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Nascar-Style ist wohl die Bezeichnung, die am ehesten zu Martijns Yamaha XS 650 passt.

Auf die Frage, ob ich meinen Chopper selbst gebaut hätte, musste ich immer mit Nein antworten. Ehrlich, das ging mir auf den Sack. Ich musste selbst was bauen«, erklärt Martijn die Intention hinter seinem Aufbau.

Yamaha XS 650 – Beliebtes Basismotorrad

Der Basis seines anderen Bikes ist er dabei treu geblieben: Yamahas XS 650 zählt bei Schraubern nach wie vor zu den beliebtesten Basismotorrädern. Martijn stürzte sich relativ unvorbereitet ins Abenteuer Eigenbau, schließlich hat der Mann aus Holland nicht mal eine eigene Werkstatt, sondern baut seinen Kram in einem kleinen Hobbyraum im Wohnhaus. Seine Frau ist verständnisvoll, »ein Glücksfall«, wie Martijn weiß. 

Einige Teile fertigt der Privatschrauber im Hobbyraum des Eigenheimes, wobei manchmal ein Stück gebogenes Riffelblech schon ausreicht

Das Basismotorrad ersteht er für 750 Euro, es läuft nicht und ist obendrein ziemlich hässlich. Der Vorbesitzer hatte es mit einem Pinsel schwarz lackiert, der Schalldämpfer war am Header verschweißt, die Gabel war undicht, die Elektrik funktionierte auch nicht und die Oberfläche des Motors sah aus wie ein Blumenkohl, weil das Moped jahrelang im Freien gestanden hatte.

Elektrik, kein Problem, aber Schweißen …?

Alles musste von Grund auf neu gemacht werden. Als Techniker bei der niederländischen Fluglinie KLM ist Martijn vertraut mit Arbeiten an elektronischen Bauteilen, das Schweißen dagegen muss er erst lernen.

Lochbohrungen bringen außerdem optischen Speedstyle. Der Mooneyes-Öltank ist eine hübsche Attrappe, in ihm verbirgt sich die kompakte Elektrik der Yamaha

Da hilft es wenig, dass das Bike innerhalb einer Stunde auseinandergerissen war, der folgende Aufbau sollte sich über Monate hinziehen. Ein Motorradhändler aus der Nähe bot an, das gewünschte anschweißbare starre Rahmenheck zu bauen und mit dem Rahmen zu verbinden.

Tief sitzen – mit ausreichend Platz zwischen Heckfender und Tank

Martijn wollte das Teil um vier Grad gereckt haben, damit der Sitz sich tief und mit ausreichend Platz zwischen Heckfender und Tank befinden konnte. Es sollte trotzdem ein Jahr dauern, bis er sich stolzer Besitzer eines Starrrahmenbikes nennen konnte.

Die Sitzposition der XS rutscht durchs neugestaltete Heckteil ein ganzes Stück tiefer. Das klingt einfacher, als es im Nachhinein war, immerhin ein Jahr vergeht, bis Martijns schmales Hinterrad in das zu breit geratene Heck passt. Den Fender liefert Led Sled Europe, er wurde mal aus dem Dach eines Hummers geschnitten

Als er den Rahmen nämlich zu Hause hat, stellt er schnell fest, dass das Heckteil deutlich breiter als der Yamaha-Standard ist und die Hinterradaufhängung nicht mehr passt. Auf seine Frage beim Händler, was das soll, bekommt er eine einfache Antwort: »Alle wollen immer breite Hecks, deshalb haben wir das so gemacht.«

Yamaha XS 650 – Auch die Front muss näher an den Asphalt

Mit einem tiefen Seufzer macht sich Martijn an die notwendigen Anpassungen, dreht sich einen längeren Schaft, um das Rad ordentlich zu befestigen. Um dem tiefen Heck gerecht zu werden, muss auch die Front näher an den Asphalt.

Der erste Eindruck täuscht, zum Rasen ist eine XS 650 niemals gemacht. Dagegen spricht schon die überschaubare Leistung. Pluspunkte an der Ampel gibt es für die Karre trotzdem – denn optisch ist das tiefe Gerät den Softchoppern dieser Welt allemal überlegen

Für das Kürzen der Gabel bedient sich Martijn eines Tricks: Ein Satz Buchsen wird in die Gabel eingesetzt, dann sind die Federn auch vorgespannt und die Gabel direkt ein paar Zentimeter kürzer. Die Buchsen dreht Kumpel Joop im Tausch gegen eine Schachtel Kippen an, ein echter Freundschaftsdienst.

Guter Freund – Joop hat seine Drehbank im Wohnzimmer stehen

»Joop ist fantastisch«, Martijns Begeisterung für den Freund ist zu spüren, »der hat seine Drehbank im Wohnzimmer stehen. Und die Buchsen hat er glasperlgestrahlt, um ihnen eine einheitliche Oberfläche zu geben. Allerdings musste ich ihm direkt erklären, dass die Buchsen in der Gabel sind und leider nie wieder das Tageslicht sehen werden.«

»Die Frage, ob ich meinen Chopper selbst gebaut hätte, musste ich immer verneinen. Das ging mir auf den Sack, ich musste was bauen«

Martijns Chassis ist fertig. Die Arbeit am Motor bleibt überschaubar, einige Einstellungen genügen, um den Zweizylinder wieder zum Leben zu erwecken, unter anderem wird eine elektronische Zündung installiert. Und natürlich wird alles saubergemacht, Ehrensache.

Yamaha XS 650 – Immer zwei Ersatzzündkerzen dabei

Lediglich die Einstellung des Vegasers ist ein schwieriger Part, zumal Martijn auf offene Filter in Verbindung mit dem Aftermarket-Auspuff von Pandemonium Choppers aus den USA setzt. Mit dieser Erfahrung im Rücken hat Martijn immer zwei Ersatzzündkerzen dabei. »Die Idee des Zündkerzenhalters habe ich von Kutty Noteboom kopiert, er hat solche Dinger im Programm«, erklärt der Privatschrauber.

Der Yamaha-Twin darf frei ein- und ausatmen, aber natürlich bleibt die Leistung überschaubar

Die Inspiration für sein Bike holt sich der Holländer übrigens auf Treffen in den USA, wo er mit einigen Freunden, die auf luftgekühlte VW-Racecars abfahren, einen Urlaub verbringt. Sie gehen zu Dragraces, bewundern die fetten Hot Rods, die Idee vom Nascar-Stil manifestiert sich.

Yamaha XS 650 – Die Elektrik sitzt im Mooneyes-Öltank

Die Freunde besuchen den So-Cal Speedshop genauso wie Mooneyes in Santa Fe Springs. Dort ersteht Martijn auch den bekannten Mooneyes-Öltank, der in seinem Projekt die Elektrik der Yamaha beherbergt. Er entscheidet sich für die vertikale Montage auf einer selbstgefertigten, gelochten Platte. Im selben Stil gestaltet er den Nummernschildhalter. Bei Led Sled Europe ersteht er den Heckfender, der irgendwann mal aus dem Dach eines Hummer geschnitten wurde. Viel Platz ist nicht zwischen ihm und dem Bridgestone. Neben den gesetzten Teilen beweist Martijn bei anderen den nötigen Einfallsreichtum.

Federungskomfort: Kaum bis gar nicht. Schräglagenfreiheit: Mäßig. Fahrspaß: Riesig

So ist die Kappe zum Abdichten des Lochs an der Kupplungs-Einstellschraube schlicht von einer Weichspüler-Flasche runtergeschraubt, weil der Aftermarket nichts hatte, was passen wollte. Vier Jahre arbeitet Martijn an seinem Projekt, »davon habe ich allein drei Jahre lang immer wieder über die Farbe nachgedacht«, schmunzelt er. Am Ende wird in Chinchilla-Grau mit gelber Tönung lackiert. Dazu kommt weiße Schrift, auch Sitzbank und Griffe sind passend weiß gehalten.

Yamaha XS 650 – Grafiken vom Spielzeugauto

Die Grafiken, die Martijn Krabman aufträgt, sind Eins-zu-eins-Kopien von einem Miniatur-Nascar-Auto, auch der Schriftzug »54« stammt daraus. »Die Leute fragen immer wieder nach der Bedeutung dieser Zahl«, erklärt der Schrauber. Der muss dann regelmäßig antworten, dass sie einfach keinen tieferen Sinn hat, sondern »nur« auf einem Spielzeugauto seines Sohnes prangte. Manchmal sind die Dinge eben doch ganz einfach.