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Als André seine Harley-Davidson Shovelhead kaufte, brauchte er ein bisschen Fantasie, um sich vorzustellen, wie sie einmal aussehen würde. Das Bike ist in keinem guten Zustand, den Silberstreif am Horizont sieht sein neuer Besitzer trotzdem.

André weiß ungefähr, worauf er sich einlässt, als er vom Niederrhein in den Norden fährt, um ein Motorrad abzuholen. Die Shovel, die er kauft, ist ziemlich verrotzt, soll aber durchaus fahrfähig sein. André ist optimistisch, schließlich kennt er sich mit Motorrädern aus, auch das Ding würde er schon hinbekommen. Vor langer Zeit war er Motocross-Rennen gefahren, bevor die echte Motorradkarriere auf einem Yamaha-Virago-Chopper begann. Er muss selbst ein bisschen grinsen, wie fast jeder, der an seine ersten Bikes zurückdenkt.

»Ein bisschen wollte ich die alten Crosszeiten aufleben lassen, daher das 23-Zoll-Rad aus der Honda XL. Und Stollenreifen drauf, das geht auch für einen Chopper gut«

Nach der Virago gab’s eine Kawasaki, bevor 1991 endlich die erste Harley in die Garage kam und nach einem schweren Unfall auch irgendwann wieder verschwand. Trotzdem, Harleys sind seitdem das Ding von André und umgebaut wurde auch immer. »Es ging mir damals aber gar nicht so sehr ums Fahren«, erinnert er sich, »zu der Zeit hab ich Bikes gekauft, sie umgebaut und direkt wieder verkauft. So habe ich mir meine Urlaube finanziert.« Der reale Straßenspaß an einem Custombike, der kommt später und beginnt mit eben jener Nordtour.

Harley-Davidson Shovelhead mit Throwback-Rockerboxen

Einen Chopper, den hat sich André schon länger vorgestellt. Tatsächlich findet er einen Schrauber, dessen Stil ihm optisch zusagt. Thorsten »Toddi« Schulz baut seit einigen Jahren in Elmshorn Mopeds, die Oldschool-Fans bekannt sein dürften. Und er hat ein Basisbike im Angebot, das André aufgrund von drei Features richtig gut gefällt. Da wäre zum einen der Starrrahmen, den unser Schrauber unbedingt haben will, dann die Throwback-Rockerboxen, die schon auf dem Early-Shovel-Motor montiert sind und zuletzt ein Tank, silbern und mit schönen Finnen, Herkunft unbekannt.

Beim Blick von hinten dürfte Beamtenseelen das illegal montierte Kennzeichen auffallen. Ihr könnt euch beruhigen, die ordentliche Version liegt schon bei André zur Montage bereit

Diese drei Dinge sind es, die André zum Kauf motivieren, auch wenn Nochbesitzer Toddi keinen Hehl daraus macht, dass der Rest der Kiste total verrotzt ist und er über den Zustand des Motors kaum was sagen kann. André kauft trotzdem, »wird schon nicht so schlimm sein«. Zurück zu Hause wird die Kiste komplett zerlegt, inklusive des Motors. Das Innenleben offenbart Schlimmes. Ein Problem nach dem anderen taucht auf, im Prinzip ist kaum was im alten V2 in Ordnung und André schnell an seiner Grenze angekommen. »Ich kam da einfach nicht weiter und hab eingesehen, dass ich Hilfe brauche«, er findet sie in einer Werkstatt in Dinslaken.

Harley-Davidson Shovelhead – Nur die Kurbelwelle bleibt, wie sie ist

Bei Black Iron Motorcycle kennt man sich auch mit alten Harley-Aggregaten gut aus – freilich, die komplette Revision von Motor und Getriebe würde sehr teuer werden. André macht einen ungewöhnlichen Vorschlag. Er fragt, ob er beim Neuaufbau des Motors aktiv mitarbeiten könnte, um Kosten zu sparen. Und tatsächlich, die Black-Iron-Jungs sind einverstanden. So schnuppert André Profiluft und ist von Anfang an komplett involviert. Am Ende wird alles am alten V2 neu gemacht, lediglich die Kurbelwelle bleibt, wie sie ist. Als endlich alles fertig ist, bereitet der Primärtrieb Probleme.

Für den hinteren Fender reicht eine mittige Sicke als Schmuck, von der ursprünglichen Idee mehrerer Sicken sah André am Ende zugunsten der Optik ab

Für einen offenen Belt hat André sich entschieden, findet aber keinen mit den notwendigen 136 Zähnen, der schmal genug ist. »Es sind die üblichen Steine, die einem im Weg liegen«, konstatiert der Schrauber. Am Ende muss ein breiterer Belt per Laser schmäler geschnitten werden. Bleibt die Auspuffanlage, schön hochgezogen, auf die Enden kommen Messingkappen. Die Arbeiten an Motor und Getriebe sind damit immerhin abgeschlossen. Fahrwerkstechnisch geht es nun an die Gabel. Springer, das ist klar. Verlängert wird sie außerdem. Das 23-Zoll-Vorderrad aus Hondas XL 500 ist ein Wunsch des Schraubers, die alten Crosszeiten lassen grüßen.

Die Finnen des Tanks finden sich an vielen Teilen des Motorrades wieder

Und er hat Glück, einen passenden Reifen zu finden. Der Bridgestone-Enduroreifen in passender Größe ist kaum mehr zu bekommen, warum nicht auch mal Glück haben. Aufwand bedeutet auch die Fertigung des vorderen Bremsankers fürs gewählte Rad, auch diese Hürde nimmt André. Für die optische Richtung bestimmt der vorhandene Tank die Linie. Seine Finnen finden sich an vielen Teilen des Motorrades wieder wie zum Beispiel auf dem Seitendeckel oder den auffälligen Rockerboxen, »die einfach extrem schön verstecken, welcher Harley-Motor eigentlich vor einem steht«, wie der Erbauer zufrieden feststellt.

Drei Dinge waren die Kaufargumente für die Early Shovel: Starrrahmen, Rockerboxen und der Tank, der maßgeblich für die spätere Optik des Bikes war. Der Rest des Basisbikes war ziemlich schrottig, inklusive des Motors, der komplett neu aufgebaut werden musste

Am Heckfender verzichtet André auf zu viel Spielerei, eine Sicke reicht. Die passende Sissybar entsteht im Eigenbau. Die Farbgebung der Shovel gestaltet sich einfach. »Als es daran ging, den Rahmen zu pulvern, hatte ich erst über Schwarz nachgedacht«, erinnert sich André, »aber letztlich bin ich beim Silber gelandet und hab das dann direkt komplett durchgezogen.« Tatsächlich wird auch der Tank am Ende lediglich mit Klarlack überzogen – Probleme bereitet das erst später, davor steht die erste Ausfahrt.

Harley-Davidson Shovelhead – Rostadern unterm Klarlack

Nach dem Roll-out offenbart die Shovel kleinere Problemfälle, völlig normal. Der Lenkeinschlag wird korrigiert, Abstandsbuchsen noch mal nachjustiert und vieles mehr. Schlimmer wird es später, als sich unterm Klarlack die ersten Rostadern bilden, aber auch das wird André in den Griff bekommen. »Ganz fertig bist du halt nie … alte Schrauberregel.«

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.