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Die Zeiten, in denen eine Harley mit Ironhead-V2 belächelt wurde, sind lange vorbei. Auch Bikebuilder Joost van Rooij ist dem Charme des mittlerweile zum Klassiker gereiften Aggregats erlegen.

Motorräder bestimmen Joosts ganzes Leben, das fing schon zu Teenagerzeiten an. Während die Altersgenossen sich Duftwässerchen hinters Ohr tupften, um in der Disco zu punkten, fand man auf seiner Haut vermehrt Rückstände von Schmierstoff. Die erste Motorüberholung führte er mit 16 Jahren mehr schlecht als recht durch. Eine gute Schule, lernte der Autodidakt doch schnell, dass nicht immer alles reibungslos läuft und manche Dinge Geduld erfordern.

Etwas Klassisches mit Charakter musste es sein

Eine Erkenntnis, die sich später beim Chopperbauen immer wieder bestätigen sollte. Auf die Mopedzeiten folgten diverse japanische Sportbikes und Milwaukee-Eisen, nie lange im Serienzustand. Um viele Jahre reifer und erfahrener, aber nicht minder ölbesudelt, suchte Joost nach einem neuen Projekt. Etwas Klassisches mit Charakter musste es sein. Die Kohle war zu der Zeit knapp, eine Harley schien diesmal unerreichbar.

Die eigentlich vorhandene Springergabel hätte die gleichzeitig anvisierte flache Linie des Bikes zerstört. Die modifizierte Sportstergabel ist ein guter Ersatz. Komplettiert wird das Frontend mit dem Honda-Speichenrad und dazu passender Trommelbremse. Der Tank entsteht aus alten Heritage-Schalen neu

Durch Zufall fand sich aber im Internet ein zum Erliegen gekommenes Projekt, das für günstiges Geld zu haben war. Joost nutzte die Gelegenheit und kaufte die Hardtail-Ironhead, obwohl sie nur aus Rahmen, Rädern, Sitz und einer Springergabel bestand – und einem Motor in Einzelteilen. Immerhin, Joosts Mut wurde belohnt, der Teilehaufen des Motors war tatsächlich vollständig und würde später ein komplettes Aggregat abgeben.

Harley Ironhead-V2 als Teilehaufen

Da war es zu verschmerzen, dass einige der Teile in einem miserablen Zustand waren. Etliche Arbeitsstunden dauerte es, bis Joost den V-Twin zusammengesetzt hatte und ihn zum ersten Mal starten konnte. Größere Probleme verursachte bei der Wiederherstellung des V2 die Ausrichtung des Primärtriebs. Der Vorbesitzer hatte den Motor auf Kickstarter umgebaut.

Eigentlich ein astreiner Bobber, glänzt die Ironhead mit einem hochgelegten Auspuff, den man eher an einem Scrambler vermuten würde. Die lässige Anlage entstand aus einem Biltwell-Rohrset und wurde von rechts auf die eher untypische linke Seite verlegt

In diesem Setup hatte das Kupplungsgehäuse fünf Millimeter Versatz zum Kurbelwellenzahnrad. Um die Kette des Primärtriebs gerade montieren zu können, musste Joost das Kupplungsgehäuse kürzen und anschließend neu auswuchten. Die Arbeit lohnte und gelang, am Ende hatte der Holländer einen funktionierenden Motor mit Antriebsstrang auf der Haben-Seite. Zeit, sich dem Fahrwerk zu widmen.

Die Springergabel musste einer gekürzten Sportsterforke weichen

Die eigentlich vorgesehene Springergabel passte nicht zu der flachen Linie, die das Bike bekommen sollte. Also musste sie einer gekürzten Sportstergabel weichen. Eine 19-Zoll-Speichenfelge aus dem Fundus komplettierte das Frontend. Die dazugehörige Honda-Bremstrommel passte zunächst nicht zur Vorderachse und musste entsprechend modifiziert werden. Die Nabenabdeckung fertigte Joost aus dem Aluminiumdeckel eines Babyfläschchens, das irgendwann mal in seine Garage gewandert war.

Joosts Ironhead ist ein Motorrad mit Charakter. Der langhubige V2 dreht zwar immerhin über 6000 /min, aber alles andere erfordert eine sanfte Hand – gerade, wenn der Biss der Trommelbremse dem eines harmlosen Schoßhündchens gleicht und es dir beim Fahren ordentlich die Bandscheiben durchschüttelt

Um den Benzintank zu formen, mussten Schalen einer Heritage dran glauben. Die Lackierung erfolgte dann in Eigenregie. Nach zwei Monaten des Übens mit Lackierpistole, Spachtel und Schleifpapier schien es geschafft. Bis zu dem Moment in dem der Tank sich als undicht herausstellte. Nach einem mittleren Tobsuchtsanfall konnte die Iron dann aber doch endgültig in Mausgrau und Cremeweiß geduscht werden.

Harley Ironhead mit Auspuff im Scrambler-Look

Der Auspuff im Scrambler-Stil entstand aus einem Rohrset von Biltwell und wurde auf die linke Seite verlegt, um ein optisches Gegengewicht zu Öltank, Messingkickstarter und Luftfilter zu bilden. Viel Kleinarbeit machten auch die Verkabelung im Gewebelook und die vielen Messingteile, dann war es fast geschafft. Schnell den mit einer alten Lederjacke bezogenen Sattel drauf und fertig. Am Ende des Projekts angekommen wird Joost einen Moment lang nachdenklich und grinst schließlich: »Eine Frisco-Hardtail auf Sportster-883-Basis, das wäre noch geil. Ich freu mich jetzt schon drauf!«

 

Floris Velthuis