Jesse James und Jesse Rooke … beide Namen sind in der Bikerszene bekannt. Dazu gesellt sich nun auch Jesse van Leeuwen. Der Niederländer strotzt vor Kreativität, seine Softail überzeugt mit Gespür für Formen und Technik

Jesse ist 27 Jahre alt als er dieses Bike baut und rückt damit den üblichen Altersschnitt von Motorradfahrern und Customizern deutlich nach unten. »Ich teile meine Leidenschaft für Motorräder mit meinem Vater. Zwischen alten englischen Motorrädern wuchs ich mit Norton und Velocette auf«, erzählt er. Und er startete nicht wie die meisten jungen Typen mit einer klapprigen, kleinen Honda, sondern lernte das Fahren auf Papas Liberator.

»Motorradfahren hab ich auf der Liberator meines Vaters gelernt.«

Die Ducati war meistens kaputt … da kaufte ich eine Harley

Eine fundierte Basis, die er für seine weitere Motorradkarriere perfekt zu nutzen scheint. »Nachdem ich einige japanische Motorräder fuhr, kaufte ich mir eine Ducati. Diese Marke hat nicht gerade einen guten Ruf, und ja, sie war tatsächlich meistens kaputt«, seufzt Jesse. Das ist der Grund, weshalb er zu einem Bike mit einem etwas besseren Ruf wechselte: »Ich kaufte eine Harley Ironhead von einem eigenartigen Freak, dem ich versprechen musste, das Motorrad gut zu behandeln und es originalgetreu beizubehalten. Ich habe es dann in einen Hardtail Chopper umgebaut.«


Klare Linie, saubere Detaillösungen

Die Werkstatt ist so aufgeräumt wie Jesses Formensprache

Wir sind in Jesses Schuppen in Montfoort in der Nähe von Utrecht. Draußen nieselt es, aber glücklicherweise ist die wichtigste Sache da, eine Kaffeemaschine! Auf der Hebebühne sehen wir die formvollendete FXST Softail. Außerdem stehen hier eine Sportster, die Jesse für seinen Bruder baut, und eine wunderschöne klassische Norton, die er mit seinem Vater restauriert hat. Die Werkstatt wirkt aufgeräumt und frei von unnötiger Dekoration, genau wie Jesses Motorräder. Lediglich das notwendige Werkzeug für die Metallbearbeitung liegt sichtbar herum.

Straight nach unten sprotzelnde Auspuffanlage aus rostfreiem Stahl

Das meiste wird am Computer designed

Jesse führt den Betrieb neben seinem Hauptberuf. »Ich arbeite in einer Metallfirma, die Prototypen herstellt. Wir arbeiten vor allem mit computerkontrollierten Maschinen. Durch mein Interesse an Metall hat sich meine Leidenschaft für Custombikes entwickelt. Ich lasse mich für deren Entwicklung gern von digitaler Technologie inspirieren. So designe ich Teile am Computer selbst: Luftfilter, Benzindeckel, Bremsscheiben, Handgriffe und dergleichen.


Der Luftfilterdeckel wurde per CNC-Fräsmaschine in 3D gedruckt

3D-Drucken ist die Zukunft

»Wenn ihr mich fragt, CNC-Techniken sind die Zukunft. Dazu kann man weitere digitale Einsatzmöglichkeiten zählen, wie beispielsweise 3D-Scannen oder -Drucken. Ich bin sehr offen für das alles.«  Dass die Liebe zur klassischen Handwerkskunst aber ebenfalls vorhanden ist, macht die Sache rund, »Die Kombination aus digitaler und traditioneller Arbeit, so würde ich meine eigene Arbeit beschreiben«, erklärt der Schrauber, der mit seiner Softail eine markante Visitenkarte abgibt.

Der Softail-Rahmen ist Standard, durch’s Air-Ride kommt er aber tiefer

Per Air-Ride klebt das Fahrwerk am Asphalt

Das Motorrad sieht zwar aus wie ein komplettes eigenes Custombike, aber der Rahmen ist überraschenderweise totaler Standard. Das Bike hatte Jesse für relativ kleines Geld gekauft, der Vorbesitzer hatte die Harley ordentlich runtergeritten, der Motor lief nicht mehr wirklich sauber und war einfach überlackiert worden. Jesse befreit den V2 vom Lack, arbeitet ihn komplett auf. Die Einspritzanlage ersetzt er durch einen Vergaser. Danach gibt’s neue, schwarze Farbe für den Twin Cam. Der Rahmen wird gecleaned, dazu spendiert der Holländer ein Air-Ride-Fahrwerk. »Es sieht einfach super aus, wenn das Bike ganz nah am Asphalt klebt«, erklärt er.


Jesse fährt seine Harley täglich und ohne Probleme, das Bike läuft seiner Optik entsprechend gradlinig und sauber – pure Harmonie im Nachbarland

Jesse James inspiriert mich

Dass er so auch zeigen kann, was er technisch alles drauf hat, ist ein gern genommener Nebeneffekt. Und da wäre auch noch der Verweis auf seine amerikanischen Namensvetter. »Jesse James inspirierte mich zu dem hohen Tank. Er baut seine Bikes ja sehr traditionell und ohne viel Schnickschnack. Von Jesse Rooke kommt der Kontrast dazu, er bringt die modernen und schnittigen Einflüsse mit.« Den angesprochenen Tank fertigte der Niederländer übrigens selbst, ganz klassisch mittels eines hölzernen Musters, auf dem er das Aluminium formte, «das war deutlich schwieriger als ich am Anfang gedacht hatte«, gibt er zu. Ein alter Schulfreund schweißt die Einzelteile des Tanks später zu einem Gefäß zusammen.

Die zurückhaltende Lackierung passt

Klare Linien, perfekte Aerodydnamik

Das Heck ist aus normalem Stahl gefertigt und steht exakt im Radius. Um die sportliche Aerodynamik hervorzuheben, achtet Jesse außerdem auf einen niedrigen Lenker, der unterhalb des Tanks montiert ist. Der originale Öltank wird perfekt im Rahmen arrangiert, auch die stimmige Auspuffanlage aus rostfreiem Stahl passt perfekt ins Gesamtbild. Und trotz der klaren Linien wird immer deutlicher, wie viel Arbeit in der Softail steckt. So fertigt Jesse auch die Bremsscheiben und die Fußrastenanlage selbst an – und den Luftfilter, der schwarz eloxiert im schönen Kontrast zum Aluminium steht.

Der dezente Zodiac-Scheinwerfer passt perfekt zur cleanen Front

Der Rest ist Spaß – so soll das sein

»Und weil ich selbst ein junger, enthusiastischer Typ bin, arbeite ich auch gern mit ebensolchen zusammen«, grinst Jesse. Für die Lackarbeiten entscheidet er sich für Dennis Konings. Dessen großartige Arbeiten tauchen gerade überall in der holländischen Szene auf. Für die Softail entwickelt er ein geradliniges und klares Design, das perfekt zum Bike passt. »Das hat unglaublich viel Spaß gemacht«, sind sich Bikebuilder und Lackierer sicher. So soll das sein.

Info |  www.jessescustoms.nl