CUSTOMBIKE-Mitarbeiter Horst Heiler schraubt seit mehr als 40 Jahren an seiner NSU Konsul. Während Horst resümiert, was er so alles modifiziert hat, schnappen wir uns den Chopper für eine ausgiebige Runde.

Benzinhahn auf, Vergaser tupfen, so lange bis Benzin überläuft. Und auf keinen Fall vergessen den Ölhahn zu öffnen, sonst gibt‘s nach wenigen Kilometern einen kapitalen Motorschaden. Ich drehe den Zündschlüssel neben dem linken Oberschenkel auf »On« und drücke den Kickstarter behutsam über den oberen Totpunkt – »fumm«. Kicker wieder in Ausgangsposition und erst jetzt kann ich mit voller Wucht auf das Pedal eintreten – pffftpfftpfft.

Jahrzehntelange Evolution hat die NSU zu dem gemacht, was sie heute ist

Gleich noch einmal und siehe da: Patt-patt-pattpattpatt, der 500 ccm große Einzylinder springt unter metallischem Hämmern an und verfällt in einen niedertourigen Leerlauf. Zunächst einmal zählt diese Startprozedur zu den Standards bei Klassikern, doch gerade bei dieser NSU Konsul gleicht der trommelnde Motorlauf einem kleinen Wunder. Denn der soeben zum Leben erweckte Einzylinder hat nur noch sehr wenig mit seiner Ausgangsbasis zu tun, er geht getrost als echter Eigenbau durch.


Der Einzylinder geht getrost als Eigenbau durch

Horst: Wann mir die Idee zu einem NSU-Chopper gekommen ist, und warum eine NSU? Nun, in den Siebzigern spielte es kaum eine Rolle, welches Motorrad du als Basis für einen Chopper nahmst. Harleys waren noch selten und finanziell unerreichbar. Wichtig war zu wissen, was ist legal, was wird nicht genehmigt, wo kriege ich meine Teile her und welcher TÜV trägt sie dann auch ein. Angstschweiß gehörte noch zum TÜV-Besuch.

DIe Gabelbrücken sind Eigenbau, ebenso wie Primärantrieb und Gehäusedeckel

Meine gechoppte 200er-Zündapp war zu zweitaktend und wirklich lahm. Die Sitzposition auf meinem R 67/2 BMW–Chopper war beschissen und meine original restaurierte 500er NSU Konsul zu brav. Aber eine NSU Konsul als Basis wäre schon gut. Der Dampf von unten raus, die Vibrationen … Auf Teilemärkten wurden die Teile zusammengesucht: NSU-Rahmen, -Getriebe und -Schaltautomat. Manches war schon am Lager.


Bing-, Jikov- und Amal-Vergaser wurden im Lauf der Zeit probiert

Mehr als 40 Jahre Schrauberarbeit – in der NSU steckt eine lange Evolution

Seit mehr als 40 Jahren bastelt CUSTOMBIKE-Urgestein und Szenekenner Horst Heiler bereits an seiner ganz persönlichen Konsul. Er veränderte nach und nach jedes erdenkliche Detail. Und selbstverständlich fuhr und fährt er mit dem Bike oft und reichlich. Und dass man mit seinem Chopper durchaus fahren kann, erfahre ich gerade sehr intensiv. Leicht ist sie, die NSU. Ohne quälende Strampeleien wende ich den Chopper auf dem engen Feldweg. Es ist erstaunlich, wie direkt der alte Einzylinder am Gas hängt. Quirlig und voller Leben entert der Single die viel befahrene Landstraße in Richtung Speyer.

Ein Chopper wie aus dem Bilderbuch: viel serienmäßiges ist nicht übrig geblieben

Schnell wird der Griff zum Handschalthebel nötig, nach kurzer Schaltpause und einem merklichen »Klack« sitzt der zweite Gang. »Klack« – dritter. Der vierte schaltet sich beinahe geräuschlos. Die Beschleunigung ist durchaus beachtlich. Ich merke bald, dass es zum Anfahren in der Ebene locker auch der zweite Gang tut. Der Eigenbau-Motor ist elastisch genug und so erspare ich mir einen Schaltvorgang mit der rechten Hand. Bereits nach wenigen Minuten Fahrt kommen mir sämtliche Handgriffe vertraut vor. Kuppeln, Schalten, kräftig, sehr kräftig am Bremshebel ziehen.


Viel wurde ausprobiert und wieder verworfen

Die Hinterradnabe einer 650er-Yamaha ist in eine 16-Zoll-AME-Felge eingespeicht. Vorne wurde eine halbe vordere Yamaha-Radnabe mit der Bremstrommel des NSU-Prinz-Autos gepaart. Bahnsport-NSU-Motorenteile wie offene Haarnadelventile wurden mit einem 500er-Konsul-Motorgehäuse verbunden. Als Gabel war zunächst eine Trapezgabel der großen OSL geplant, die entpuppte sich aber als untauglich. Zu kurz. Das Bike sah zwar »huiii« aus, aber was nutzt der genial aussehende Lowrider, wenn man ohne aufzusetzen nicht die Kurve packt oder einen Randstein hochfahren kann. Die Gabel einer Horex Regina war so lange okay, bis mir BMW /7-Gabelrohre in die Hände fielen. Kombiniert mit Krauser-Traveller-Standrohren, die zehn Zentimeter länger waren und TÜV-Papiere hatten, und mit handgefertigten 5-Grad-Alu-Gabelbrücken sah das Teil dann eher wie ein Chopper aus. Erst der dritte TÜV-Prüfer brachte mir Wohlwollen entgegen.

Die hintere Trommelbremse stammt von einer Yamaha XS 650

Ein echter Chopper muss knallen und rappeln

1988 sah ich im schwedischen MCM-Magazin den Eigenbau-Einzylindermotor im Chopper von Christian Lange. Würde sich so etwas Ähnliches nicht auch mit einem NSU-Gehäuse und einem Kopf der Shovelhead machen lassen? Vielleicht mit einem BMW-Zylinder verkuppelt? Nun, der BMW-Zylinder ging nicht, also wurde ein Aluzylinder mit Gusslaufbuchse gefertigt, passend zu einem zurechtgestutzten und erleichterten Shovelhead-Kolben …

Horst hatte dem Motor einen selbstgefertigten Aluzylinder verordnet und auch bei den Innereien vieles optimiert. Doch damit nicht genug. Er passte den Zylinderkopf einer Harley-Davidson Shovelhead an, dichtete diesen mittels O-Ring ab, bearbeitete die Kurbelwelle und verbaute eine Lichtmaschine, die per Zahnriemen angetrieben und von einem Eigenbau-Gehäusedeckel abgedeckt wird. Und dieses Eigenbau-Wunderwerk poltert gerade lebhaft unter mir.

Horst Heiler schraubt seit 40 Jahren an seiner NSU Konsul

Wer immer nur moderne Motorräder fährt, dem muss die NSU wie ein metallisch scheppernder Traktor vorkommen. Sie vibriert mächtig, fühlt sich nur bei mittleren Drehzahlen richtig wohl, verlangt nach Einfühlungsvermögen. Doch muss ein echter Chopper nicht knallen und rappeln wie ein Radlader? Ist es nicht das, was ihn von einem Tourer-Sportler-Langweiler unterscheiden soll?


Sowohl das 350er NSU-Gehäuse als auch der Harley-Zylinderkopf waren umzuschweißen und anzupassen. Damit aus 350 ccm wieder 500 ccm wurden, gab’s nicht nur den dickeren Harley-Kolben. Die Kurbelwangen einer Vorkriegskurbelwelle hatten das passende Mehr an Hub. Angepasste Nockenwellen, Eigenbau-Rollenschlepphebel, passend gefertigte, einstellbare Titan-Stößelstangen und ein im Steuerdeckel eingeschweißtes Fenster – zur Ventileinstellung – kamen hinzu. Im Verschlussdeckel steht in handgravierten Lettern jetzt stolz NSU.

 

Eine 500er NSU musste her, alles andere war zu lahm oder zu soft

Früher hatte es so eine NSU einfacher. Da zählte eine 500er noch zu den Schnellen auf der Straße. Heute ist ihre Beschleunigung zwar ausreichend, doch wird die Konsul auf gut ausgebauten Landstraßen und erst recht auf Autobahnen vom restlichen Verkehr gnadenlos durchgereicht. Vertreter-Astras und Installateurs-Sprinter sind eben verdammt schnell geworden. Als Ausweg bleiben Nebenstraßen, enge Wege, auf denen es sich genüsslich mit 90 oder 100 km/h dahinpoltern lässt. Denn das beherrscht die Konsul wie kaum ein anderes Bike. Ich drehe den lässig geformten und dennoch griffgünstig gekröpften Holy-Banana-Lenker in Richtung Waghäusel. Perfektes Terrain für den Chopper.

NSU Horst Heiler

Vielleicht doch noch ein »King & Queen«-Sitz ?

Aus Edelstahlrohr entstand nach meinen Angaben ein Auspuffkrümmer, der VA-Schalldämpfer ist dem originalen NSU-Endtopf nachempfunden. Bing-, Jikov- und Amal-Vergaser wurden im Laufe der Zeit probiert, am Rahmen die Geradewegfederung abgetrennt und das Heck mit einer Kastenschwinge um gut 25 Zentimeter verlängert. Das handgefertigte, mitschwingende Schutzblech bekam gleichzeitig mit der Motor- und Rahmenänderung anfang der 1990er Jahre den TÜV-Segen. Zahnriemen und -räder aus dem Maschinenbauzubehör wurden in einen funktionierenden Primär-Belt-Drive umgearbeitet. Und weil der jetzt ungewöhnlich lang ausgefallene Kettenantrieb zum Hinterrad während einer Saison seine zerstörerischen Kräfte am Kettenschutz und Kotflügel auslebte, kam auch hinten ein Zahnriemen zum Einsatz. Dabei ist das vordere Pulley komplett aus einem Rohling angefertigt und hinten ein Harley-Riemenrad passend gemacht. Die Farben Schwarz (bis 1988), Aubergine-Metallic (bis 1999) und ein mattes, mit der Farbrolle aufgetragenes Werkzeugmaschinen-Grün trug das Mopped, bis es 2012 den heutigen Touch im frühen Siebzigerjahre-Stil bekam. Eigentlich wäre ich nun zufrieden … vielleicht noch ein King&Queen-Sitz?

NSU Horst Heiler

Kein modernes Bike bietet diese Erlebnisse

Durchgeschüttelt, aber zufrieden kehre ich von meiner Runde mit der Eigenbau-NSU zurück. Der Ritt war voller intensiver Erlebnisse. Erlebnisse, die ein modern-perfektes Bike niemals bieten kann. Ursprünglich, rudimentär und rau. Und dennoch vermittelt die Maschine nicht den Eindruck einer zusammengestoppelten Bastelbude. Die Perfektion des Umbaus spürt man auf jedem Meter. Kompliment, Horst. Das hier ist ein ganz besonderer Fahrtest.

Info | www.customandclassic.com