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Ryan Mullion verwandelt eine Triumph T110 in ein gertenschlankes Dreirad, das auch Leuten gefallen müsste, die Trikes eigentlich kacke finden. 

Ich wollte schon immer ein Triumph-Trike bauen; eines, wie es in der 1960er Jahren für die Shows hätte gebaut worden sein können«, Ryan von The Tiger Shack war mit der Idee schon seit Jahren schwanger gegangen, konnte sich aber bislang nie dazu aufrappeln. » Nach der Born Free Show hatte ich mit Mike Davis, einem der Veranstalter, ein Gespräch und stellte ihm meine Idee vor. Er sah mich an, als ob aus meinem Hals zwei Köpfe gewachsen wären. Erst nachdem ich ihm versicherte, dass es ein echtes, klassisches Show-Trike werden würde, lenkte er ein und versprach, mit seinen Partnern zu reden.« Die sagten dann zu und somit war Ryan eingeladen, sein Trike auf der kommenden Show zu zeigen. 

Ergonomie und Coolness schließen einen vertretbaren Kompromiss

Die Rohbauphase ist im folgenden Winter fast abgeschlossen und als Lenkeraufbau eine U-förmige, 22-mm-Riser-Kombination im klassischen Flanders-Look geplant. Doch nach Herstellung von Heckverkleidung und Sitzbankbasis zeigt sich bei den ersten Sitzproben, dass der Lenker von der weit hinten angebrachten Sitzmulde aus kaum erreichbar ist. Ein Triumph-Nachbau-Lenker von Noise Cycles lässt sich schon besser greifen. Und nach dem Auswechseln der oberen Gabelbrücke gegen ein Exemplar mit nach hinten führenden Lenkerhalterungen schließt die Ergonomie mit der Coolness einen vertretbaren Kompromiss.

Ryan, Chef von »The Tiger Shack«, beschwört die Renaissance der Sixties-Showtrikes

Bisher hat sich in der Harley-dominierten BF-Show kein Gewinner der Tombola eine Triumph oder ein Trike ausgesucht. Um in dieser hartumkämpften Liga mitmischen zu können, ist Radikalität angebracht. Gerade auch, weil die Oldschool-Fans auch in den USA nicht unbedingt auf Trikes versessen sind. Für alle Fälle hat er das dreirädrige Ding einfach so konstruiert, dass es wieder zum Zweirad umgebaut werden kann und somit ein späterer Verkauf problemloser möglich ist. 

Triumph T110 als Oldschool-Trike

»Details, Details, Details … und die meisten Leute werden vorbeilaufen und sie nicht bemerken«, Ryan geht im Geiste noch einmal alles durch. Zahllose Stunden hatte er für kleinste Teile aufgebracht, nur damit sie ein wenig anders als gewöhnlich aussehen. Trotzdem gilt auch für Eigenbauteile an seinen Kreationen: Sie müssen immer wirken, als ob sie aus den Sechzigerjahren stammen. Für die zwei Vorderlampen, ehemalige VW-Käfer-Rückfahrscheinwerfer, ist eine eigens entworfene Halterung herzustellen. Die originalen, knorrig-schmiedeeisernen Fußrasten bekommen nach dem Verchromen ein paar Gummi-Pegs mit dem Logo der alten Firma Bates aufgezogen. Bis auf die kleinen Radlagerkappen der Hinterräder und dem im Design passenden Einfüllstutzen am Primärdeckel ist alles bei The Tiger Shack entstanden. 

»Es ist dieses verrückte Triumph-Trike, um das sich während der Born Free Show Trauben von Betrachtern scharen«

Knappe 21 Tage vor der Show fängt Ryan Mullion mit dem finalen Zusammenbau an – mit einem eigenartigen Gefühl im Bauch. Ihm ist klar, dass er möglicherweise nach der Show nicht mehr im Besitz dieses Vehikels sein könnte, was er insgeheim ja hofft. Wie Ryan haben noch zwölf andere, zur Born Free geladene Customizer ihre Kreationen für die Tombola zur Verfügung gestellt. Wer an dieser Verlosung teilnehmen will, muss im Voraus über die Website von Lowbrow Customs 25 Dollar abdrücken. Derjenige, für den sich das Schicksal dann entscheidet – so sind die BF-Regeln –  darf sich dann eines von diesen dreizehn coolen Custom-Geräten aussuchen und mit nach Hause nehmen. 

Der Twin der Triumph T110 sieht extrem cool aus

Ryan ist eifrig und so wird nach und nach aus dem Teilepuzzle ein komplettes Fahrzeug. Der Motor sieht extrem cool aus. Beim Zusammenbau trägt er Latexhandschuhe, so sind vor der Show nicht so viele Fingerabdrücke von den hochglanzpolierten Aluminiumoberflächen zu wischen. Ein Blick auf den Zylinderkopf lässt zwei zusätzliche Zündkerzen und zwei weit außen angebrachte Vergaser erkennen. Auch wenn es nicht jeder bemerkt: Ryan sieht die seltenen Amal-Monobloc rechts/links-Schwimmerkammer-Vergaserpaare als die ideale Bestückung an. 

Die winzigen Frontscheinwerfer waren einst Rückfahrscheinwerfer an einem VW Käfer

Nun war noch ein passender Name zu finden. Alle 60er-Showfahrzeuge hatten damals Namen. »Mir war gleich »The Conquistador« herausgerutscht, von wegen heidnischem Gold … und, dass das Trike ja Preise und Pokale in Hülle und Fülle einsacken muss. Wir lachten uns fast krank, aber uns fiel kein treffenderer Name ein«, gibt Ryan an, der sich kaum traut, die Werkstatt zu verlassen, weil er dringend auf Teile wartet. 

Um dieses verrückte Trike scharen sich Trauben von Betrachtern

Und dann – am Tag der Wahrheit: Es ist dieses verrückte Triumph-Trike, um das sich während der ganzen Veranstaltung Trauben von Betrachtern scharen. »Ich hatte keine Ahnung – so viele Leute sind in das Trike vernarrt!« Schließlich steht auch der glückliche Gewinner der BF-Tombola fest: Pat Tracey, und der wählt für sich den absoluten Publikumsliebling aus: The Conquistador! Pat hat das breiteste Grinsen im Gesicht … aus seinen Mundwinkeln scheint der Speichel wie goldener Honig zu tropfen.

 

Horst Heiler
Freier Mitarbeiter bei

Jahrgang 1957, ist nach eigenen Angaben ein vom Easy-Rider-Film angestoßener Choppaholic. Er bezeichnet sich als nichtkommerziellen Customizer und Restaurator, ist Mitbegründer eines Odtimer-Clubs sowie Freund und Fahrer großer NSU-Einzylindermotorräder, gerne auch gechoppter. Als Veranstalter zeichnete er verantwortlich für das »Special Bike Meetings« (1980er Jahre) und die Ausstellung »Custom and Classic Motoräder« in St. Leon-Rot (1990er Jahre). Darüber hinaus war er Aushängeschild des Treffens »Custom and Classic Fest«, zunächst in Kirrlach, seit 2004 in Huttenheim. Horst Heiler ist freier Mitarbeiter des Huber Verlags und war schon für die Redaktion der CUSTOMBIKE tätig, als das Magazin noch »BIKERS live!« hieß. Seine bevorzugten Fachgebiete sind Technik und die Custom-Historie. Zudem ist er Buchautor von »Custom-Harley selbst gebaut«, das bei Motorbuch Stuttgart erschienen ist, und vom Szene-Standardwerk »Save The Choppers!«, aufgelegt vom Huber Verlag Mannheim.