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Dies ist nicht die Geschichte eines professionellen Customizers und deshalb frei von exquisiten handgearbeiteten oder gar High-End-Komponenten. Nein, das ist eine Geschichte über ein dickes, hässliches Küklein, das in eine freundliche Ente verwandelt wurde. Mit nicht mehr als einem Bauhaus-Steckschlüsselsatz, haufenweise Kabelbindern und hunderten Litern Kaffee. Also Vorhang auf für das Speed-Custom-Projekt Suzuki GSX 1100 …

Der ursprüngliche Titel dieser Story – Sechs Monate Träumen, sechs Tage bauen« war etwas irreführend. Ich hätte es auch »Dreißig Jahre träumen, sechs Tage bauen« nennen können. Träumen ist die erste Stufe eines jeden Customprojekts. Es dauert viel länger als alles Demontieren, Flexen, Schleifen, Besorgen der Teile, Montieren etc. zusammen. Wir glauben bodenständige, unkomplizierte Leute zu sein, doch Motorradfahrer sind hoffnungslose Romantiker, die viel Zeit damit verbringen Motorradzeitschriften zu lesen und von ihrem nächsten Motorrad oder vom nächsten Trip zu träumen.

»Alles kann passieren, solange du in Bewegung bleibst«

Der allererste dieser Träume ist der Ursprung aller nachfolgenden. Manche fangen damit schon als Kind an, während sie an Muttis Hand an einer Fußgängerampel warten und die vorbeifahrende Ducati ein V2-Echo auslöst, das noch Jahre in ihren Köpfen widerhallen wird. Für mich begann alles mit einem Schulfreund, der ein Moped hatte. Die Bilder seiner Yamaha FS1E habe ich noch immer lebhaft vor Augen – und offen gesagt auch die all der Mädchen, die er von der Schule nach Hause fuhr. Die meisten kreischten theatralisch, wenn sich die kleine Yamaha in die Kurve legte. Doch es gab da dieses eine dunkelhaarige Mädel, das gar keine Angst hatte und immer ­weiterfahren wollte. Dieses Bild von zwei Menschen, die weit und schnell genug fahren, um nicht von der Ödnis des Alltags verschluckt zu werden, hat sich tief in mein Bewusstsein gebrannt. Alles kann passieren, solange du in Bewegung bleibst. 

Die Metamorphose vom 80er-Jahre-Kunststoffchic zurück zum ehrlichen Blech verlief fast ohne Komplikationen

Doch nun zu dem Traum, der dieses Abenteuer hier lostrat: die Idee, ein billiges 70er- oder 80er-Jahre-Bike zu kaufen und zu einem Reisescrambler umzubauen. Ein robustes Kraftrad mit ausreichend Power für deutsche Autobahnen, aber auch hart genug, um auf Schotterpisten oder rauen Bergstraßen durch Transsylvanien auf dem Weg nach Istanbul bestehen zu können. Ich hätte eine BMW R 100 Boxer, eine ­alte Guzzi oder eine XS 650 kaufen können, aber die sind alle viel zu teuer. Irgendwann an einem Donnerstagabend trank ich ein paar Bier statt schlafen zu gehen, bummelte ziellos durch Ebay-Kleinanzeigen – und stieß auf eine 1983er GSX 1100 ES mit 100 PS. Was folgte, war ein erleichternder mentaler U-Turn. Ich ließ die Idee eines Scramblers fallen und entschied mich, ein Suzuki-GS-1000-Superbike im Wes-Cooley-Stil aufzubauen. Am nächsten Tag saß ich mit siebzehnhundert Euro in der Tasche im Zug nach Wolfsburg. Das war im Oktober.

Suzuki GSX 1100 im Wes-Cooley-Stil

Big Susi, wie ich sie künftig nannte, überwinterte in der Garage. Der Winter ist lang. Und er bietet Zeit zum Nachdenken. Schließlich verpasste ich ihr neue Conti- TKC-70-Enduro-Straßenreifen und verwarf die Old-School-Superbike-Idee. Plötzlich war das Reisescramblerprojekt wieder brandaktuell. Mein Plan: im August 650 Kilometer zu einer Party in die Uckermark nördlich von Berlin zu fahren und dann weiter ostwärts. Das gab mir gute sechs Monate Zeit, um aus ihr ein raues, zähes, knallhartes Reisemotorrad zu machen. Die Zeit sollte ausreichen. Doch die Zeit ist kein Freund der Träumer.  Nur Luftschlösser werden in ­Sekunden gebaut. Einstein hat einmal gesagt: »Der einzige Grund für die Zeit ist der, dass nicht alles gleichzeitig passiert.« Ich sehe das anders. Ohne Zeit gäbe es ­keine Deadlines, und ohne Deadlines ­würde nichts jemals passieren. Und so war es bei mir dann auch erstmal. Doch die Deadline rückte mit großen Schritten ­näher: Mittwoch, der 12. August. 

Der Strip war ein Spaß und ließ die Hoffnung aufkeimen, alles werde schon ganz easy über die Bühne gehen

Tag 1: Samstag, 1. August. Vorderen Fender, Verkleidung, Instrumente, Scheinwerfer, Blinker, Sitz und Tank entfernen. Zwei Stunden. Das macht Spaß! Dann 300 Millimeter des hinteren Rahmens abschneiden. Das könnte man in einer halben Stunde erledigen. Ist man aber kein Profi, erscheint einem das als sehr ernster Eingriff. Wie bei einem Tattoo: Es gibt kein Zurück. Der ­erste Schnitt kostet einiges an Überwindung. Lieber fünf Mal messen. Hast du aber erstmal Mut gefasst und die ersten Funken stieben durch die Garage, spürst du es: Dieser Traum wird sich in Realität verwandeln. 

Der Tank der 1000er GS passt perfekt auf die Suzuki GSX 1100

Ich habe ein paar alte Scheinwerfer in der Garage herumliegen. Der von einer Triumph Scrambler sieht aus, als würde er passen. Dazu der Tank einer GS 1000, von dem jemand behauptet hat, er passe genau auf die GSX, weil die Rahmen identisch seien. Außerdem werde ich eine Custom-Sitzbank verwenden, die ich mir vor Jahren für ein anderes Bike habe machen lassen. Nächster Schritt: Montage des Sitzes und des Tanks. Positive Überraschung: Das alles scheint tatsächlich zu passen. Das Bike sieht schon fast fertig aus. Dieses Customizing-Spielchen scheint mir leichter als gedacht. 

Der Tank einer GS 1000 passt perfekt und die deutlich kürzere Sitzbank mit JvB-Schutzblech rundet den knackigen Look perfekt ab

Tag 2: Es ist Sonntag, und mir wird klar, dass ich vorn und hinten Schutzbleche sowie Kabel und Verbinder für die Blinkeranlage brauche. Die Läden sind geschlossen, und die einzige Möglichkeit besteht darin, eines meiner alten Bikes zu kannibalisieren. Das dauert den ganzen Tag. Tag 3: Samstag, 8. August. Ich tausche den Lenker gegen einen breiteren im Enduro­stil. Leider sind die Bremsleitungen nicht lang genug, und so tausche ich wieder alles zurück. Ich bringe den Scheinwerfer an, aber auch jetzt enden die Bremsleitungen im Nichts. Ich schraube ihn wieder ab und bringe ihn wieder an. Jetzt sind die Elektrokabel an der falschen Stelle. Ich nehme ihn ab und schraube ihn wieder an. 

»Eigentlich sollte ich heute Richtung Berlin aufbrechen …«

Tag 4: Sonntag, den 9. August verbringe ich damit, den Tank anzuschließen. Er passt zum Rahmen, doch der Benzin­hahn sitzt so, dass die Schläuche ­anders verlegt werden müssen. Weil es ein alter Tank ist, brauche ich ­einen Benzinfilter. Tag 5: Mittwoch, 12. August. 28 Grad, sonnig, ein perfekter Tag, um loszufahren. In meiner Garage sind es sicher 32 Grad. Eigentlich sollte ich heute Richtung Berlin aufbrechen, aber ich bin noch lange nicht fertig. Ich fixiere den Sitz, bin aber nicht sicher, dass er halten wird. Ich mache eine Probefahrt und bin begeistert. Alle Lichter und Blinker funktionieren und die Benzinschläuche und Filter arbeiten. Ich fange an, eine Gepäckplattform aus Teilen des kürzlich gekürzten Hecks zu improvisieren.

Der Sebring-Auspuff klingt wie ein Schwarm wütender Hornissen und war auch Teil der Tuningmaßnahmen für das Glemseck-101-­Rennen Deutschland vs. Frankreich

Tag 6: Donnerstag, 13. August. Die ­Sache mit dem Gepäckträger dauert den ganzen Morgen. Ich verzweifle zusehends und nutze alles, was ich finden kann. Ich verwende die hinteren Fußrastenhalterungen einer Aprilia Mille und ein altes Schneidbrett und verschraube alles mit dem abgeschnittenen Teil des Rahmenhecks. Dann schraube ich eine alte Tourenscheibe an den Lenker. Es dauert weitere zwei Stunden, meine Sachen zu packen und sie samt Zelt und Isomatte auf den Träger zu schnallen. Ich habe Angst, was zu ­verlieren, und verpasse meinem Gepäck so viele Spanngummis, dass es mich Stunden kosten wird, wieder dranzukommen. Als ich endlich loskomme, ist es bereits 16 Uhr. Der Plan: gegen Mitternacht in der 650 Kilometer entfernten Uckermark einzutreffen. In Remscheid lege ich den ersten Tankstopp ein und überprüfe mein Gepäck. Nach dem Bezahlen komme ich zurück und finde Big Susi inmitten einer großen Benzinpfütze, die immer größer wird. Der Tank, den eine Firma für mich letztes Jahr repariert hat, ist leck und der Sprit tropft auf die heißen Auspuffrohre.

Der GS-Tank der Suzuki GSX 1100 leidet unter Inkontinenz

Der Kassierer der Tankstelle kommt herausgerannt und benimmt sich, als wäre ich ein Terrorist. Ganz schnell losfahren, damit der Fahrtwind das Benzin von den heißen Auspuffrohren fernhält? Doch nein. Es rinnt so zügig, dass es zwischen Remscheid und der Uckermark wohl kaum genug Tankstellen geben würde. Ich kaufe einen Plastikbecher, bohre mit dem ­Taschenmesser ein paar Löcher in den Rand und befestige ihn mit Kabelbindern unterhalb der Stelle, wo das Benzin runtertropft. Dazu stopfe ich ein paar Unterhosen unter den Tank, um Überschüssiges aufzusaugen. Deprimiert fahre ich zurück nach Köln. Dabei muss ich immer mal wieder anhalten, um das Super bleifrei aus dem vollgelaufenen Auffangbecher über einen weiteren Becher in den Tank zu leeren. Der Lichtblick: Im Regal zuhause liegt ein weiterer GS-1000-Tank. Ich verbringe den Rest des Abends damit, die Tanks zu tauschen. 

Notfallplan Plastikbecher und Kabelbinder, um keine brennende Benzinspur hinter sich her zu ziehen

Freitag, 14. August. Das Partywochenende mit hundert Freunden auf einem Bauernhof nicht weit vom Templin geht heute los. Ich starte morgens um 7 Uhr. Auf den ersten 250 Kilometern geht alles gut. Dann steigen die Temperaturen und der Schlafmangel holt mich ein. Um 12 Uhr ist die Luft  32 Grad heiß. Ich halte alle vierzig ­Minuten, nur die klimatisierten Raststätten bewahren mich vor dem Hitzekollaps. Als ich mich gegen 15 Uhr an Potsdam vorbeiquäle, kratzt die überm heißen ­Asphalt flirrende Temperatur sicher an der 50-Grad-Marke. Um 18 Uhr bin ich endlich da.

Mein Gesicht sieht dank Wind und Sonne aus wie ein rohes Steak

Ich bin mit offenem Visier gefahren, um zu verhindern, dass mein Gehirn schmilzt. Mein Gesicht sieht dank Wind und Sonne aus wie ein rohes Steak. Jedermann scheint entspannt sein Bierchen zu trinken. Man nimmt mich mit runter zum See, schenkt mir Früchte, kühle Limonade und mitlei­dige Blicke. Ich bin glücklich. Ich fühle mich wie der Überlebende eines epischen Trecks durch die Wildnis. Big Susi hat alles prima überstanden. Die Party entwickelt sich zur besten seit Jahren und ich treffe ein Mädel, das ich wiedersehen will. Und so bleibe ich zwei weitere Wochen in Berlin. 

Voll bepackt gen Osten. 1 300 km sind für einen Umbau ein ganz schönes Brett. Big Susi hat dieses Abenteuer aber trotz der teils widrigen Umstände richtig gut gemeistert

Jedes Mal, wenn sich die Chance bietet, fahre ich ’ne Runde mit den Damen von THE CURVES. Ein Artikel aus einer ROADSTER-Ausgabe hat fünf neue weib­liche Mitglieder generiert, Tendenz steigend, genauso wie die Zahl von Curves-Bewunderern – etwa zehn »Sons of An­archy«-Dream-Boys, jeder mit einer alten BMW Boxer, einer Harley oder einer ­Triumph. Wir fahren nie sehr weit oder besonders schnell, aber das ist gar kein Problem. Es geht darum, zusammen abzu­hängen und den Puls der Stadt in einer schönen warmen Sommernacht zu genießen. Herum­fahren, etwas Abenteuer ­suchen. In solch einer Nacht hast du Angst ins Bett zu gehen, denn du könntest was verpassen. Es ist nicht wichtig, was du fährst, mit wem du fährst macht den Unterschied. 20 oder 120 PS – wen interessierts? 

»Gut, fahr einfach! Halt nicht an!«

An einem Nachmittag treffe ich das spezielle Mädel von der Party in einem Café in Mitte wieder. Nach rund einer Stunde angenehmer, aber unverfänglicher Konver­sation biete ich ihr an, sie auf meiner Maschine nach Hause zu bringen. Sie schlingt ihre Arme um meine Hüfte und hält sich doller fest, als sie müsste. Es soll ein zehnminütiger Trip werden, aber ich will es noch etwas länger genießen. Als wir ihre Straße erreichen, brause ich einfach weiter. Sie fragt mich, wohin wir fahren. Ich antworte: »Ich weiß es nicht«.  Sie sagt: »Gut, fahr einfach! Halt nicht an!«   

 

Tim Davies