Was wäre, wenn sich das visuelle Design von Motorrädern in den letzten einhundert Jahren nie weiterentwickelt hätte, wohl aber ihre Technik? Zugegeben, eine sehr hypothetische Frage – auf die Designer und Customizer Luuc Muis aber eine gewaltige Antwort gefunden hat.

Es ist eine wahrhaft waghalsige Aufgabe, der sich Luuc Muis stellt, als er sich entscheidet, ein Design für einen Wettbewerb, ausgerufen von der Benelux-Indian-Vertretung, einzureichen. Die Anforderung ist einfach: Eine aktuelle Indian Scout muss es als Basis sein, ansonsten würde der Gewinner freie Hand bei der Realisierung seines Designs haben.

Die Scout Bobber hat sich zu einem beliebten Modell für Custombikes entwickelt. Eine krass sportliche Linie bekommt sie allerdings selten. Zumal die, und so ehrlich muss man sein, in Deutschland auch kaum zulassungsfähig wäre

Der Haken, das Motorrad soll am ersten November fertig sein, exakt zwanzig Wochen nach Bekanntgabe des Siegerentwurfes. Trotz seines Fulltime-Jobs als Designer für Aftermarket-Spezialist Motorcycle Storehouse und die Helmmarke Roeg, wollte der 27-Jährige unbedingt am Contest teilnehmen. Vier Designs reicht er für den Wettbewerb ein, jedes basiert optisch auf einer anderen Epoche der Indian-Historie. Die Boardtrack-Version, inspiriert von Indian-Racern um die 1910er-Jahre, bekommt den Zuschlag, am vierzehnten Juni steht fest: Luuc Muis wird dieses Motorrad bauen, die 2019er Scout wird schnell geliefert.


Der Siegerentwurf, den Luuc Muis für den Wettbewerb »Scout Bobber Project« eingereicht hatte. Er orientiert sich damit an Indian-Boardtrackern aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert und nimmt die Herausforderung an, die Technik eines modernen Serienbikes mit der Einfachheit alter Motorräder zu kombinieren.

»Aber das Zeitproblem war so wahnsinnig groß und eine eigene Werkstatt habe ich auch nicht«, wie gesagt, Luucs Vorhaben ist mutig und es gibt nur einen Weg. »Ich würde an den Abenden und den Wochenenden arbeiten und müsste einen verdammt guten Zeitplan haben, das war klar.« In der Werkstatt seines Freundes Bert Jan findet er außerdem den Platz, die handwerklichen Arbeiten am Motorrad auszuführen. Vor denen schlägt freilich die Stunde des Designers, der den Computer als selbstverständliches Arbeitsmittel betrachtet.

Was für eine Linie. Die Indian ist im neuen Fahrwerk knapp länger als das Original, das Gesamtgewicht dagegen wurde dank Aluminium- und Carbonbauteilen deutlich gesenkt. Der Umbau auf Kettenantrieb war ebenfalls Pflicht, die Orientierung an alten Vorbildern erfordert das

Luuc beginnt seine Arbeit am Motor. Nicht um ihn zu verändern, er wird am Ende als einziges Teil original bleiben. Wohl aber, um ein komplettes Rahmenkonzept für den Zweizylinder zu entwickeln. Mittels eines Scanners wird der Motor komplett digitalisiert, um die exakten Abmessungen zu erhalten. Über einen 2-D-Entwurf als Referenz nimmt der Rahmen eine 3-D-Form an. Autodesk Fusion 360 heißt das CAD-Programm, das Luuc dafür nutzt. Er erklärt uns das für uns böhmische Dorf mit Leichtigkeit, als »eine Software, die einen gesamten Konstruktions- und Entwicklungsprozess in einem einzigen cloudbasierten Tool abdecken kann.« – aha.


In diesem Prozess erzeugt Luuc sechzehn Teile, die aus massivem Aluminium gefräßt werden müssen. Bei Scheffers Engineering in Norwegen entsteht aus diesen Einzelteilen in Verbindung mit einigen Rohren ein dreiteiliger Aluminium-Rahmen. Der verzichtet übrigens auf ein klassisches Rückgrat. Dort,wo das normalerweise sitzt, wird später der Tank die tragende Funktion übernehmen.

Unterm zweigeteilten Tank sitzen die meisten elektronischen Komponenten, versteckt zugunsten einer sauberen Optik

Und noch was finden wir sensationell gelöst: Auf den ersten Blick wirkt der Rahmen starr, wie es sich für einen alten Boardtracker gehört. Wer aber genau hinschaut, wird die Zentralfederung unter dem Sattel erkennen. Die komplette Hinterradaufhängung wird so zu einem einzigartigen System, das von modernen Mountainbikes inspiriert ist. Als Luuc seinen Rahmen bekommt, ist die Hälfte der Bauzeit bereits verstrichen, »die Zeit wurde mein größter Feind«, erinnert sich der Holländer. Aus Abenden wurden Nächte, der Bau beginnt, seinen Tribut einzufordern. Die Zeit für reine Handarbeit ist nun außerdem gekommen.


»Der Tank war tatsächlich eine größere Herausforderung als der Rahmen«, gibt Luuc zu. Beim genauen Blick auf das aus Blech handgefertigte Spritgefäß wird klar, warum. Es trägt nämlich mehrere Komponenten in sich. Wer genau hinschaut, wird erkennen, dass der Tank geteilt ist. Im linken und mittleren Bereich sitzt das eigentliche Spritgefäß. Auf der rechten Seite dagegen ist unter der Tankhälften-Attrappe Platz für die aufwendige Elektronik, die ein modernes Bike braucht, dazu das Drosselklappengehäuse und die Benzinpumpe.

Alle Teile fürs Motorrad entstanden zunächst am Computer, auch die gefräste Gabelbrücke mit integriertem Tacho aus deutscher Fertigung

Um eine möglichst minimale Elektrik zu gewährleisten, setzt Luuc auf ein Steuergerät von Motogadget und ein Managementsystem von MaxxECU. Tatsächlich weist er damit einen Weg, wie eine cleane Optik bei aktuellen Motorrädern mit all ihren Features funktionieren kann, der Designer wird zum Vorreiter. Dazu entwickelt DNA Performance einen einzigartigen Luftfilter, der ebenfalls exakt unter den Tank passt. Luucs Zeitproblem bleibt trotzdem, doch er hat Glück, zum richtigen Zeitpunkt findet er Partner, die ihm beistehen und ihrerseits das Tempo anziehen.

Da wäre zunächst CeraCarbon, die eine Vollcarbon-Gabel mit diamantgeschliffenen, keramikbeschichteten Gabelrohren als Einzelstück herstellen. JSR Service produziert einen Satz einmaliger Speichenfelgen, ausgestattet mit einem Moto-Master-Bremssystem und Brembo-Sätteln. Parallel baut Old Dutch Leatherworks einen passenden Sattel, Kellermann liefert lächerlich kleine Rücklichter, die auch als Bremslichter fungieren und unterm Sitz montiert werden. Ein paar Tage Zeit bleiben außerdem, um alle Teile für Pulverbeschichtungen, Anodisierung und Lackierung abzugeben. Und da ist ja auch noch ein ungelöstes Problem, die Auspuffanlage.

Einer der wenigen Unterschiede zwischen Design und Endprodukt war die Auspuffanlage, direkt am Bike angepasst, visualisiert und schließlich aus Titan gegossen bei Akrapovic in Slowenien

Luucs Zeichnung hatte eine extreme Anlage vorgesehen, die sich quasi um den Motor schlängelt. Und es ist am Ende ein kleines bisschen schade, dass dieser Plan nicht komplett aufgegangen ist, »es war technisch einfach zu kompliziert«, gibt Luuc zu.


Trotzdem findet er in Akrapovic einen Partner, der sich genauso in das Indian-Projekt verbeißt wie der Designer selbst. Mit einem gemieteten Transporter und der halbfertigen Scout im Gepäck fährt der Holländer die 1200 Kilometer nach Slowenien zur Titan-Gießerei der Auspuffexperten. Dort kommt das Motorrad auf die Bühne, der Bau von Prototyp-Rohren beginnt. Als alle zufrieden sind, werden diese Prototypen aus Titan nachgebaut, wodurch sie sehr simpel und sauber wirken. Nur eine kleine Lasergravur an den Rohrenden kommt noch dazu. Als Luuc zurück zu Hause ist, sind auch alle lackierten und beschichteten Teile fertig. Es bleiben drei Tage zur Vollendung, genug für den Zusammenbau und die Präsentation, aber zu wenig für die finale Einrichtung des Steuergerätes. Die ist aber mittlerweile erfolgt, »ich konnte es nicht erwarten, sie endlich zu hören und zu sehen, wie die Titanrohre sich blau verfärben«.

Die einzigen Parts, die vom Originalbike übrig blieben, sind der Motor und wenige Teile der Radaufhängung, vieles andere wie Rahmen, Felgen, Gabel und mehr sind absolute Einzelanfertigungen

Der Designer hat am Ende seinen eigenen Anspruch vollends erfüllt. Das Bike mit dem sperrigen Namen – hasty bedeutet hastig, ihr wisst nun warum – ist ein klassischer Boardtracker mit modernster Technik. Und wahrhaft eine brillante Hommage an Indians ruhmreiche Vergangenheit.

Info | www.luucmuiscreations.com