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Downsizing ist ein schönes Wort, es bezeichnet die Gesundschrumpfung oder Verkleinerung im positiven Sinn. In Stefans Fall bedeutete es den Übergang von vier auf zwei Räder, den er kommt aus der Autoszene und die Kawasaki VN 800 ist sein erster Umbau.

Früher oder später kriegen wir sie alle …«, sagte mal irgendwann irgendwer. Ein Zitat, das sich auf so ziemlich alles übertragen lässt. Und doch passt es ganz gut auf die Customszene, denn wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, den lässt sie nicht wieder los. So wie Stefan, der erst vor ein paar Jahren Jahren über das Thema »Motorrad« stolpert. Zu diesem Zeitpunkt besitzt er lediglich den Schein für die 125er und ist den Autos zugetan. Der einzige gemeinsame Bezugspunkt: geschraubt wird immer.

Fahrwerk und Motor blieben aus Budgetgründen original, aber Peanut-Tank und Weißwand-Shinkos geben schon mal eine schöne Bobberoptik

Er selbst bezeichnet sich als jemand, der von einer Harley träumt und sich eher in der »gemütlichen« Ecke des Motorradfahrens sieht. Mit schnellen, PS-starken Bikes kann er nichts anfangen. Dass es nie zu spät für ein neues Hobby ist, erfährt er mit Mitte dreißig, als eine kleine 125er im Starrrahmen seinen Weg kreuzt und alles verändert. Er schafft sich den knuffigen Einzylinder an und wird vom Motorradvirus erfasst. Schnell wird der Motorradführerschein gemacht und mit der Suche nach einer geeigneten Umbaubasis begonnen. Harleys liegen budgetmäßig noch außerhalb der Reichweite, deshalb orientiert er sich bei den Japanern.

Kawasaki VN 800 Classic als günstige Umbaubasis

Auch Hondas VT 600 steht auf der Liste, doch der Heckrahmen mit seinem Subframe unterm Schutzblech erfordert einen großen Aufwand, um dem Bike eine Linie zu geben. Und da der Bobber-Stil seinen Vorstellungen entspricht, sucht er im Netz nach entsprechenden Angeboten. Schließlich bleibt er an einer Kawasaki VN 800 Classic hängen, die sich noch im originalen Zustand befindet und gerade mal 14000 Kilometer auf dem Tacho hat. »Sie war sogar fahrbereit. Trotzdem habe ich sie nach dem Kauf in meine Garage gebracht und angefangen sie zu zerlegen.

Der Rest liegt in den Vintage-Details wie Griffen, Federsattel, Oldstyle-Lenker oder Auspuffband

Da ja klar war, in welche Richtung der Umbau gehen sollte, bin ich zu meinem TÜV-Prüfer vor Ort gegangen und habe mit ihm besprochen, was ich vorhabe. Er hat mir gesagt, was geht, und was eben nicht geht. Schließlich habe ich das Okay bekommen und konnte anfangen Teile zu beschaffen.« Parallel dazu entfernt er den Heckrahmen, der zum Glück nur geschraubt ist, sucht sich einen passenden Heckfender sowie einen entsprechenden Sitz mit Federn. Das meiste findet er im Internet wie den Peanut-Tank oder die Auspuffanlage mit der manuellen Klappensteuerung.

Die Kawasaki VN 800 ist eine dankbare Basis

Große Probleme beim Umbau tauchen nicht auf, wie Stefan erklärt: »Das ist überraschenderweise alles sehr geschmeidig gelaufen. Auch weil die VN eine so dankbare Basis ist.« Vielleicht aber auch, weil der frühere Autoschrauber mit Können und Ehrgeiz an die Sache geht und fast alles selbst macht. Egal ob Schweißen, Flexen oder Lackieren, das Motto lautet stets: Do it yourself. »Ich habe schon früher lackiert und Airbrush gemacht, daher war klar, dass ich auch mein Bike selbst sprühe.«

Auch ans Lackieren wird sich getraut, Schablonen, Plotter und Metalflake-Lack sind gute Helfer

Die Ausrüstung dafür hat er, ebenso Schablonen und einen Plotter. Bei der Farbgebung hat er klare Vorstellungen: Ich wollte auf jeden Fall Metalflakes.« Auch beim Leder lässt er es sich nicht nehmen und fertigt Seitenteile und obere Gabelcover selbst an. Die Schwingentasche wird sein persönliches Meisterstück: »Bei so einem Bike hast du immer das Platzproblem, wenn du unterwegs bist. Meistens endet es damit, dass du dann alles in einen Rucksack packst. Das wollte ich ändern.«

Die Trageriemen werden zur Halterung für die Mexiko-Decke

Eine alte Lederschultasche seiner Schwester soll Abhilfe schaffen. Er schneidet sie zurecht und näht die Teile zusammen. Selbst das Punzieren lässt er sich nicht nehmen, besorgt sich ein Starterset mit Punziereisen und legt los. Die übriggebliebenen Trageriemen finden ebenfalls Verwendung. »Aus denen habe ich die Halterung für meine Mexiko-Decke genäht.« Geschraubt hat er, wie die meisten, nach Feierabend und an den Wochenenden. »Geht ja nicht anders, wenn man noch einen Job hat.«

Die Halteriemen der Ledertasche finden Verwendung als Halter für die Mexiko-Decke

Die Freundin unterstützt seine neue Leidenschaft, und für den Fall, dass sie mitfahren möchte »… leihen wir uns ein Moped, denn mit meinem Einsitzer geht das leider nicht.« Seit die Kawa auf der Straße ist, werden auch regelmäßig Treffen angefahren. Weitere Umbaumaßnahmen sind dagegen nicht geplant. Wohl aber eventuell ein zweites Bike, denn Ideen hat Stefan noch genug: »Der Starrrahmen geht mir ja nicht aus dem Kopf. Außerdem wäre etwas mit einem schmalen Vorderrad und einem Ducktail-Fender interessant.« Scheint, als hätte der Custombike-Virus Stefan endgültig im Griff. 

 

Christian Heim