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Seit knapp 15 Jahren baut Richard hobbymäßig Motorräder um, 2008 hatten wir ihn schon einmal in unserem Magazin vorgestellt. Damals noch japanisch unterwegs, darf es heute Harley sein. Vorhang auf für seine Softail Rocker …

»Zwei Drag-Star, einen Highnecker, einen Bagger«, zählt Richard seine bisherigen Projekte auf. Alle seine Bikes waren auf dem höchsten Niveau geschraubt, das man von einem Privatschrauber erwarten kann. »Mit dem Gedanken, mir ein Moped mit Ape-Lenker zu bauen, habe ich eigentlich schon lange gespielt und hatte auch schon Ideen dafür im Kopf«, erklärt Richard.

Für die Softail Rocker müssen zwei Bikes weichen

Ein paar Hürden gilt es auf dem Weg zum Traumbike trotzdem zu überwinden. Richard hat nämlich zum einen keinen Platz in der Garage, »Ich kann mich immer nur schwer von meinen Bikes trennen«, und zum anderen muss das Projekt ja auch irgendwie finanziert werden. Schließlich ringt sich unser Schrauber zu einer Entscheidung durch, »ich trennte mich von zwei meiner Motorräder.« Der Weg war frei, die Planung des Umbaus kann in Angriff genommen werden.

Noch nie zuvor hatte Richard so viel Geld für ein Basisbike ausgegeben, dazu kamen zum Teil durchaus hochpreisige Kaufteile. Zwei Motorräder verkaufte Richard letztlich für seine Traumharley – und setzte außerdem auf Eigenleistung, wie die Anfertigung von Dreh- und Frästeilen

Als Basis für seinen Umbau entscheidet Richard sich für eine Harley Rocker, Baujahr 2009 – und muss schwer schlucken. »Ich hatte noch nie so viel Geld für ein Basisbike bezahlt«, gesteht er, wohlwissend, dass von der Rocker sowieso nur Rahmen, Schwinge, Motor und Getriebe übrig bleiben würden. Also wird erstmal direkt alles Unnötige abgebaut.

Springergabel und 260 Pelle sind gesetzt

Nebenbei sondiert Richard den Markt nach Neuteilen und gleicht seine Vorstellungen mit dem Machbaren und nicht zuletzt auch mit dem TÜV ab. Gesetzt sind dabei eine Springergabel, ein 23-Zoll-Vorderrad, ein 260er-Hinterreifen und natürlich der Ape. Alles andere soll einfach stimmig passen und wird später entschieden. Als die bestellten Neuteile bei Richard ankommen, kann die Arbeit richtig beginnen.

Beim Blick von oben wird deutlich, wie clean der Lenker ist. Kabel und Züge sind komplett im Inneren verschwunden, bei einem Ape echte Fummelarbeit

Als Leiter einer Mechanischen Fertigung, auch auf CNC-Fräs-Drehmaschinen, ist die professionelle Herstellung von Teilen für Richard kein Problem, »vielen Dank dafür an meine Geschäftsleitung«, freut er sich. Immerhin, die Radnabe muss neu gefertigt werden, die Bremse hinten soll auf der Antriebsseite hinter dem Antriebsrad verschwinden. Als die Arbeiten erledigt sind und Richard Rahmen und Räder zusammenführt, stellt er fest, dass die Springergabel zu lang ist.

Softail Rocker mit reichlich CNC-Gefrästem

Eine deutlich kürzere wird bestellt. In der Wartezeit darauf kann er sich mit dem Tank beschäftigen. Der wird verlängert, der Tacho eingelassen. Der hintere Fender wird angepasst, geflext und handgedengelt. Dann kommt die CNC-Fräse zum Einsatz. Scheinwerferhalter und Gitter, Fußrasten, Bremspedal, die vorderen Blinkerhalter, Motorcover, Spiegelhalter, der seitliche Kennzeichenhalter und die Tasterhalter am Lenker werden zunächst in 3D konstruiert, anschließend werden über ein CAM-Programm die Programme für die CNC-Maschinen erstellt und schließlich alle Teile neu gefräst.

Benzinstandsanzeige ganz easy

Die nächsten Probleme ergaben sich mit der cleanen Optik des Lenkers. »Wer schon mal probiert hat, die Kabel und Züge inklusive dem Kupplungszug in einem Ape-Lenker unter zu bekommen, weiß, wovon ich spreche«, grinst Richard. Nach mehreren Versuchen und der Änderung der Gabelbrücke klappte die Fummelei endlich, alles funktioniert obendrein einwandfrei.

»Schon porno, so mit Gold und Glitzer«

Die Rocker ist damit fast fertig, nur Lack und Sitzbank fehlen noch. Ein Ledersattel soll es werden, außerdem punziert. Jimi von Spirit Leather fertigt ihn nach Richards Skizze an. Beim Lack stellt sich der Lindlaer etwas aufwendiges vor, »schon porno, so mit Gold und Glitzer.« In Alex von AHA-Design in Bielefeld findet er seinen Meister, »der hat meine Vorstellungen von Lack und Design echt noch übertroffen«, erklärt Richard und ergänzt: »Ohne den Lack und die Sitzbank wäre mein Bike nur schön, jetzt ist es für mich ein Kunstwerk. Und fährt auch noch toll.«

Die Fräsarbeiten sind exakt ausgeführt, da haben wir gar nix zu meckern

Findet auch der TÜV und lässt die Rocker ohne Probleme passieren, zwei Tage später ist sie angemeldet. Fünfeinhalb Monate hat Richard für die Harley gebraucht. Das Ergebnis könnte auch glatt aus einer angesagten Customfirma stammen, so perfekt ist es gearbeitet. Hut ab!

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.