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Kalt, nass, windig – willkommen im europäischen Winter. Unser Mitarbeiter Onno begegnet der Jahreszeit mit kalifornischem Chopperfeeling im Herzen, findet in einer Yamaha XS 650 sein Langzeitprojekt für dunkle Tage. Die Arbeiten ziehen sich über vier Winter hin – aber nun darf endlich gefahren werden.

Armselig ist eine Untertreibung, um den Zustand der Yamaha zu beschreiben, die Onno vor einiger Zeit kauft. Er zählt auf: »Viele selbstgebaute Teile, die weder passten noch funktionierten, funktionslose Bremsen, Kabel, die aussahen, als hätte jemand eine Schüssel Spaghetti über dem Bike ausgekippt, ein Motor, der trotz aller Bemühungen, den Kicker in zwei Hälften zu treten, nicht ansprang – und das Ganze überzogen mit hässlichem Mattschwarz aus der Spraydose.«

»Dann werden wir aus diesem Stück Scheiße mal einen Chopper bauen«

Onno kauft trotzdem, denn der Preis stimmt. Und er kennt da jemanden, der ihm das Ding schon richten wird. Ohne Umwege geht es zu Tjeerd von Short Cut Choppers, anerkannter niederländischer Customizer, spezialisiert auf Härtefälle. Der guckt sich den Haufen an, ist erst erstaunt, dann genervt, später zuversichtlich, »dann werden wir aus diesem Stück Scheiße mal einen Chopper bauen.« Und los geht’s.

Sitzbank und Sissybar sind ein Original aus den Seventies, die extreme Auspuffanlage mit den Fishtails setzt in ihrer Höhe die Linien fort

Onno taucht tief in die Choppergeschichte ein, schnell stellt sich raus, dass der Rahmen der Yamaha ein wahres Relikt ist. Als Gooseneck gebaut und starr gelegt darf das Fahrwerk bleiben, wird freilich komplett überarbeitet, die fetten Schweißnähte verschwinden.

Yamaha XS 650 – Metallflake war gesetzt

Da auch der Rahmen später lackiert werden soll, steht die Wahl der Farbe früh an. »Metalflake war gesetzt«, erinnert sich Onno, »und dann kam da die Idee von Orange. Denn an was sonst sollst du denken, wenn du dich an die Sonnenauf- und untergänge am Big Sur in Kalifornien erinnerst, während du mit dem miesen europäischen Winter kämpfst.

Es gab ein elfschichtiges Farbkleid aus Metalflakes und Klarlack, das selbst vor dem Kasten für die Elektrik nicht halt machte

Und dann spielen sie im Garagenradio »California Dreamin’« und du weißt plötzlich, wie dein Chopper heißen und aussehen wird.« Neben diesen optischen Erwägungen geht Onno bei der Suche nach Teilen für den Umbau den ebenso exakten Weg. Und stößt auf Reliquien der Chopperhochkultur.

Alles passt nahezu perfekt an den gestrippten Rahmen

Er schafft es, eine der selten gewordenen AEE-Gabeln zu bekommen, noch dazu in einer gedrehten Twisted-Version. Der Doppelscheinwerfer kommt von Aris, die Sitzbank mitsamt Sissybar und Rücklicht ist ein Original von DeVore, vor gut vierzig Jahren hergestellt in Bellflower in Kalifornien. Der Clou, alles passt nahezu perfekt an den gestrippten Rahmen. 

Nur die Auspuffrohre wurden neu verchromt, Sissybar und Frontend tragen noch den alten Originalchrom

Auch die Front muss nur leicht modifiziert werden, um zu passen. Klassische Dog-Bone-Riser greifen den Lenker, der ebenfalls aus gedrehtem Stahl gebaut wird. Die 21-Zoll-Felge wird von Experte Simon Poelma neu eingespeicht, eine alte AMF-Trommel und der schmale Avon geben das Finish. Hinten dreht das Originalrad der Yamaha, gebremst wird ebenfalls per Trommelbremse.

Yamaha XS 650 – Das Highlight kommt zum Schluss

Der hässliche hintere Kotflügel wandert direkt in die Tonne, ein Flatfender aus Tjeerds privater Teilekiste ersetzt ihn. Die Verkabelung wird in einer eigens gefertigten Box versteckt. Der Zweizylinder-Motor bekommt endlich die dringend überfällige Wartung und läuft danach überraschend gut. Viel fehlt nicht mehr, aber Tjeerd hat sich ein Highlight bis zum Schluss aufgehoben.

Wie alt die Gabel ist, zeigt sich bei den angerosteten Schrauben, ihre Patina wurde erhalten

Aus langen Rohren biegt er eine Auspuffanlage, die den Linien von Rahmen und Sissybar folgt, die Krönung sind die Fishtail-Endtöpfe. Onno ist zufrieden, »die ist so völlig übertrieben, wie sich das für einen Chopper gehört. Da ist wirklich erst der Himmel das Limit.« Abschließend werden alle Teile demontiert und auf den letzten Akt aus Sandstrahlen, Beschichten und Lackieren vorbereitet.

Klarlack in sage und schreibe elf Farbschichten

Bevor gestrahlt wird, gehen die Teile zunächst in einen Hochtemperaturofen, sodass sich die Farbe löst, das Fett schmilzt und damit alles viel sauberer wird. Anschließend wird in Orange pulverbeschichtet. Über das Orange legt Lackierer Verkuil nun seine Flake-Oberfläche und Klarlack in sage und schreibe elf Farbschichten.

Onno hat es geschafft, nach vier Jahren ist sein Chopper bereit für die Straße

Die Auspuffrohre werden verchromt, alles andere wie Sissybar oder Lenker behält seine Patina, »ein schönes Wort, das man zu alten, verwitterten und verrosteten Scheißteilen sagen kann, damit man noch genug Kohle dafür bekommt«, Onno lacht. Pünktlich zur letztjährigen Bigtwin Bikeshow, dem größten holländischen Custom-Event, ist seine Karre fertig. Und ein kurzer Sonnenmoment am Nordseestrand bietet dann auch eine passende Fotokulisse.

Info |  madnessphotography.eu