Zwei Sportster, zwei Meinungen. Cafe Racer oder Frisco-Chopper. CUSTOMBIKE wollte wissen, ob die beiden mit Katalogteilen von Custom Chrome Europe aufgebauten Harleys nicht nur schick aussehen, sondern auch anständig fahren.

Da stehen wir nun also mitten auf einem zerfurchten Acker im Nahetal. Um uns herum rascheln Wühlmäuse, ein hungriger Bussard umkreist unseren Fotografen und interessiert sich offensichtlich mehr für die Nagerfamilie als für die beiden Motorräder, die wir mitgebracht haben. Dabei handelt es sich um zwei Harley-Davidson Sportster – eine 1992er 883 von JB im Frisco-Chopper-Style und eine 2005er 883R von TGS im US-Cafe-Racer-Gewand – die wir für unseren Vergleichstest auserkoren haben. So unterschiedlich die beiden Sportys auch daherkommen mögen, sie wurden beide ausschließlich aus Katalogteilen von Custom Chrome Europe aufgebaut.

Invitation to dance – zwei Schwestern aus gutem Haus

Bolt on and Ride

Custom Chrome

Wir alle kennen Custom Chrome Europe als Deutschlands größten Anbieter von Teilen für Harley-Davidson-Motorräder. Doch die Kataloganbieter kümmern sich nicht nur um Herstellung und Vertrieb von Parts, sie beweisen auch jedes Jahr aufs Neue, was sich mit diesen Artikeln alles anstellen lässt. Dazu haben sie auch 2015 wieder fünf Customizer beauftragt, je ein »Bolt on and Ride«-Bike ausschließlich mit CCE-Teilen aufzubauen. Jedes Teil sollte möglichst unverändert an das jeweilige Bike angeschraubt werden, was eine einfache Zulassungsfähigkeit garantiert.


Das Konzept verspricht »win-win«

Bolt On and RIde – Speed Freak und Blockbuster von CCE

»Schon 2007 haben wir damit begonnen, selbst Bikes mit unseren Teilen umzubauen«, verrät uns Marketing-Manager Axel Scherer, »dann kam uns die Idee, befreundete Händler mit ins Boot zu nehmen.« In diesem Jahr schraubten also Thunderbike, TTS, die Harley-Factory und eben TGS und JB die »Bolt on and Ride«-Bikes zusammen. Dazu Axel: »Wir entwickeln die Ideen, machen ein Konzept, stellen die Teile und kümmern uns am Ende um die Öffentlichkeitsarbeit. Der Customizer kann sich auf seine Kernkompetenz Schrauben konzentrieren, so haben wir alle etwas davon.«

Speed Freak

Billet-Räder, Frästeile, farbenfroher Matt-Lack: die Speed Freak

SoCal Cafe Racer Style

Die Standfotos sind im Kasten, wir verabschieden uns von den Wühlmäusen und satteln auf. Auf den ersten Blick sieht die »Speed Freak« aus der Werkstatt von TGS aus wie ein Sport-Umbau von Roland Sands. 3D-gefräste Räder, knappes Heck, matte Zweifarb-Lackierung: Das ist eindeutig südkalifornischer Cafe-Racer-Stil. »Hier wurde aber kein einziges Sands-Teil verbaut«, bremst mich Axel.


3D-gefräste Billet-Teile veredeln das gesamte Bike

Beim Betrachten des Billet-Alternator-Deckels mit integriertem Zündverteiler von Vulcan Engineering streiche ich über die beiden goldenen Öhlins-Federbeine – ein schönes Motorrad. Wo das Rücklicht ist, will ich vom CCE-Mann wissen. »In die Blinker integriert. Die winzigen LEDs sind mittlerweile so hell, damit kannst du ins Fleisch lasern.«

Infernalisch brüllt die BSL-Anlage

Laut Axel ist die 2-in-2 zulassungsfähig – aber nur mit Baffles

Ich recke mich zwischen den weit nach unten gedrehten M-Lenker und die Fußrastenanlage von LSL und starte den mit einem 1200er S&S-Kit verfeinerten V2. Infernalisch brüllt es aus der BSL-Anlage, die außerdem ihre Hitze direkt an die anschmiegsame Wade abgibt. »Mit Baffles ist die 2-in-2 zulassungsfähig«, beruhigt mich Axel. Bullig geht der 1,2-Liter-Twin ans Gas, verlangt niemals nach hohen Drehzahlen, bietet allerdings für ein Sportmotorrad systembedingt nur eingeschränkte Drehfreude. Langer Hub und ohv-Steuerung sind halt traditionelle US-Technik.


Bullig geht der 1,2l-Twin an´s Gas

Dennoch vibriert der in Gummi gelagerte Antrieb auch beim Ausdrehen nur verhalten. So bügelt das straff, aber fein abgestimmte Fahrwerk die Unebenheiten der Bergstraßen rund um Bingen glatt. Offenbar verbessert die gekürzte Gabel die Handlichkeit der immerhin 250 Kilo schweren Sportster enorm. Ich gehe hart ans Gas, die Supersportbereifung schafft enormes Vertrauen. Wenn nur die zunehmend versengte Wade nicht wäre.

Blockbuster

Choppertraum in flaky green…oder spacy blue ?

Abgespeckt und restauriert… da geht noch was

Schon beim Aufsitzen wirkt die 92er-Sportster wie ein deutlich kleineres Motorrad. Die rund 25 Kilo, die eine Sporty der Vor-2004-Generation weniger auf die Waage wuchtet, sind immer und überall zu spüren. Ob Harley wirklich richtig lag, die aktuellen Sportster-Modelle kommoder und damit deutlich wuchtiger zu machen? Bevor die 883er zu »Blockbuster« wurde, war sie die Shop-Hure von JB in Elmshorn. Bei Wind und Wetter im Einsatz. Nach der kompletten Restauration wuchs die 883er mehr und mehr zu einem Frisco-Chopper. JB kombinierte den Lenker von Thunderbike mit einem innenliegenden Gaszug und ebenfalls versteckten Leitungen.

Innenliegender Gaszug, versteckte Leitungen – cleaner Look

Dazu gesellten sich ein hochgesetzter, verrippter Tank, ein flacher Solosattel und eine Metalflakelackierung, die das Bike von rechts grün und von links blau aussehen lässt. Sportlich-edle Gussteile von der französischen Marke EMD – Scheinwerfer, Primärdeckel, Luftfilter, XR-Style-Rocker-Box- und Alternator-Cover – geben einen ersten Hinweis darauf, dass der XL-Chopper keine müde Schlaftablette ist.

Gesteigerter Leistungswille

Denn ganz im Gegensatz zum traditionellen Chopper-Stil fallen die technischen Veränderungen hoch dynamisch aus. Mit einem 1200-ccm-Kit und einer offenen BSL-Anlage sorgt der V2 nicht nur für Gleichstand mit der »Speed Freak«, schärfere Nockenwellen und ein Mikuni-Vergaser steigern den Leistungswillen des 45-Grad-V2 zusätzlich.


Schärfere Nockenwellen und ein Mikuni-Vergaser steigern den Leistungswillen zusätzlich

Und tatsächlich verhelfen geringere Pfunde und sattere Power zu einer ungeahnten Leichtigkeit. Fast wie eine Supermoto verführt die »Blockbuster« zu spätpubertärem Angasen. Aufrecht sitzend koste ich die spontan einsetzende Leistung aus und steppe mich ohne Not durch das Fünfganggetriebe. Eingebremst wird der Übermut nur vom extrem harten, weil tiefen Fahrwerk und der etwas schwergängigen Kupplung. Und die Vibrationen fallen naturgemäß derber aus als beim silentgelagerten Motor der »Speed Freak«. Was mich aber auch nach vielen Kilometern durch die Weinberge nicht im Geringsten stört.

Custom Chrome

Weder der langgestreckte TGS-Cafe-Racer noch der flakige JB-Frisco-Chopper wirken wie Motorräder, die ausschließlich mit Katalogteilen, nicht aber mit teuren Einzelanfertigungen aufgebaut wurden. Für ein stimmiges Ergebnis spielt es außerdem keine Rolle, welcher Stil bevorzugt wird. Und bei beiden Bikes halten sich Schrauberaufwand und Kosten in Grenzen. Wieso eigentlich hat der verdammte Bussard kein Interesse gezeigt?

Info | custom-chrome-europe.com