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Evil Knievel-Spielzeug hatte in den 70er-Jahren wohl jeder von uns, auch der Jens. Heute ist er zwar ziemlich erwachsen, Spielzeug mag er aber immer noch. Und so baut er sich seinen Daredevil-Traum in Lebensgröße und auf Basis einer Yamaha SR 500.

Wer sein Evil Knievel-Spielzeug, bestehend aus tollkühnen Bikes und anderen Fahrzeugen, weggeworfen hat, dem gehört heute ein Satz heißer Ohren. Denn cooler ging es nicht. Im Kinderzimmer konnten wir die Stunts des wohl berühmtesten Daredevils nachstellen, waren der King auf dem Teppichboden und dem Schulhof. Dabei war Mr. Knievel nicht der einzige tollkühne Typ dieser Zeit. In den 70er- und 80er-Jahren gab es in den USA jede Menge der sogenannten Cycle Jumper, die auf fast serienmäßigen Maschinen immer neue Rekorde aufstellten.

»Ich muss einmal auch so etwas gebaut haben«

»Mein Favorit war immer »Big Ed« Bekley«, erinnert sich Jens Wibbelhoff, »ein drei Zentner schwerer Hüne, der mit einer TT500, einer 600er und einer Rotax-Harley nach eigenen Angaben über eine Million Dollar als Cycle Jumper verdient hatte. Oft gab es bei der Landung dieses Riesen Materialschäden an Stoßdämpfern und Felgen, was bei den auftretenden Kräften nicht verwunderlich war. Aber er hatte weniger Verletzungen auf seiner Liste als sein Kollege Knievel.« Jens kennt sich aus, hat sich intensiv mit der Geschichte der sogenannten Daredevils beschäftigt. Und weil nicht nur die Fahrer, sondern auch das Styling der Bikes Emotionen in dem Mann aus Voerde weckt, ist klar: »Ich muss einmal auch so etwas gebaut haben.«

In Gold ist Evel Knievels Motto auf die handgefertigte Sitzbank eingestickt, weiße Kedernähte setzen zusätzliche Highlights

Eine Ausgangsbasis ist schnell gefunden, eine Yamaha SR 500 soll es sein. Jens kennt sich mit dem Modell durch vorangegangene Projekte gut aus, zudem war der Einzylinder günstig zu haben. Mit den Buddies von der »Stolen Garage« gehts an die Bestandsaufnahme. Die Substanz des Bikes ist gut, viel zu gut, um sie zu zerschneiden. Und weil Jens eben jenes Zersägen schon oft gemacht hat, entscheidet er sich diesmal für den anderen Weg.

Yamaha SR 500 mit schraubbarem Hilfsrahmen

Er will möglichst viel original belassen, so dass man auch alles auch wieder zurückrüsten kann, wie er uns erklärt. Welche Teile für den Aufbau verwendet werden, steht im Vorfeld schon recht genau fest. Alles wurde bereits auf Swapmeets gesammelt, »den Vergleich mit den Ludolfs brauche ich nicht zu scheuen«, lacht Jens. Für das Heck im legendären Storz-Style wird ein schraubbarer Hilfsrahmen gefertigt, sehr aufwendig, weil komplett auf die Flex verzichtet wird. Auch das Anfertigen der tiefgezogenen Aluminium-Seitendeckel benötigt mehrere Anläufe.

Drift away: Die leichte, crossige Yamaha macht einfach nur Spaß – auch wenn die ganz großen Stunts anderen vorbehalten sind

Bis alles passt, ist die Drehbank im Dauereinsatz. Die Tank-Sitzbanklinie gefiel Jens trotz der langen Arbeiststunden aber nicht, »das war alles irgendwie zu hoch und nicht schlüssig.« Also wird der gute Originaltank abgebaut und wandert zu den anderen in der Sammlung. Als Ersatz nimmt sich der Schrauber einen nicht ganz so guten SR-Tank, den er hinten drei Zentimeter tunnelt, die Halterung nach oben verlegt und einen Tankdeckel á la Harley einschweißt.

Die Yamaha SR 500 wird mit »Stolen Shocks« bestückt

Für den Benzinhahn von Kustom Tech fertigt er eine Adapterplatte. Alles sehr aufwendig, aber das Endergebnis zeigt, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Bei den Jungs der Stolen Garage entstehen parallel die Stoßdämpfer. Motocross-Dämpfer werden dafür zerlegt, die Federn weißgepulvert und alles überarbeitet, echte »Stolen Shocks« sind das Ergebnis.

Wenn Jens könnte, würde er über mindestens 15 Autos springen. Immerhin, als Familienvater ohne Stuntattitüde bleiben der lässige Drift und der pipieinfache Ritt um den Block. Und weil so eine SR einfach eine robuste und willige Seele ist, macht sie auch nahezu jeden Quatsch mit

Nachdem der Grundfarbton seines Bikes festgelegt ist, kontaktiert Jens die geniale Clare von Stitch in ihrer Manufaktur »True Blue«, um eine Sitzbank in Metallflake-Blau fertigen zu lassen. Der Leitspruch von Evel Knievel wird eingestickt, die Idee der weißen Kedernähte ist ein zusätzliches Highlight. Beim Zusammenbau der Maschine werden für die Anbauteile ausschließlich hochfeste Aluminiumschrauben aus der Luftfahrt benutzt.

Evil Knievels alter Ego prostet uns vom Tank aus zu

Nur bei zwei Teilen geht Jens den einfacheren Weg. Die Edelstahlauspuffanlage ordert er bei Kedo und die Kühlrippen-Verkleidung für den Zylinderkopf bei Omega Racer. Am Ende steht ein Cycle Jumper auf den 4.00“-Reifen, der den Geist der Daredevils gut wiederspiegelt. Und Evil Knievels alter Ego prostet uns vom Tank aus zu.

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.