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Um einen astreinen Langgabler zu fotografieren, muss man nicht zwangsläufig nach Kalifornien oder Schweden reisen. Manchmal finden wir sowas sogar in Österreich. Alex, seine Harley-Davidson Shovelhead und eine Lehrstunde in Sachen Chopperfahren.

Ihr werdet es kaum glauben, auch Österreich hat einen Sunshine-State, das Burgenland begrüßt uns mit prachtvollem Wetter. Statistisch gesehen scheint die Sonne in Österreich hier am meisten, die höchste Erhebung hat gerade mal 484 Meter, zum Bergsteigen ist das wahrlich nichts. Dafür macht das Biken hier wirklich einen verdammten Spaß, noch eine Kurve und vor uns breitet sich der Neusiedler See aus. Wir fahren an Dutzenden von Weingärten vorbei, bis wir in Breitenbrunn ankommen.

Der Spitzname kommt nicht von ungefähr, Alex ist Rechtsanwalt

Unser Ziel: »Have you seen him cycles«, eine Hobbyschrauberbude, und Alex, der Typ dahinter, von seinen Kumpels nur »der Anwalt« genannt. Der Spitzname kommt nicht von ungefähr, Alex ist Rechtsanwalt in seinem einen Leben, im anderen eine schraubende One-Man-Show. Und so entstehen zwischen dem Leithagebirge und dem See, inmitten der Weingärten, Vintage-Chopper, die in Österreich ziemlich einmalig sind. 

Lang musste die Gabel sein: Für Alex kam nur eine klassische Chopper-Linie in Frage

Hierher gekommen sind wir wegen Alex’ Chopper-Projekt, eine Longfork-Shovel im Starrrahmen, wie aus alten Zeiten. »Normalerweise dauert der Bau eines solchen Projektes drei, vier Monate, hier war aber etwas mehr Zeit nötig«, verrät uns Alex. Denn schließlich legt der Selbstschrauber Wert auf Zulassungsfähigkeit. »Die Bikes müssen straßentauglich und technisch einwandfrei sein, und das dauert bei so einem extremen Bike dann schon mal etwas länger.«

Harley-Davidson Shovelhead – Kick only!

Ein paar Kompromisse musste Alex deshalb beim Bau eingehen, das Ergebnis überzeugt trotzdem. Grundlage des Umbaus ist ein Starrrahmen, bestückt mit einem Late-Shovel-Aggregat und dem obligatorischen Vierganggetriebe, »kick only, was anderes kommt bei mir nicht in Frage«, erklärt er. Einen Elektrostarter hat Alex noch nie verbaut, erzählt er uns lachend und fasst sich demonstrativ an den gut durchtrainierten rechten Oberschenkel. 

Den zündenden Funken liefert eine Morris-Magnetzündung

Alex’ Weg, ein neues Projekt anzugehen, folgt immer gleichen Richtungen. Am Anfang steht eine Grundidee, wie das Bike aussehen soll. Er hat ein paar Teile im Kopf, die er endlich mal verbauen will. Teile, die er hier und dort zusammengetragen hat, die mal bestellt, aber dann doch nicht verwendet wurden. Oder auch Sachen, die selbst angefertigt wurden, aber letztlich doch nicht passten. »Ich habe mittlerweile dutzende Lenker, Tanks, Lampen und anderes im Keller liegen«, erzählt Alex, »aber das macht es bei jedem neuen Umbau leichter.«

Harley-Davidson Shovelhead – Die Linie muss stimmen

Es passiert oft, dass Teile im Katalog super aussehen, aber am Motorrad dann nicht passen, manchmal sogar die ganze Linie zerstören. »Und die ist das Wichtigste am Motorrad«, da ist Alex sicher. Jetzt wirds aber Zeit, die Kiste mal anzulassen, drängeln wir. Zweimal Benzin einspritzen, drei-, viermal ohne Kraft locker durchtreten, bis der erste »Gegenkick« kommt, dann vorsichtig den richtigen Kolbenpunkt finden, noch ein moderater Kick und die Kiste läuft. Durchzukicken wie Arnold Schwarzenegger bringt gar nix, denn Alex hat eine Magnetzündung Marke Morris verbaut, und die will sanft gekickt werden.

Brusthohe Sissybar …

»Voll durchreißen ist da kontraproduktiv«, erklärt uns der Chopperholic. Die neue Ölpumpe funktioniert einwandfrei, pumpt das Öl in Leitungen und Eigenbau-Öltank. Den musste Alex selbst bauen, da der Rahmen so schmal und tief ist, dass ein serienmäßiger Tank nicht reingepasst hätte. Auf einen Ölfilter wurde aus optischen gründen verzichtet, »muss man eben öfter einen Ölwechsel machen«, grinst Alex. 

»Für Serpentinen ist das Ding natürlich nichts«

Und ab gehts auf die Straße, 24 Zoll Überlänge hat die Gabel, das lässt nichts Gutes erahnen. Doch die Shovel fährt erstaunlich ruhig, bleibt sauber in der Spur, nur für Serpentinen ist das Ding natürlich nichts. Und der enge Rabbit-Ear-Lenker erfordert sowieso höhere Aufmerksamkeit beim Fahren. Im Hafen angekommen, scharen sich die Menschen um das Bike. Alex erklärt geduldig die Details seiner Harley, auch warum sie so leise ist. »Ich stehe nicht auf laute Auspuffanlagen, es muss schön dahinblubbern, mehr braucht es nicht.«

… und winzige Trommelbremse verleihen jeder Ausfahrt automatisch einen gemütlichen Charakter

Beim neuerlichen Anstarten gibt’s Probleme … das klassische »Vergaserschießen«, aus dem Luftfilter raus raucht’s wie Sau … und dann plötzlich gar nix mehr. Also kicken, kicken und nochmal kicken. Manchmal wünscht man sich da vielleicht doch einen E-Starter. Der Fehler ist aber schnell gefunden: eine defekte Zündkerze, und – etwas peinlich – vielleicht auch etwas wenig Sprit im kleinen Mustang-Tank. Wenn das Bike dann aber wieder läuft, ist alles vergessen.

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.