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Die Honda XBR 500 kam 1985 als Gegenentwurf zu Yamahas SR 500 auf den Markt, erreichte aber weder die Popularität noch die Stückzahlen. Guido bekam eine als »Scheunenfund« von einem Bekannten geschenkt. Der anschließende Low-Budget-Umbau wurde dann aber doch etwas umfangreicher.

Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit, wenn ein Motorrad unbenutzt und einsam in einem Firmenschuppen steht. Da geht der optische Zustand schon mal über das, was gerne als Patina bezeichnet wird, hinaus. Für Guido kein Grund das Angebot abzulehnen, auch wenn Hondas XBR 500 ein typisches Kind der 80er-Jahre-Formensprache ist, die sich überwiegend durch Plastik auszeichnete. »Ein Vorteil in diesem Fall, denn schließlich wollte ich sie entblättern, zersägen, schänden und war mir gewiss, dass im Gegensatz zu manch anderem Original ihr niemand eine Träne nachweinen würde.«

Honda XBR 500 – Handzahm, leicht und freundlich

Für Guido eine reizvolle Aufgabe, denn der Einzylindermotor, dem Honda bescheidene 44 PS mit auf den Weg gab, ist ein handzahmer, leichter und freundlicher Umgänger für Stadt und Umland. So weit, so gut. Doch in welche Richtung soll der Umbau gehen? Die klare Vorstellung fehlt und so nimmt er sich Zeit, sichtet den tatsächlichen Zustand der Honda, demontiert und strippt sie, bis das Rolling Chassis vor ihm steht. Zwar ist Low Budget das selbstgesteckte Ziel, doch rücken die bevorstehenden Arbeiten das erst einmal in weite Ferne. 

… wechselt aber bei Bedarf auch mal gerne auf die Speichenräder mit den grobstolligen Reifen

Nur eines ist klar: »Ich wollte zwar etwas Schickes, am Ende aber keine schimmernde Diva, die man bei Regen lieber hinterm Garagentor lässt.« Und so beginnt der Umbau, setzt Guido die Flex an, schrubbt den Rost vom Rahmen und macht sich Gedanken, wie er das Heck neugestalten kann, das auf keinen Fall im originalen Zustand verbleiben soll.

Ein abgerissener Krümmerbolzen bereitet leichten Kummer

Den Motor, der rund 35000 Kilometer runter hat, bringt er schnell wieder zum Laufen, der Vergaser wird mit einem Reparatursatz wieder fit gemacht. Einzig ein abgerissener Krümmerbolzen bereitet leichten Kummer und sorgt dafür, dass der Motor kurz in fremde Hände gegeben werden muss. Am Fahrwerk verwendet er zunächst die Serienteile, überholt aber die Gabel, dichtet sie neu ab und stattet sie mit anderen Gabelfedern aus. Auch die Stoßdämpfer werden durch Pendants von YSS ersetzt.

Erst mit dem komplett entblätterten Rahmen offenbart sich der wahre Zustand (unten). Am Motor machte nur ein abgerissener Krümmerbolzen Kummer

Ab Werk ist die XBR 500 mit Comstar-Rädern ausgestattet, doch Guido macht sich auf die Suche nach Speichenrädern. Ein Satz von Hondas GB 500 Clubman schafft Abhilfe, reißt aber gleichzeitig ein schönes Loch ins Budget. So manchen Abend verbringt er am Rechner, sucht nach Teilen und Inspiration, denn noch immer ist der Stil nicht festgelegt. »Nach und nach lichtete sich der Nebel, ein Scrambler alias City Tracker wurde mein Ziel.

Honda XBR 500 – Scrambler oder City Tracker?

Beim Stöbern nach Vorbildern erfuhr ich, dass der Tank von Hondas Serienscramblerchen CL 250 mit wenig Anpassungsarbeiten auf den Rahmen passt und fand auch bei Ebay prompt einen, wenn auch innen stark verrostet.« Schließlich folgt das Tüfteln an der passenden Linie. Guido experimentiert mit verschiedenen Optionen, fasst sogar einen hochgelegten Scrambler-Auspuff oder Krümmer von Hondas Transalp ins Auge. Gleichzeitig steht auch das Heck im Fokus, bei dem er sich auf jeden Fall die Soziustauglichkeit erhalten möchte.

Die Suche nach der passenden Linie. Ein anderer Tank und eine neue Sitzbank verpassen der sonst unscheinbaren XBR gleich einen anderen optischen Auftritt

Nach Rücksprache mit seinem TÜV-Mann kann er endlich die Flex ansetzen und das Rahmenheck abtrennen. »Rund zwei Zentimeter nach der letzten Querstrebe sind okay, hat er mir mit auf den Weg gegeben.« Für den Heckabschluss schwebt ihm ein Loop vor, der sich in den abgeschnittenen Rohren hin- und herschieben lässt und als Gepäckträger verwendet werden kann. Als Material nimmt er ein Stück Wasserrohr aus Alu/Kunststoff-Verbund im entsprechenden Durchmesser. »Das ließ sich biegen und anpassen und diente meinem Handwerker als Vorlage.«

Wegen der niedrigen Sitzbank ist der Kniewinkel enger als beim Original

Am Frontend montiert er neue Riser und einen Girling-Lenker, den er gebraucht ersteht. »Wegen der niedrigen Sitzbank ist der Kniewinkel zwar enger als beim Original, aber immer noch ausreichend komfortabel.« Vom Scrambler-Auspuff hat Guido inzwischen Abstand genommen, will sich aber immer noch auf einen einzelnen Schalldämpfer beschränken. Bei ABP-Racing besorgt er sich passende Krümmer, die er mit einem Endschalldämpfer des italienischen Herstellers Spark kombiniert.

Auch das gibt es: Begutachtung durch den TÜV vor Ort. Im Vorfeld hatte Guido alle wichtigen Umbauschritte abgeklärt, sodass die Abnahme am Ende kein Problem war

Doch der ist nach dem ersten Start so laut, dass er modifiziert werden muss, um den Lärmpegel in Grenzen zu halten. Der Rest sind Kleinarbeiten an Beleuchtung, Elektrik und was sonst noch erledigt werden muss. Schließlich entsorgt Guido noch die alten »Holzreifen«, deren Gummi höchstens noch als Brennmaterial taugt und bestellt einen Satz K-60-Stollenreifen von Heidenau. Der ComStar-Radsatz erhält Straßenreifen von Continental – für den Fall der Fälle. Zuletzt geht es noch zu Micron System, wo der Motor sauber abgestimmt wird. Der TÜV hat übrigens seinen Segen erteilt und Guidos XBR die Freigabe für den Straßenverkehr gegeben. 

 

Christian Heim