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Von der spitzen, kurzen Sissybar zu den eckig profilierten Springergabelfedern aus Vierkantfederstahl – Rick Brays Harley-Davidson Shovelhead Chopper ist ein Ausnahmebike.

Ihr kennt US-Fernsehserien, die uns mit dem Aufbau von Choppern beglücken? Dann kennt ihr vielleicht diesen absoluten Überflieger: Eine Harley-Davidson Shovelhead, die die starke Gegenseite von TPJ Customs und Binford’s Custom Cycles letztlich ohne Zweifel an die Wand spielte. Den Namen Rick Bray darf man sich getrost merken. Er ist der Kopf von RKB Kustom Speed und die sind absolut auf der Überholspur. Stellt RKB Motorräder aus, wird es für die Konkurrenz eng. Sicherlich liegt das daran, dass Ricks Killerbikes mit unzähligen handgefertigten Details punkten. Und zwar sogar an Stellen, wo man sowas vorher nie sah. Trotzdem besteht Rick darauf, dem Lehrsatz »Weniger ist mehr!« zu folgen, den er auf seiner Facebookseite mit den Worten »Ich versuche meine Bikes so sauber und minimalistisch wie möglich und trotzdem funktionell zu halten …« bekräftigen will. 

Grazile Details wie die Haltebleche der kurzen, spitzen Sissybar finden sich am ganzen Motorrad

Nun ja, wer in Shows wie »BikerLive« in nur fünf Wochen und mit einem Budget von maximal fünfzehntausend Dollar, ein Bike aufbauen muss und dabei gegen starke Rivalen bestehen will, der greift eben auch mal in die Trickkiste: Massenhaft gebohrte Löcher und so ein martialisch anmutender Sitz zieht eben die Blicke an. Und warum nicht auch geniale Teile anderer Hersteller ins Gesamtkonzept mit aufnehmen? »Ich liebe sie einfach, die mit Kühlrippen versehenen Teile von Throwback Cycle Parts aus Santa Clara. Die machen was aus einem Motor«, erklärt Rick seine Affinität zu solchermaßen verrippten Teilen. Den entsprechenden Öltank mit optischen Parallelen hat RKB selbst gefertigt. Er passt visuell ins gleiche Gefüge, wie die mit Politur und Farbe aufgepeppten Throwback-Schöpfungen und die gleichgeschalteten Zylinder.

Harley-Davidson Shovelhead mit optischen Highlights

Überhaupt – aus der Distanz auf den Chopper zusteuernd – wird gerade dieser optische Motor-Öltank-Primärantriebs-Verbund zum Magneten. Aus der Nähe begeistern dann weitere Schmankerl, wie Ölleitungen, Verschraubungen, Muttern, Griffe und Fußrasten. Nichts davon wirkt irgendwie wie fertig anschraubbares, käufliches Zubehör. Einzig die schwarzen Indian-Larry-Stoßstangenhüllrohre, die mit den Fragezeichen auf den Messingringen, weichen vom selbstgesteckten Credo ab. Irgendwie scheint einiges vom Geiste Larry Desmedts aka Indian Larry auf den jungen Rick Bray übergegangen zu sein. Wie Larry weiß auch Rick, mit welchen Leuten gut zusammenzuarbeiten ist. Das sind zunächst sein Bruder Randall, die Schweißer, Dreher und Fräser Rob Solomon und Dave Hill.

Kool Hand Luke belebte mit seinem Tankgemälde alte Chopperbautradition. Ein Teil der vielschichtigen Lackierung zeigt den jungen Johnny Cash

Beim Thema Lackierung gibt es für ihn nur eine Wahl und das ist sein durchgedrehter Kumpel Kool Hand Luke aus Fresno! Ein Kerl, der seine künstlerischen Fähigkeiten als Airbrusher, Pinstriper und Tätowierer auslebt. Rick überlässt es Luke seinen Arbeiten finale Stempel aufzudrücken. KHL macht das so geschickt, dass die Lackarbeit die vorhandenen Strukturen hervorhebt und selbst nicht dominiert. Trotzdem kann der Betrachter in der detaillierten Lackarbeit versinken, findet auch nach intensiver Studie immer wieder neue Ohhs und Ahaaas! Gemälde wie hier auf dem Tank verwirklicht, waren absolute Reißer während der Blütezeit der Chopper. Habt ihr schon bemerkt, wen Luke da unter dickem Klarlack zeigt? Ja sicher, es ist Johnny Cash – auf cadillacgrünem Untergrund.

Unüberschaubaren Anzahl einzeln angefertigter Teile aus Metall

Hand in Hand geht der Lack mit einer unüberschaubaren Anzahl einzeln angefertigter Teile aus Metall – also »eins nach dem anderen« oder in Englisch »one piece at a time«, wie der Countrysong, den Cash für sein gleichnamiges Album 1976 aufnahm. Das Lied erzählt die Geschichte eines Mannes, der 24 Jahre bei Cadillac in der Montage arbeitete und in der Zeit sein eigenes Auto aus Teilen baut, die er »one piece at a time« – Stück für Stück – von seiner Arbeitsstelle hatte mitgehen lassen. Nur, um das klarzustellen: Rick hat seinen Chopper natürlich nicht aus Dieb-»Stahl« gebaut! Aber unglaublich viele, der pretiös wirkenden Teile entstanden peu à peu in der Werkstatt von RKB Kustom Speed.

Im Detail – In den Motorradanfängen waren Vorderbremsen nicht vorgesehen, noch in den 50er-Jahren galt bremsen mit dem Vorderrad als gefährlich. Auch den Chopperjüngern erschienen sie als schlicht unnötig. Heute ist ein Vorderrad ohne Bremse gesetzeswidrig und gefährlich – aber auch echt oldschool und cool

Unscheinbares, wie der schlicht gehaltene Tankdeckel, wird zum Hingucker durch eine daneben platzierte Entlüfterrohrschleife, die vom Tank in den Rahmen führt. Oder durch die dahinter sichtbare Hutmutter, die mit Hilfe eines weiter unten an der Tankoberfläche sichtbaren Partners an durchgehenden Stehbolzen den – natürlich selbstgebauten – Tank auf dem Rahmen halten. Verchromte Klemmen fixieren den Gaszug unter dem Rahmenrohr. Zierliche verchromte Motorhalter sind gleichermaßen am Rahmen verschraubt, wie auch die Kotfügel- und Auspuffhalter. Fast alles arbeitet enganliegend und -gefasst. Rank und schlank wirkt das Bike gerade auch durch eine trickreiche Auspuffrohrverlegung und die Verwendung moderater Reifenbreiten.

Harley-Davidson Shovelhead mit Hunt-Magnetzünder

Keine Regel ohne Ausnahmen: Der Hunt-Magnetzünder an einer handgefertigten Montageplatte bricht auf der rechten Fahrzeugseite neckisch dieses Schlankheitsdiktat auf, während sich dies ansonsten nur die einzigartige Mid-Control-Fußrastenanlage und links, die Kupplung und ein schelmisch wirkender Totenschädelhandschalthebel erlauben. Faszinierend, wie sich metallisch glänzende Rahmensegmente mit durch Lackkunst veredelten Rohrstücken ergänzen. Genial, wie gut sich technisch hochwertige Kugelgelenkenden an Kupplungs- und Bremsgestänge machen – selbst am Rahmenheck als Hinterachsverstellung. Wo hat man vorher schon eine Blattfeder als Seitenständer gesehen? Dass immer wieder einige Amis ohne Vorderradbremse unterwegs sind, ist ja vielleicht optisch noch entschuldbar. Aber ehrlich, Rick, der dünn gepolsterte Sattel mit den hervorstehenden Hutmuttern? Hinter vorgehaltener Hand erfahren wir, dass der Sitz seinen Zweck am Showbike bisher glänzend erfüllte.

Info | Facebook: rick.bray.712

 

Horst Heiler
Freier Mitarbeiter bei

Jahrgang 1957, ist nach eigenen Angaben ein vom Easy-Rider-Film angestoßener Choppaholic. Er bezeichnet sich als nichtkommerziellen Customizer und Restaurator, ist Mitbegründer eines Odtimer-Clubs sowie Freund und Fahrer großer NSU-Einzylindermotorräder, gerne auch gechoppter. Als Veranstalter zeichnete er verantwortlich für das »Special Bike Meetings« (1980er Jahre) und die Ausstellung »Custom and Classic Motoräder« in St. Leon-Rot (1990er Jahre). Darüber hinaus war er Aushängeschild des Treffens »Custom and Classic Fest«, zunächst in Kirrlach, seit 2004 in Huttenheim. Horst Heiler ist freier Mitarbeiter des Huber Verlags und war schon für die Redaktion der CUSTOMBIKE tätig, als das Magazin noch »BIKERS live!« hieß. Seine bevorzugten Fachgebiete sind Technik und die Custom-Historie. Zudem ist er Buchautor von »Custom-Harley selbst gebaut«, das bei Motorbuch Stuttgart erschienen ist, und vom Szene-Standardwerk »Save The Choppers!«, aufgelegt vom Huber Verlag Mannheim.