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Björn ist kein Markenfetischist. Er baut um, was ihm gefällt. Ob die Basis eine Harley oder ein Japancruiser ist, spielt dabei keine Rolle. Hauptsache, es wird geschraubt – so wie an dieser herrlich unprätentiösen Harley-Davidson Softail.

Die meisten von uns schrauben in ihrer Freizeit, als Ausgleich zum Beruf und weil es für viele von uns einfach kein besseres Hobby gibt. Björn bildet da keine Ausnahme. Geschraubt wird an so ziemlich allem, was zwei Räder hat und gefällt.

Harley-Davidson Softail Standard – Twin-Cam-V2 mit Vergaser

Dass diesmal eine Harley-Davidson die Basis für den Umbau bilden sollte – gewollt und kein Zufall, denn Björn hatte schon einmal eine Harley. Eine 2006er mit Einspritzer. Doch nun sollte es ein Modell mit Vergaser sein.

Das schlanke Frontend einer Sportster gibt der Softail einen klassischen Look. Für den Umbau musste aber das Lenkradschloss im Steuerrohr neu konstruiert werden. Ein akzeptabler Aufwand, der sich gelohnt hat

In Aachen wird er fündig, ersteht eine Softail Standard, Baujahr 2001, natürlich mit Vergaser. Auch wenn der Twin-Cam-Motor in der unpopulären, gussgrauen Optik strahlt, Björn stört das nicht.

»Bei der Softail Standard kann man wunderbar mit den Teilen spielen«

»Da ich sowieso einen Look mit roher Optik ohne einen bunten Lack anstrebte, fiel das nicht ins Gewicht. Außerdem mag ich den Twin Cam, auch von seiner Charakteristik her. Und bei der Softail Standard kann man wunderbar mit den Teilen spielen.«

Den Sitz gibt‘s nicht von der Stange. Er ist eine Eigenanfertigung, bestehend aus einer Grundplatte, einem dezenten Lederbezug und zwei Springfedern

Der Chopper, den er für rund 8.500 Euro ersteht, präsentiert sich in einem vernünftigen Zustand. Sogar Lederpacktaschen gibt es noch obendrauf. »Die Umbaurichtung war von Anfang an klar. Es sollte ein klassischer Chopper werden, schmal und einfach gehalten.«

Harley-Davidson Softail mit schmaler Sportster-Gabel

Und da der Winter die perfekte Umbauzeit für solche Projekte ist, legt Björn auch direkt los, zerlegt die Softail und gibt die ersten Bestellungen für Teile auf. Da das Frontend der Standard breit ausfällt, entscheidet er sich für einen Umbau auf eine schmale Sportster-Gabel.

»Beim Lenker habe ich mich bewusst für das Serienteil der Sportster Seventy Two entschieden. Ein größerer Ape kam nicht in Frage, denn der hier liegt verdammt gut in den Händen«

Die Standrohre werden gekürzt, die Gabelbrücken gecleant, ein neuer Scheinwerfer installiert und das Lenkrohr für die Aufnahme des Lenkradschlosses angepasst. Da Björn kaum Arbeiten außer Haus gibt, erledigt er auch das selbst. 

Der Softail-Chopper fährt sich sehr entspannt

»Beim Lenker habe ich mich ganz bewusst für das Serienteil der Sportster Seventy Two entschieden. Ein größerer Ape kam definitiv nicht infrage, denn der hier liegt verdammt gut in den Händen, da schlafen dir keine Handgelenke ein. Das fährt sich sehr entspannt.« 

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Auch beim Tank greift Björn auf Sportster-Teile zurück und montiert einen Peanut-Tank, wohlwissend, dass mit weniger als acht Litern Tankkapazität die Reichweite begrenzt sein wird und längere Ausritte einer gewissen Vorplanung bezüglich der nächsten erreichbaren Tankstelle bedürfen.

Bei den frühen Softail-Modellen waren die Fenderstruts noch Teil des Rahmens

Doch das stört ihn nicht weiter, im Gegenteil. Kleine Extrapausen sollen bekanntlich ganz gut tun. Der Heckumbau folgt einer gewissen Routine. Zuerst müssen die Struts ab, die bei den frühen Softail-Modellen noch Teil des Rahmens waren – Harley-Davidson hat erst ab späteren Baujahren eingesehen, dass es besser ist, die Halterungen für den Heckfender zu verschrauben.

Wer weiß, was er will, kommt eher ans Ziel als der Unentschlossene. Björn hatte ganz klare Vorstellungen, was er aus der Softail Standard machen wollte – und hat es in rekordverdächtigen drei Wochen umgesetzt. Das nächste Bike wartet schon

Björn schneidet sie ab und baut sich einen kurzen Heckfender, der kurz vor der Achsmitte endet. Die Sitzpfanne ist ebenfalls ein Eigenbau, der mit Leder bezogen, aber sehr spartanisch gehalten wird. 

Harley-Davidson Softail – Vorn verbaut Björn ein schlankes Sportster-Speichenrad

Um die Optik harmonisch zu halten, muss das hintere Scheibenrad der Softail Standard dem Speichenrad einer Sportster weichen. Allerdings sind hier Anpassungen erforderlich, so müssen Nabe und Pulley getauscht werden.

Eigenbau Luftfiltergehäuse mit offenem K&N-Filter

Wie jeder Umbau bringt auch dieser eine gewisse Eigendynamik mit, und wer seinen eigenen Stil verfolgt, kommt auch an der Elektrik nicht vorbei, die verschlankt und einfach gehalten wird. Selbst der Motor erfährt kleinere Eingriffe und freut sich über Andrews-Nockenwellen und größere Nockenwellenlager.

Die einst biedere Standard-Softail mutiert zur Fahrmaschine

In Verbindung mit dem offenen Luftfilter und dem umbedüsten Vergaser mutiert die einst biedere Softail zur Fahrmaschine, wie Björn versichert: »Der Motor fährt sich einfach super und hängt sauber am Gas.« 

Den enganliegende Heckfender ist ebenfalls Marke Eigenbau

Inzwischen ist es Januar und der Umbau fast abgeschlossen. Fehlt nur noch eine passende Lackierung, die Björn natürlich selbst übernimmt. In einem Teil der Garage wird eine provisorische Lackierkabine mit Folie abgehängt, beheizt und der Boden leicht befeuchtet, um die Staubentwicklung in Grenzen zu halten. Mit Kompressor und Pistole werden Tank und Heckfender mit einem dezenten Silbergrau lackiert und schwarze Linierungen aufgetragen.

Das Finish mit der künstlichen Patina ist das i-Tüpfelchen

Das Finish mit der künstlichen Patina ist das i-Tüpfelchen für die neugeborene Softail, die nun alles andere als standardmäßig daherkommt. Ganz im Gegenteil, was auch in Björns Freundeskreis nicht unbemerkt bleibt.  »Michael kam im Frühjahr bei mir vorbei. Eigentlich aus einem ganz anderen Grund, denn er wollte mit seinem Motorradumbau eher in Richtung Tourer gehen. Doch als er immer wieder um die Kiste lief und ständig gefragt hat, habe ich sie ihm verkauft«, erzählt Björn, der die Harley ursprünglich für sich aufbauen wollte.

Die 2-in-2-Anlage von BSL passt perfekt zum Softail-Chopper

»Aber ich habe mir eine Rückkaufoption geben lassen, sollte er sie jemals verkaufen wollen«, ergänzt er verschmitzt. Schließlich sind noch einige Ideen nicht umgesetzt worden. »Ich wollte sie am Lenker noch cleaner und auch der Jockey-Shifter und die Fußkupplung sind noch nicht ganz aus dem Rennen.« Das klingt nach neuen Projekten und weiteren Abendstunden in der Werkstatt.

 

Christian Heim