckig zu machen. Mit Choppern fing es an, Ausflüge in die Welt der Cafe Racer folgen.

Back to the roots untrennbar auf Chopper bezogen

Uns wird schwindelig, als er aufzählt, was er schon alles unter den Fingern hatte, Honda, K-BMW und viele mehr. Und plötzlich ist der Wunsch zum Zurück da – back to the roots, gern hergedroschenes Synonym für Rückbesinnung und langsamer machen, bei Marco untrennbar auf Chopper bezogen.

Die Gabel stammt aus einer gewöhnlichen Honda CB 500 Four. Mit vier Inch Überlänge und selbstgebauten hohen Risern erzielt der Schrauber die gewünschte Länge, der Apehanger gibt der Chopperoptik den Rest

Und so tauscht er eine BMW gegen einen Chopper im Anfangsstadium, immerhin Santee-Rahmen und Yamaha-XS-Motor sind eine gute Basis. Was der TÜV durchaus anders sehen könnte, wie Marco weiß. Deshalb spielt er von Beginn an mit offenen Karten und findet einen Prüfer, der bereit ist, den Weg mit ihm zu gehen.

Gute Sache – Yamaha XS 650 mit EU-Zulassung

Dass das Motorrad – es kommt aus Holland – im früheren Leben eine EU-Zulassung hatte, macht die Sache ein bisschen einfacher, wobei wir auch da andere Fälle kennen. In jedem Fall zeigt Marco seinem Prüfer entsprechende Fotos, bespricht seine Vorstellungen und es kann losgehen. 

Rücklicht, Fender und die gedrehte Sissybar entstehen in Eigenregie, auch der Paintjob, eine Kombination aus Candylack, Metalflake und Airbrush kommt aus der Privatgarage

Der Motor hat keine großen Veränderungen nötig, aber Marco fräst die Zylinderköpfe und spendiert neue Kanäle. Die Ventile werden neu eingeschliffen und hochglanzpoliert, der Luftfilter entsteht aus handelsüblichen Puderzuckerstreuern.

Yamaha XS 650 mit Geradwegfederung

Den Auspuff baut der ambitionierte Schrauber selbst. Der Rahmen mit Geradwegfederung, ursprünglich für den Einbau eines Honda-CB-Motors konstruiert und für den Yamaha-Zweizylinder angepasst, wird versteift und modifiziert. Weil Marco nämlich zu den Männern mit stabilem Körperbau gehört, fertigt er Knotenbleche und schweißt die ein, das macht das Fahrwerk deutlich stabiler. Im Rahmen hängt eine schlechte Gabel, Marco ersetzt sie durch das Frontend einer Honda CB 500 Four, die Gabelbrücken baut er aus Flugzeugaluminium selbst.

Ein Jahr Bauzeit steht zu Buche, ohne die Hilfe von guten Freunden wäre der Aufbau so allerdings nicht möglich gewesen

Vier Inch Überlänge sind choppertechnisch außerdem notwendig – und ein Ape für noch mehr Länge. Vorn gibts ein 21-Zoll-Rad, hinten typische 16. Auf Bremsexperimente verzichten sowohl Marco als auch sein Prüfer gern, Scheibenbremsen Marke Honda machen die Fuhre standfest. Aus einem halbierten Ironhead-Sattel gibts eine neue Sitzgelegenheit, Ducktail-Fender, Fußrasten, Rücklicht sowie diverse Halterungen werden selbst gebaut. Und weil Chopper gern bunt sind, dürfen Candylack, Metalflake und Airbrush nicht fehlen, »alles selbst gemacht«, berichtet Marco stolz.

Yamaha XS 650 – Ein Jahr Bauzeit bis zum Chopper

Nach einem Jahr Bauzeit ist der Chopper fertig, freilich nicht ohne die Hilfe ein paar guter Freunde. Da wären Holger, der XS-Guru, Dreher Ingo und Klaus, ein allwissender Technikfreak. »Ohne die hätte ich es nicht geschafft«, Marco ist dankbar. Ein paar Hürden gilt es trotzdem noch zu überwinden, bevor die Druckerschwärze auf Brief und Schein trocknen darf.

Der Santee-Rahmen mit Geradwegfederung, ursprünglich für den Einbau eines Honda-CB-Motors konstruiert, wurde für den Yamaha-Twin angepasst und zusätzlich versteift

»Fahrtest, Tanktest mit Dichtigkeitsprüfung, Geräuschtest, Drucktest, Schweißgutachten«, zählt Marco auf und lacht, »eigentlich habe ich mehr getestet, als dass ich geschraubt habe.« Ganz umsonst gibts so eine Zulassung eben doch nicht. Aber Marco meistert alle Anforderungen mit Bravour und darf sich zur Belohnung nun hochoffiziell Fahrzeugbauer nennen.

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.