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Wenn ein Motorrad doch nur reden könnte, was würde es uns erzählen? Die Vergangenheit von Klaus’ Harley-Davidson WLA zum Beispiel dürfte durchaus spannend gewesen sein.

Anno 1942, der Zweite Weltkrieg ist in vollem Gange. Die deutsche Wehrmacht schickt sich an, ganz Europa zu unterjochen und wird am Ende noch ihr blaues Wunder erleben. Nach dem Kriegseintritt der USA vor einem Jahr läuft deren Rüstungsindustrie auf vollen Touren.

Harley-Davidson WLA – Ready for the Kriegseinsatz

Und auf irgendeinem Montageband wird vermutlich gerade diese Harley Flattie zum Kriegseinsatz zusammengebaut – von Frauenhänden nach dem Motto »Your country needs you«. Ob das nun so genau stimmt, wissen wir natürlich nicht. Aber würde so ein Motorrad mal aus dem Nähkästchen plaudern, so wäre unsere kleine Geschichte vermutlich gar nicht weit von der Wahrheit entfernt.

Das Fahrgefühl auf einer alten Harley ist besonders reizvoll, aber durchaus auch harte Arbeit. Klaus setzt immerhin auf moderne Bremsen anstatt der antiken Trommeln – ein Zugeständnis an die vielen Kilometer, die er fährt

60 Jahre später kommt Klaus aus der Deckung. Der 43-jährige Messebauer aus Mettmann hat schon lange ein Auge auf die als unverwüstlich, aber auch etwas zickig geltenden Harley-WLAs geworfen, zumal diese 750er-Modelle oft verlockend günstig zu haben sind.

Harley-Davidson WLA – Wahrlich keine Einsteiger-Harley

Doch Vorsicht: Sie sind alles andere als Einsteiger-Harleys, sondern wirklich was für fortgeschrittene Schrauber. Und sie können durchaus rasant ins finanzielle Massengrab des Customizing führen, wenn man erstmal mit dem Umbauen angefangen hat.

Eine Honda-Bremsscheibe im Heck verrichtet brauchbare Verzögerungsarbeit

Klaus aber hat keine Angst, schließlich schraubt er schon seit 18 Jahren an Motorrädern – seinen eigenen und an denen der Kumpels. Starrrahmen sind seine Spezialität, bevor er sich an die WL macht, verließ eine wunderbar restaurierte Pan-Hydra-Glide die westfälische Garage.

Der Motor ist ein Scheunenfund aus Polen

Dann endlich Startschuss für das Flattie-Projekt, 13 Jahre stand das Rolling Chassis des Bikes zu dem Zeitpunkt schon auf dem Abstellgleis. Der Motor ist ein Scheunenfund aus Polen. Nicht ungewöhnlich, viele Basis-Bikes und Teile kann man bei den Ost-Nachbarn immer noch finden – den Alliierten sei’s gedankt.

Das Ölfass stammt aus dem Zubehör

Klaus’ Grundidee für den Aufbau war es, der WLA einen britischen Look zu verpassen, standesgemäß natürlich auch mit englischen Teilen. Und so arbeitet am V2 das Vierganggetriebe einer Pre-unit-Triumph. Dass Kupplung, Sprocketschaftritzel und Primärkette dafür angepasst werden mussten, ist klar.

Mit Dell’Orto ist der Flathead der bessere Starter

Den Motor überholte Klaus, soweit möglich, ebenfalls mit Originalteilen. Ein Dell’Orto-Vergaser war trotzdem seine erste Wahl, auch wenn Puristen den normalerweise zugehörigen Linkert bevorzugen würde. Aber Klaus weiß die Startfreundlichkeit der Dell’Ortos dann doch mehr zu schätzen.

Unter einem flachen Blech-Cover versteckt sich der Primärtrieb

Anstatt der schwer angesagten Springer entschied sich unser Schrauber für den Einbau einer Hydra-Glide-Gabel. Für eine martialische Sitzposition sorgt der Dragbar-Lenker auf kurzen Risern. Die WLA rollt auf 16-Zoll-Felgen, ganz klassisch vorne und hinten mit gleicher Metzeler-Bereifung.

Keine Kompromisse – Die Flattie bremst mit Scheiben

Als Schutzbleche dienen british-style Fender, die zusätzlich verstärkt werden, um ohne Halter oder Struts auszukommen. Vorne und hinten bremst die Flattie mit vernünftigen Scheibenbremsen. Klar wären Drums authentischer gewesen, aber in der Ruhrpott-Rushhour eben auch ein großes Risiko – keine Kompromisse also in diesem Fall.

Diebstahlschutz bietet der abschließbare Benzinhahn

Für einen besseren Verkehrsfluss sorgt mit Sicherheit auch der Umbau der Schaltung  von rechts, wie es das Triumph-Getriebe vorgibt, auf links. Die Fußrastenanlage mit entsprechender Umlenkung dazu ist komplett selbstgebaut.

Harley-Davidson WLA – Mit Enfield Bullet-Tank

Ein weiteres britisch angehauchtes und ins Auge stechende Accessoire ist der Tank, der von einer Enfield Bullet stammt. Abschließend wurde das Bike in dezentem, klassisch anmutendem BMW-Marrakesh-Brown lackiert. 

Ungewöhnlche Vorgabe: Der Aufbau mit weitgehend britischen Teilen ließ ein ungewöhnliches Bobber-Unikat entstehen

Seine erste Ausfahrt unternahm Klaus in die Nachbarschaft nach Gladbeck – trotz lausigstem Wetter war sie äußerst zufriedenstellend. Der Familienvater hatte so viel Spaß an seiner Kiste, dass er sich gleich noch eine WLA an Land zog.

Jetzt sind erstmal Honda und Vespa für die Familie dran

Die wird allerdings erst fertig aus seiner kleinen Werkstatt rollen, wenn er die Honda CB 400 im Racing-Look für seine Frau und die Vespa für seinen Sohnemann aufgebaut hat. A Biker´s work … na ja, ihr wisst schon.