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Noch nie Motorrad gefahren, keinen Führerschein, keine Schraubererfahrung – doch plötzlich, von heute auf morgen, ändert sich alles. Die Customwelt steckt voller wunderbarer Überraschungen, wie diese Honda VT 600 Shadow beweist.

Am Anfang steht immer ein kleiner Funke, der das Feuer entzündet, die Leidenschaft für eine Idee entfacht, unsere kreativen Kräfte freisetzt, der uns antreibt neue Wege einzuschlagen und uns zu neuen Zielen führt. Wenigstens in dieser Beziehung bildet Pascale keine Ausnahme. 

Keine Zeit, doch wenn der Schraubergott anklopft …

Als der Schraubergott ihn erweckt, ist der Jungunternehmer, der einen Frisörsalon und Barbershop mit mehreren Angestellten betreibt, nicht gerade üppig mit Freizeit gesegnet. Das Unternehmen will befeuert werden, der Fußballverein seinen Anteil und das Privatleben sollte auf keinen Fall vernachlässigt werden.

Die Speichen in Schwarzchrom und Weißwandreifen ergänzen den schlichten Look, für den Pascale sich entschieden hat

Doch unverhofft öffnet sich eine neue Tür. Im vergangenen Jahr entschließt er sich, den Motorradführerschein zu machen und zieht die Fahrschulausbildung in gerade mal drei Wochen durch. Fehlt also nur noch das passende Moped und eine kundige Hand, die ihm hilft, seiner neuen Leidenschaft nachzugehen. 

Ein Schrauber der alten Schule und wird ihn durch das Projekt begleiten

Zum Glück ist dieser Weg extrem kurz, denn Dieter, der Vater seiner Freundin, den alle nur Hemmi nennen, ist ein Schrauber der alten Schule und wird ihn durch das Projekt begleiten. »Er ist schon ein bisschen verrückt und sehr ehrgeizig«, erinnert sich Hemmi. »Er stand plötzlich in der Werkstatt und sagte, er hätte den Führerschein gemacht.« 

Immer wieder finden sich kleine, liebevolle Details am Bike, die Hemmi konstruiert hat. Seien es Krokodilklemmen als Ventilkappen, ein pfiffig durchdachter Bremslichtschalter für die Fußbremse …

Als Umbaubasis entscheidet sich der Nachwuchsschrauber für eine Honda VT 600 Shadow. »Die Maschine war beim Kauf topgepflegt und hatte nur 24000 Kilometer auf der Uhr. Dafür aber einen Apehanger mit schrecklich kitschigen Totenkopfspiegeln dran.« Doch letztlich spielt das keine Rolle, denn die VT soll sowieso umgebaut werden. »Eigentlich wollten wir nur das Heck kürzen, doch dann hat alles eine Eigendynamik bekommen.« Das neue Ziel heißt »Bobber«, clean und reduziert. 

Honda VT 600 Shadow – Beim Heck hilft nur die Flex

Es ist Anfang Januar, als Pascale im Internet seine Teilesuche startet. Parallel dazu wird die Honda komplett gestrippt und das Heck abgeschnitten. Ein notwendiges Übel, denn der Hilfsrahmen, den die japanischen Ingenieure unter dem Heckfender versteckt haben, um die Soziustauglichkeit zu gewährleisten, ist leider nicht geschraubt.

… oder ein Tachogehäuse aus einem Golf-Auspuff

Zudem ist es nicht so einfach das Rahmendreieck freizubekommen, da dort Batterie und andere notwendige Teile platziert sind. Hemmi und er konstruieren einen neuen Batteriekasten und installieren einen neuen Stoßdämpfer von YSS, was die Fahreigenschaften der recht schwammigen Shadow deutlich verbessert und dank der roten Feder eine andere optische Wirkung entfaltet. 

Honda VT 600 Shadow – Herausforderung Elektrik

Im Zuge des Umbaus wird auch gleich die Elektrik verschlankt. »Das war für mich eine echte Herausforderung und hat, zugegebenermaßen, Nerven gekostet.« Doch dank Hemmis Erfahrung und der CBS-Box von Axel Joost ist am Ende alles so, wie es sein soll. Geschraubt wird, wie könnte es anders sein, nach Feierabend und an den Wochenenden. Und, so weit es die Möglichkeiten zulassen, machen die beiden alles selbst.

Ob Federsattel oder normaler Sitz, es gibt viele Wege. Pascale hat sich für eine aufgepolsterte Sitzplatte entschieden

Da der Motor ein neues Oberflächenfinish bekommen soll, muss er gestrahlt werden. Man könnte ihn jetzt einfach einem Fachbetrieb in die Hände drücken und sagen: »Macht mal.« Aber nein, das wird im heimischen Garten erledigt. Bei Dunkelheit und unter Einsatz von Kompressor und Taschenlampen sandstrahlt Pascale den Motor und befreit ihn von seiner Patina. »Als Nächstes werden wir wohl eine Sandstrahlkabine bauen«, grinst der junge Nachwuchsschrauber. 

Honda VT 600 Shadow mit Klappenauspuff

Der Wrinkle-Lack für den kleinen V2 wird gekauft und selbst aufgebracht. Danach sieht das Triebwerk aus wie frisch vom Band gelaufen. Ein neuer Luftfilter ersetzt den brotdosenähnlichen Serienkasten. Außerdem stößt Pascale in einer VT-Gruppe auf eine klappengesteuerte Auspuffanlage von MCJ, die seinem künftigen Custombike nicht nur die richtige Optik, sondern auch den passenden Klang verleihen soll.

Kurzer Heckfender, natürlich mitschwingend, und kleine Kellermänner. Mehr braucht es nicht

Am Frontend wird ein Biltwell-Keystone-Lenker montiert und ein kleines Instrument von MMB installiert. Dafür konstruiert Hemmi eigens ein neues Gehäuse samt Halterung. »Als Teilespender musste das Auspuffrohr von einem VW Golf herhalten«, klärt der alte Hase auf. 

Die LED-Technik ist ein wahrer Segen

Zugunsten der Linie kommt am Heck nur ein mitschwingender Fender in Frage, den Pascale bei Chop-it bestellt und der entsprechend angepasst wird. Um die Halterungen kümmert sich wiederum Hemmi, der sie biegt und verschweißt. Kleine Kellermann-Atto-Kombinationen, die unscheinbar am Fender montiert sind, dienen als Rück-, Bremslicht und Blinker. Das 21. Jahrhundert und die fortschreitende LED-Technik sind in dieser Hinsicht ein wahrer Segen. So hätten früher klobige Fahrtrichtungsanzeiger die Optik ziemlich schnell versaut. 

Ein neuer Luftfilter samt Auspuffanlage …

Das Kennzeichen wandert selbstredend an die Seite. Eine passende Halterung findet Pascale ebenso im Netz wie die Fußrastenanlage von Highwayhawk für die eigens neue Rasten gedreht werden. Bleibt nur noch der Sitz. Ein Federsattel wäre wohl zu viel des Guten und so baut Hemmi eine neue Sitzplatte, die aufgepolstert und bezogen wird. 

Die Lackierung ist tatsächlich eine Pulverbeschichtung

Die Radgrößen werden im Serienzustand belassen. Allerdings kommen in Verbindung mit den gepulverten Felgenringen neue, schwarz verchromte Speichen von WWS zum Einsatz. Fehlt nur noch die Lackierung. Da Pascale komplett auf Chrom und Bling-Bling verzichtet und alles dezent halten möchte, entscheidet er sich für ein dezentes Space-Grau. »Man sieht es eigentlich nicht, aber die Lackierung ist tatsächlich eine Pulverbeschichtung.«

… ein neues Federbein im gecleanten Rahmendreieck und der gezielte Einsatz von Schrumpflack geben der kleinen Honda ruckzuck eine neue Optik

Nach mehr als vier Monaten Umbauzeit, es ist inzwischen Mai, steht das Projekt kurz vorm Abschluss. Höchste Zeit, das Bike auf die Straße zu bringen, denn die Saison ist bereits voll im Gange. Und der TÜV? »Der war tatsächlich kein Problem.« Was wohl an der Planung, aber erst recht an der Erfahrung von Hemmi gelegen haben dürfte. 

Es wird wohl nicht bei diesem Projekt bleiben

Inzwischen genießt Pascale sein neues Hobby, die Freundin ist begeistert und selbst der Fußball sowie das eigene Unternehmen kommen nicht zu kurz. Neue Ideen hat er auch schon, denn: »Mir gefallen viele Motorräder.« Und so könnte es sehr wahrscheinlich nicht bei diesem einen Projekt bleiben. Wie das halt so ist, wenn der Schraubergott einem erst einmal berufen hat.