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Die Honda NX 650 Dominator gilt als Spaßmotorrad mit biederem Outfit – diese Bestimmung soll es auch für Hannes und seinen Sohn erfüllen, nur halt optisch ansprechender als in Serie.

Die Geschichte dieses Scramblers beginnt im Zwielicht eines frühlingshaften Samstagmorgens in der fränkischen Schweiz. Es ist noch kühl und die tief stehende Sonne bahnt sich langsam den Weg durch die Nebelschwaden über den Feldern.

Eine Yamaha XT 500 war die Wiege der Leidenschaft

Ein leises Geräusch, zuerst kaum wahrnehmbar, schwillt zusehends an und unterbricht die Idylle dieser Postkartenszene. Eine XT 500 pöttelt gemächlich über einen Feldweg. Mit an Bord ist ein kleiner Junge, der stolz auf dem Tank sitzt und die erste Ausfahrt mit seinem Vater genießt. 

Quirliger Single, zuverlässig und günstig – die Dominator ist eine ideale Basis für einen schnittigen Umbau

Viele Jahre später hat Hannes Gora diesen Morgen noch immer nicht vergessen. Obwohl er mittlerweile ein erwachsener Mann ist, denkt er oft an das prägende Erlebnis, das ihn später dazu veranlasst, sich ein eigenes Moped zuzulegen.

Die Triumph Speed Twin sollte keinen Staub schlucken müssen

»Nachdem ich 2014 das erste Mal Vater wurde, wusste ich, dass etwas her muss, auf dem ich meinem Sohn dieses Gefühl ebenso vermitteln kann«, sinniert er. In seiner Garage steht zwar ein 1955er Triumph-Speed-Twin-Cafe-Racer, doch dem will er die staubigen Schotterwege nicht antun.

Schön zu sehen, wie Hannes sich im Schraubenhandel ausgetobt hat. Der kleine Frontfender wird von Indus­trie-Normschrauben gehalten, die offen sichtbar angebracht sind

Also macht er sich auf die Suche nach einem geeigneten Motorrad. Ein großer Einzylinder für relativ kleines Geld und mit guter Ersatzteilversorgung soll es sein. Bald stößt er auf eine Honda Dominator und beschließt, sie zu kaufen.

Honda NX 650 Dominator – Im Serientrimm etwas schwülstig

Zugegeben, im Serientrimm sieht die Domi neben der XT aus der Erinnerung etwas schwülstig aus. Aber sowas lässt sich ja leicht ändern. Unverdrossen wird die Maschine zerlegt und von ihrer Plastikverkleidung befreit.

Am kompletten Motorrad hat der Schrauber außerdem Messing-Beilagscheiben verbaut, passend zu den goldenen Felgen

Schon viel besser! Statt der eckigen Funzel weist künftig ein Rundscheinwerfer im mattschwarzen Gehäuse den Weg, und auch den anderen Beleuchtungseinrichtungen sowie dem Tacho treibt Hannes die Formensprache der späten 80er Jahre gründlich aus.

Honda NX 650 Dominator – Der Eintopf wird komplett überholt

Anschließend ist der Motor dran. Passend zu den Frühlingsgefühlen, die er später mal wecken soll, bekommt der Eintopf eine komplette Überholung inklusive neuer Nockenwelle, Steuerkette und frisch eingeschliffener Ventile sowie Schaftdichtungen. 

Lederriemen überm Tank sind eine kleine Erinnerung an alte Zeiten, in der frühen Cafe-Racer-Szene wurden sie als Tankschutz verwendet

Um den Scramblerlook zu erzielen, wird das Heck des Rahmens um etwa zehn Zentimeter gekürzt und der Tank einer CB 750 Bol d’Or montiert. »Da war eine Menge Dussel dabei! Ich habe den auf gut Glück gekauft und tatsächlich passte er mit nur ein paar kleinen Änderungen«, verrät der Maschinenbautechniker.

Jetzt dreht sich auch vorn ein Hinterrad

Außerdem muss das große, schmale Enduro-Vorderrad weichen. Hannes organisiert eine einzelne Hinterradfelge und lässt das Bett auf die Nabe des Vorderrades umspeichen. Vorn wie hinten drehen jetzt grobe Heidenaus in 17 Zoll.

Für 1.000 Euro vom dicklichen Serien­krad zum lässig-leichten Scrambler

In der Dominator steckt jede Menge Handarbeit. Nein, nicht die Kunstwerke feiner italienischer Edelmanufakturen, sondern handwerklich saubere, robuste Lösungen. Wie sich das für ein Garagenprojekt gehört, finden sich an dem Bike sympathisch viele alte Bekannte aus der Eisenwarenabteilung.

Selbst geformtes Blech sorgt für robustes Outfit

Die seitlichen Verkleidungsteile und der minimalistische vordere Spritzschutz sind aus Blechen selbst geformt und werden von offen sichtbaren Industrie-Normschrauben an Ort und Stelle gehalten.

Eine Dominator ist ein vernünftiges Motorrad, das trotzdem Spaß macht. Den Fun-Faktor der Domi kitzelt Hannes durch Abspeckkur und Stollenreifen sogar noch ein bisschen mehr heraus – macht Laune

Die Beilagscheiben aus Messing greifen die goldenen Felgen, die Kappen der beiden schwarz gelackten Endtöpfe und den Lenker auf. Eine Siebdruckplatte aus dem Anhängerbau, mit Schaumstoff aufgepolstert und anschließend bespannt, bildet die Sitzbank.

Honda NX 650 Dominator mutiert zum lässigen Scrambler

Über den dunkelgrau lackierten Seven-Fifty-Tank spannt sich ein breiter Lederriemen, der vor dem Tankdeckel mit einem großen Sicherungssplint fixiert wird. Das passt hervorragend zum hemdsärmeligen Charme der Maschine. So wird innerhalb eines guten halben Jahres die biedere Honda zum lässigen Scrambler. 

Mit dem persönlichen Schlüsselanhänger komplettiert der Sohnemann die Maschine

Und der Sohnemann? Nun ja, mit knapp zwei Jahren ist Jonas noch etwas zu jung zum Mitfahren und auch den semantischen Unterschied der Begriffe »Roller« und »Motorrad« muss er noch lernen. Begeistert von der Honda ist er trotzdem schon. Zum Vatertag komplettieren er und seine Mutter die Maschine mit dem Schlüsselanhänger.

 

Tilman Sanhüter