Auf unserer CUSTOMBIKE-SHOW dürfen wir einen ganz eigenen Pokalvergeben und damit das Lieblingsbike unserer Redaktion küren. Diese gertenschlanke Triumph hatte es uns ganz schön angetan.

So richtig viel hat Micha vorher nicht umgebaut. Klar, Motorräder waren immer da, erst Schwalbe und MZ, später immer moderner hin zu fetten Rennmaschinen. »Vor zehn Jahren rum, da habe ich einen Streetfighter gebaut, der war in der Zeitung und ich stellte das Ding seinerzeit auf der Fighterama aus«, erzählt der 38-Jährige aus Lauta in Sachsen. Das Bike hat er noch, eine schöne Erinnerung an die wilde Zeit. Die Alltagsmotorräder wurden danach gemäßigter und der Wunsch nach einem erneuten Umbau stärker.

16 Pferdestärken treiben die Triumph an – trotz nur 160 Kilo also kein König beim Ampelsprint

Geplant ist der Kauf der Triumph nicht direkt, aber so in die Richtung sollte es schon gehen. Harleys schön und gut, aber die aufgerufenen Preise sind nicht das, was Micha zu zahlen bereit ist. So hält er Ausschau nach was anderem und findet schließlich in Belgien eine Triumph, die mal so gar nicht gewöhnlich ist. Während Oldschooler gern auf Bonneville, Tiger und Co. setzen, entscheidet sich unser Mann für die TRW, eine alte englische Militärmaschine, seitengesteuerter Zweizylinder-Motor und Starrrahmen von Haus aus.


Viel muss die alte Dame nicht bekommen – lediglich neue Ventile, Ventilsitze und Dichtungen

Bevor es an den Umbau geht, ist der Motor fällig. Achim, ein ehemaliger Arbeitskollege, erweist sich als der Richtige für den Job. Er baut schon lange an Motoren, öffnet den Viertakter sanft. Viel muss die alte Dame gar nicht bekommen. Das Motorgehäuse wird neu lackiert, dazu neue Ventile, Ventilsitze und Dichtungen. Klingt einfach, ist es aber nicht. »Ich musste die Teile in den USA bestellen. Komischerweise gab’s da in England nichts.« Sogar ein spezielles Ventilausdrückwerkzeug ordert Micha in den Staaten, anders hätte er die Dinger nicht rausbekommen.

Sauber und rund läuft die TRW, die dank ihrer Leichtigkeit die geringe PS-Zahl durchaus wettmacht. Zugelassen und voll TÜV-konform ist sie dank frühem Baujahr ebenfalls

Die Belohnung folgt, als der Motor das erste Mal wieder anspringt. Sauber und rund läuft er, bis heute. Da ist die Entscheidung für den Umbaustil schon schwieriger, »ich wollte auf keinen Fall einen klassischen Bobber bauen«, erzählt er. Nur schön tief und sehr kompakt sollte das Bike werden, der letztliche Style wächst beim Bauen. Ein paar Teile haben daran maßgeblichen Anteil. Da wäre zum einen die auffällige Trapezgabel. Micha kauft sie im Internet, Herkunft unbekannt. Sie erinnert aber stark an die frühen DKW-Modelle, die fuhren auch so durch die Gegend.


Schön tief und kompakt sollte das Bike werden

Die Gabel passt selbstverständlich nicht direkt ans Bike, sehr viel Arbeit steckt dahinter, sie anzupassen. Steuerrohr und Lagerschalen müssen aufwendig geändert werden, den Mountainbike-Dämpfer – eigentlich ein Hinterbau-Dämpfer der Marke Fox – voll funktionsfähig zu verbauen, stellt Micha vor große Herausforderungen. Mit Hilfe seiner Freunde Raik, Tony, Daniel und Robert schafft er es. Die vier Jungs erweisen sich überhaupt als Glücksfall, unterstützen Micha sehr. Zumal zwei von ihnen Metallberufe haben, während Micha eigentlich im Hauptberuf »nur« Autolackierer ist.

Lediglich das Kennzeichen fällt groß aus und stört die schmale Linie, aber ein ausgeprägtes Stilgefühl war noch nie die Stärke unserer Graukittel

Auch die Räder sind speziell. Micha entscheidet sich bei der Front für eine 19-Zoll-Harleyfelge mit Spoolhub-Nabe. Die hat keine Halterung für eine Bremse, ganz getreu dem Stil der amerikanischen 70er-Jahre-Customszene. Diese Jungs hatten sich den überflüssigen Schnickschnack kurzerhand abgeflext, um eine möglichst schmale Gabel nutzen zu können. Micha will breite Speichen einsetzen, rechnet genau aus, was für Speichen passen und wie viele er davon braucht. Vorm Einspeichen müssen noch eigene Distanzhülsen angefertigt werden. Beim Hinterrad dasselbe Spiel, dort sind die Speichen noch einen Tacken breiter als vorn.


Viele Arbeit: Der Öltank wurde ins Spritgefäß integriert

Nächste Herausforderung wird der Tank. Dass der von einer Simson SR2 stammen würde, war gesetzt, »einfach ein geiler Tank«, wie Micha sagt. Allerdings besteht viel Arbeit darin, den Öltank, der aus optischen Gründen gewichen war, ins Spritgefäß zu integrieren. So wird der Tank mit den Freunden in zwei Hälften geteilt und ein Blech eingeschweißt, das Öl und Benzin trennt. Für die cleane Optik hatte Micha alle Halterungen am Rahmen entfernt, die neuen Tankhalterungen wandern unters Gefäß, nahezu unsichtbar. Dazu wird ein Pop-up-Deckel eingelassen.

Schwerer als gedacht: Die im Internet ersteigerte Trapezgabel muss aufwendig umgearbeitet werden, damit sie an die TRW passt

Clean auch der Lenker, der den Gaszug innenliegend führt. »Die beste Option für die Optik des Bikes«, erklärt Micha. Bleibt als letzter Schritt die Lackierung, der Fachmann ist in seinem Element. Rahmen und Speichen glänzen nun in Gold-Orange. Tank, Lampe und Fender in Javagrün, kombiniert mit Schwarz und Weiß. Die Lackierung ist der letzte gelungene Schritt zu einem in sich stimmigen Motorrad, hier passt alles zusammen. Das macht Bikes zu Lieblingsbikes, letztlich auch für Redakteure von Custom-Magazinen.