Artikel speichern

0

Aus den USA sind wir Motorräder gewohnt, die in Deutschland kaum zulassungsfähig sind. Anders die Harley-Davidson Sportster der Jungs von Prism Supply – mit gehörigem Achtziger-Feeling, aber fast allem dran, was ein Motorrad für die Straße braucht.

Die Achtzigerjahre waren aus Customsicht ein fast verschenktes Jahrzehnt. Die goldene Ära der Chopper war vorbei, der große nächste Umbauboom sollte noch auf sich warten lassen. In Deutschland wurden oft BMWs gechoppt, nur wenige Händler bemühten sich, Harleys über den Teich zu bringen, Vertragshändler gab es noch wenige.

Erst Mitte der 80er Jahre ging es für Harley wieder aufwärts

Und die Company selbst kämpfte zu Beginn des Jahrzehnts noch mit den Folgen des AMF-Debakels, während japanische Hersteller den Markt mit ihren Vierzylindern dominierten. Erst 1984 sollte sich das ändern, die Präsentation der Softail schlug ein neues Kapitel auf, auch in Sachen Customizing.

Alte Doppelscheibe an alter Gabel – beides stammt von einer großen Shovelhead. Die Neun-Speichen-Räder sehen schwer nach Aftermarket aus, sind es aber nicht. Eine goldene Beschichtung wirkt hier Wunder

Das allerdings kam einem Todesstoß für die wenigen gleich, die in den USA noch Chopperteile herstellten. Biker kauften nun lieber das neue Modell, als ihr altes umzubauen. Crazy Frank war einer derer, die das kalt erwischte, sein Geschäft musste quasi über Nacht schließen – vergessen wurden seine Kreationen aber nicht, auch nicht von Zach und Jake Hindes.

Harley-Davidson Sportster – XXXXXXXXXX

Sie bauten in ihrer Firma »Prism Supply Co« ein Bike, das uns fasziniert. Weil es scheint, als wäre es aus einer vergessenen Ära entsprungen, aber doch so modern ist, dass man es unter strengen Behördenaugen fahren darf. Als Basis wurde nämlich eine 2019er Sportster gewählt. Zumindest in den USA noch aktuelles Material und das macht die Sache ziemlich spannend.

Besonders cool finden wir den Luftfilter, ebenfalls voll im Eighties-Style

»Änderungen am Rahmen wollten wir definitiv nicht haben«, erklärt Jake, »trotzdem sollte das Bike aussehen, als wäre es irgendwann in den Achtzigern aus einer Fabrik gerollt. Und im Prinzip könnte diesen Umbau jeder einigermaßen begabte Schrauber selbst umsetzen, wir haben wirklich mit minimalem Werkzeug- und Fertigungsaufwand gearbeitet.«

Harley-Davidson Sportster – Umbau mit klugen Entscheidungen

Die endgültige Optik verdankt die Sporty letztlich nur ein paar klugen Entscheidungen, nichtsdestotrotz steht am Anfang wie bei den meisten Umbauten ein völliger Striptease. Die Werkskomponenten werden zum Großteil entfernt. Frontpartie, Lenker, Tank, Kotflügel und Elektrik landen auf dem Werkstattboden, zum Schluss bleiben Rahmen, Hinterrad und Motor übrig.

»Wir wollten ein Motorrad bauen, das so in den Achtzigerjahren aus der Fabrik hätte rollen können – allerdings mit möglichst wenig Werkzeugeinsatz und Fertigungsaufwand, sodass es ein sehr nachvollziehbarer Umbau ist«

Danach gehen die Customizer schlicht in der Zeit zurück und schauen, was passen könnte. Bei Harley selbst werden sie fündig, die 35-Millimeter-Gabel einer Superglide-Shovel samt Bremsanlage modifizieren sie, um sie an die 1200er Sportster Iron anzupassen.

Harley-Davidson Sportster mit Crazy-Frank-Heck

Schritt eins ist also getan, tatsächlich gelingt der größte visuelle Sprung aber am Heck. Eine Stufensitzbank, auf dem Kotflügel sitzend, von Crazy Frank inspiriert, drückt dem Bike seinen Stempel auf. Einen fertigen Fender beschneiden und schmälern, der selbstgebaute Sitz obendrauf, klingt einfach, war es in der Praxis aber nicht ganz.

Vorn reicht eine kleine Maske überm Superglide-Scheinwerfer, auch um nötige Elektrik unterzubekommen. Zum deutschen Zulassungsglück würden daneben nur Spiegel, Blinker und ein legaler Auspuff fehlen – alles absolut machbar

»Es hat in der ersten Version einfach nicht gepasst«, erzählt uns Jake, »der Fender war viel zu groß und zu lang. Zehn Stunden Arbeit für die Tonne.« Also alles von vorn, im zweiten Anlauf passt das Ergebnis. Als Clou wird das Rücklicht direkt mit ins Heck verbaut, das hauseigene »Chopper Box Light« ist die moderne Version eines früheren Klassikers und verbirgt eine LED-Beleuchtung, die gleichzeitig als Bremslicht funktioniert.

Die Kabel laufen – anders als bei cleanen Choppern – offen am Bike

Der Frisco-Tank kommt von Throttle Addiction und wurde so modifiziert, dass unter ihm Einspritzpumpe und Kabelbaum Platz haben. Die Kabel laufen, anders als bei cleanen Choppern, offen am Bike, sind allerdings ummantelt. Der Lenker kommt aus dem eigenen Parts-Programm von Prism und wird in Verbindung mit neuen Risern, Armaturen von Kustom Tech und Dice-Griffen dem Anspruch an eine gewissen Retro-Ästhetik gerecht.

Die Sportster von Prism Supply entstand in enger Zusammenarbeit mit dem US-Independent-Magazin »DicE« – Herausgeber Dean Micetich ist Fan von Harleys im Eighties-Style und ließ seine eigenen Ideen komplett in den Bau einfließen. Nach Fertigstellung wurde das Bike verlost. Gewinnerin Sarah kann sich über eine perfekte Fahrmaschine, garniert mit dem gewissen optischen Extra freuen

Ebenso wie die Lackierung, die Caleb, der jüngere Bruder von Zach und Jake, in Glanzschwarz und mit goldenen Details, wie beim traditionellen Harley-Logo, aufträgt. Bleibt noch, über den Motor zu sprechen. »Es gab keinen Grund, den aufzumachen«, erklärt Jake direkt. »Der 1200er hat ein gutes Drehmoment und macht Spaß, da passt an sich alles.« So beschränken sich die Brüder auf den Einbau einer Megaphon-Auspuffanlage und eines eleganteren Luftfilters.

Sauberes Understatement mit dem wohl dosierten Eighties-Touch

Wobei, ein Detail fällt gewieften Kennern dann doch auf. Die Kraftübertragung ans Hinterrad erfolgt per Kette, »was wir bei einer so traditionellen Umbaurichtung als Pflicht empfinden«, wie Jake sagt. Tatsächlich ist das Ketten-Umbau-Kit ein Protototyp von Prism und wird so demnächst auch im eigenen Parts-Programm erhältlich sein. Ansonsten bleiben keine Fragen offen, wir mögen die Kiste ehrlich gern – sauberes Understatement mit dem wohl dosierten Eighties-Touch. Vielleicht war ja damals doch nicht alles schlecht.

Info |  prismmotorcycles.com

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.