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Kreidler, Zündapp, Hercules, Simson – Träume unserer Jugend und der Anfang fast jeder Schrauberkarriere. Das war für eine Handvoll Experten in Sachen Custombikes Grund genug, ein ganz besonderes Projekt auf Basis einer Kreidler Florett an den Start zu bringen.

Wer erinnert sich nicht gern an seine Jugend, als man ganz entspannt und voll cool mit seiner Kreidler unterwegs war. Immer eine Dose pfandfreies Bier an Bord, viele hatten außerdem diese schädlichen Dinger, die sich Glimmstengel nennen, dabei. Man konnte sie damals ohne Altersbeschränkung kaufen. Mit zwei D-Mark fürs Zweitaktgemisch und einem Heiermann – Hamburger Slang für ein Fünfmarkstück – für Cola-Rum bretterte man zur Dorfdisco, um den jungen Schnitten mit seiner Schlaghose zu imponieren.

Die Basis: Kreidler Florett von 1975

Fuchsschwanz, große Spiegel sowie Jeansweste gehörten ebenso dazu wie ein aufgebohrter Auspuff und ein bisschen Tuning. Schließlich musste man immer schneller sein als die Bengels aus dem Nachbardorf, wenn es wieder einmal Zoff um die Dorfschönheiten gab. So ziemlich 35 Jahre nachdem diese 1975er Kreidler ihre besten Zeiten hinter sich hatte, bekam sie Danny Schramm vom Schrammwerk in die Finger.

Mario Kyprianides hat schon zahlreiche Showwinner hervorgebracht. Auspuff-Kreationen sind seine Spezialität, sieht man auch hier

Er wollte endlich wieder den Gemischgeruch in der Nase haben und irgendwo in der Ecke wartete bestimmt noch ein Fuchsschwanz auf seine Wiederentdeckung. Nach einiger Zeit beschloss er, die Kreidler zu reanimieren. Und als er so bei einer Rumcola mit seinem Kumpel Jens drüber nachdachte, kam er auf eine Idee, die innerhalb weniger Wochen eskalieren sollte. Er stellte das Projekt in einem sozialen Netzwerk online und schon war der Stein zum einem der verrücktesten Projekte der Customszene losgetreten.

Das Kreidler-Projekt fand rege Unterstützung

Viele Hersteller, Lieferanten und Top-Customizer meldeten sich und verkündeten, dass sie auch so etwas hatten und ob er noch etwas für das »Bike« gebrauchen könne. Das Kreidler-Projekt war geboren, das Ergebnis seht ihr hier. Wie das Ding einmal aussehen sollte, das wusste am Anfang keiner so recht. War aber auch egal, denn es wuchs einfach – mit jedem neuen Enthusiasten, der sich für die Idee begeisterte, ein Stückchen mehr.

Sage und schreibe 20 Erbauer arbeiteten an dem Projekt, dazu kommen noch ein paar Lieferanten von Kleinteilen – einfach der Wahnsinn

Einer der ersten Beteiligten war Uwe Ehinger von Ehinger Kraftrad, der eine 1936er BSA-Girdergabel beisteuerte und den Lenkkopf passend modifizierte. Als Nächstes waren die Räderspezialisten von TTS an Bord, die einen Satz Speichenfelgen herstellten. Natürlich passten die nicht in die Originalschwinge und -gabel. Florian Engel, der junge Customizer aus der Hamburger Engelsschmiede übernahm den Job, das Fahrwerk fit für die 23-Zöller zu machen.

Jens Naber fertigte eine neue Kupplung samt Abtrieb an

Klar, dass zu einer echten Kreidler echtes Tuning gehört. Hier kam Sven Naber von NHPower ins Spiel, der den Motor komplett überholte, mit »kleinen Eingriffen«, wie er schmunzelnd erklärt. Die Angst, dass die Kupplung die neue Leistung nicht verkraften würde, war trotzdem da. So fertigte Jens eine neue Kupplung samt Abtrieb an. Den Vergaser lieferte die Vergasermanufaktur aus Hamburg.

Eigentlich liefert NHPower High-Performance-Antriebe für Harley-Customs, für die Kreidler machten die Jungs eine Ausnahme vom Alltagsgeschäft

Irgendwann war Mario Kyprianides, anerkannter Customizer seiner eigenen Firma »Chopper Kulture« zu Besuch im Schrammwerk. Danny erzählte vom Kreidler-Projekt und Mario beschloss, den Auspuff anzufertigen. On Top und unter massivem Fluchen und Pöbeln fräste er außerdem aus übrig gebliebenem Edelholz eines Yachtprojektes Rücklicht und Scheinwerfer. Zwei Versuche gingen übrigens vor dem Finish der Teile schief – und endeten als Feuerholz in Marios Kamin.

Den Lenker für die Kreidler Florett fertigte das V-Team an

Das Team von »Choppers Kuwait« bekam ebenso Wind von der Aktion. Die Jungs fertigten die Griffe versendeten sie nach Deutschland. Um den Griffen einen anständigen Lenker zu gönnen, sprang das V-Team mit ins Boot. Bei den Spezialisten in Ibbenbüren entstand ein Lenker mit innenliegenden Zügen, eine Gabelbrücke und am Ende dann auch noch der Auspuffkrümmer für Marios Endtopf. Mit den Worten »nie wieder« übergab Peter vom V-Team die Teile, denn auch er benötigte zwei Anläufe und diverse Änderungen, um diese zierlichen Teilchen zu fertigen.

Eine Knuckle-Rockerbox als Lampenhalter, das Vorderlicht entsteht wie sein rückseitiges Pendant aus Edelholz

Die Weltreise des Projektes nahm immer weiter Fahrt auf, denn schließlich hatte sich Dannys Vorhaben bis nach Neuseeland rumgesprochen. Dort lebt Mike, früher in Deutschland mit seiner Firma MS Bikes als »Mr. Streetfighter« bekannt. Er lieferte den Tank für den Zweitakter. Parallel fertigte Uwe Jäckel von Bukaneer Design eine handpunzierte Tankeinlage aus Leder. Auch Müller Motorcycles klinkte sich ein, fertigte einen Kennzeichenhalter und einen passenden Halter auf der CNC- Fräse an.

Gemeinschaftsprojekt der Custompainter-Ikonen

Das Projekt hatte endgültig Formen angenommen und dann geschah etwas wohl Einmaliges in der Szene. Danny, selbst einer der besten Lackkünstler Deutschlands, lud sein großes Vorbild Ingo Kruse von Kruse Design und den zu den Besten der Welt gehörenden Custompainter, Markus Pfeil ein, die Kreidler gemeinsam zu gestalten und zu lackieren. Auch die ließen sich nicht zweimal bitten, auch bei ihnen schwappten die Jugenderinnerungen hoch.

Spaß, Spaß und nochmals Spaß: Danny driftet mit der Kreidler über den Sand, dass es eine Freude ist. Leistung genug hat der Zweitakter dafür allemal, erinnert uns an die ganz großen Schulhofauftritte in den Achtzigern

Als der Tag der Präsentation auf den Hamburger Harley Days immer näher rückte, wurde die Zeit doch nochmal verdammt knapp. Unter Mithilfe von Ralf Behnken, einem begnadeten Schrauber, wurde die letzten Nächte durgecharbeitet, um alle Schrauben in das Mokick und die Elektrik auf die Reihe zu bekommen. »Ralf hat mir den Arsch gerettet«, sagte Danny später in Hamburg, »denn ich hätte ohne ihn und den Tritt in den Hintern, den meine Frau Vivien mir verpasst hat, aufgegeben.«

Gab’s auch noch nie: Kreidler Florett mit Airride

Nun hat so eine Kreidler nicht viel Elektrik, es sein denn man verbaut vorn und hinten ein Airride von Customizer Michael Naumann. Auch hier kam am Ende nochmal Hilfe aus der Engelsschmiede. Mitarbeiter Jojo verkabelte Licht, Airride und Zündung in der letzten Minute. Doch selbst unter Zeitdruck fiel den Jungs noch Blödsinn ein, so dass die Engelsschmiede den Kicker umkonstruierte, so dass die Kreidler nun mit der Hand angerissen wird.

Die Florett war das Universalmodell von Kreidler, wurde in vielen Varianten angeboten

Pünktlich zu den Harley Days war das »Bike« fahrbereit und wurde wie geplant vorgestellt. Sicher gab es die, die das Projekt belächelt haben, sich gar lustig machen und in Frage stellen, warum ausgerechnet ein 50-Kubik-Ding so einen Aufwand erfährt, warum Top-Leute sich mit Spaß und ohne Verbissenheit mit so einem Quatsch beschäftigen. Aber sie waren in der Minderheit.

Jugenderinnerungen werden wach

Auf der anderen Seite gab es die lange Schlange gestandener Biker, denen ein Lächeln angesichts einer aufgemöbelten Jugenderinnerung übers Gesicht blitzte. Wir reihen uns definitiv bei denen ein und feiern das Kreidler-Projekt hart. Und Danny? Nun, der hat sich wohl seinen alten Fuchsschwanz von Vaters Dachboden geholt, seine Jeansweste angezogen, ein heimliches Bier getrunken und hinter der Bushaltestelle geraucht, ganz sicher. 

Info | schrammwerk.com

 

Frank Sander