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70er-Jahre-Magermodels sind nur was für den Laufsteg? Mitnichten, denn sie taugen auch für die Fahrt durch Mannheimer Industrielandschaften, wie diese Harley-Davidson Panhead beweist. Aber sie zu bauen, ist nicht so einfach, wie man auf den ersten Blick denkt.

Nur dreihundert Meter Luftlinie wohnen Markus und Patrick auseinander, beide haben einen engen Bezug zum Thema Harley-Davidson und beide haben sich bis vor ein paar Jahren noch nie gesehen. Dabei ist die Mannheimer Motorradszene eng miteinander verbunden und Markus’ »Werk Mannheim« einer der Hotspots der ansässigen Customverrückten.

Patricks Custom-Shovel brauchte Hilfe

2014 stellten wir die Werkstatt vor, damals noch Markus’ Privatvergnügen, heute anerkannter Custombetrieb, spezialisiert auf alles rund um Harley-Davidson. Patrick liest den damaligen Bericht und nimmt über unsere Redaktion Kontakt zu Markus auf, seine Custom-Shovel braucht seinerzeit Hilfe – und Markus hilft immer, wenn er kann. Es ist in der Folge nur logisch, dass er auch Patricks nächstes Projekt bauen soll, einen Chopper, von Grund auf.

Ein Kunde mit einer klaren Designvorstellung, ein Customizer, der sie umsetzt. »Das gibt schon mal Reibungspunkte«, sagt Markus Bürklin. Trotz einigen Diskussionen wurde aber am Ende alles gut – wie man sieht

»Der Hipster hatte das Projekt schon drei Jahre in seinem Kopf und ziemlich genaue Vorstellungen«, erinnert sich Markus. Hipster? »Na ja«, sagt der Customizer, »so nenne ich den Patrick, und ich meine das sehr liebevoll.« Okay, der Hipster will also einen Chopper haben, klingt soweit passend. Auch das Basisbike ist vorhanden, oder besser, es gibt einen Panhead-Motor, einen Rahmen und ein Getriebe. »Sonst war da nichts«, erklärt Markus, »außer eben der eindeutigen Vorgabe. Schmal soll es werden, sehr schmal.«

Harley-Davidson Panhead – Umbau mit reichlich Hirnschmalz

Nun denken wohl einige, so ein Chopper ist eine klare Sache: Ganz viel abschrauben, ganz wenig dranschrauben, lange Gabel, Sissybar, fertig. Ein absoluter Irrtum, denn ein Motorrad so schmal zu bauen, wie es in diesem Fall gewünscht ist, erfordert Hirnschmalz, und davon reichlich.

Ein Auspuffrohr hinter den Rahmen zu legen, ist nicht ungewöhnlich. Will man beide Rohre so verbauen, wird es schon schwieriger. Die Verschraubungen des Auspuffs liegen deshalb innerhalb der Rohre

Beginnen wir mit dem Motor, denn das Thema ist schnell abgehandelt. Der Panhead war schon generalüberholt, was blindes Vertrauen in ihn zur Folge hat und weiterführende Arbeiten am Aggregat unnötig machen. Sehr viel schwieriger ist da die Sache mit dem Getriebe … und erst die Auspuffanlage und die Fußrasten … aber der Reihe nach. Unter dem Motor ist von Haus aus nicht viel Platz, wer zusätzlich schmälern will, muss Lösungen finden. Normalerweise wird das Getriebe über ein Gestänge geschaltet.

Harley-Davidson Panhead – Auch ohne Handschaltung chopperlike

Weil damit die Schaltwege zu weit für die schmale Bauweise sind, verwendete Markus Fahrradritzel und -kette für die Schaltung, eine Lösung die naheliegend scheint, wir aber so noch nicht oft gesehen haben. Auch der Kickerhebel muss umgeschweißt werden, er hätte sonst zuweit hervorgestanden. Eine chopperlike Fußkupplung und Handschaltung wurde im ersten Schritt ebenfalls verbaut, erweist sich im Fahrbetrieb aber als zu schwierig und wird wieder verworfen. Ein wenigstens etwas entspannteres Fahren mit einem Bike, das eh schon viel Arbeit für den Fahrer erfordert, ist die Folge. 

Das Getriebe wird normalerweise über ein Gestänge geschaltet. Gut zu erkennen, dass hier stattdessen ein Fahrradritzel zweckentfremdet wurde

Nach der Arbeit an der Schaltung ist die Verlegung der Auspuffrohre dran. Dass dabei ein Rohr innerhalb des Rahmens verlegt wird, ist nicht selten. Um das aber mit beiden Rohre zu schaffen, muss vorm Schrauben wieder Kopfarbeit sein. »Gerade die Verschraubungen der Rohre am Heckrahmen waren Millimeterarbeit«, erinnert sich Markus, der die Rohre von innen verschraubt, um keinen Platz zu brauchen, der ja sowieso nicht da ist. Und weil der Hipster ein Styler ist, besteht er auf Mid Controls, deren Halter der Customizer von innen verzapft, um außen zu sparen. 

Kein Chopper ohne Sissybar

Eine Springergabel ist gesetzt, aber auch hier muss an dem alten Relikt nachgearbeitet werden. Die Nabe des 21-Zoll-Vorderrades muss ebenfalls geschmälert werden. Die Gabelbrücken kommen ebenso aus dem Mannheimer Werk wie der Lenker, »Dreißig Zentimeter hat der von Mitte zu Mitte«, grinst Markus. Und weil ein Chopper ohne Sissybar keiner ist, wird auch die natürlich selbst gebaut. An ihr findet auch das Rücklicht im selbstgedrehten Gehäuse Platz. Aber wo sind die Kabel? »Im Polster der Sitzbank«, erklärt uns der Customizer die Unsichtbarkeit. Sauber, auch das ein Attribut der Panhead.

 

»Normalerweise baue ich ein Motorrad einmal roh und unlackiert auf und fahre es, um alles zu testen« sagt Markus. Bei dieser Panhead lief es anders

Und so ist am Ende extrem viel selbstgemacht und nur wenig zugekauft. Selbst der Lack ist ein Eigenwerk, wenn auch kein hundertprozentig Perfektes. »Normalerweise baue ich ein Motorrad einmal roh und unlackiert auf und fahre es, um alles zu testen«, erzählt Markus, »aber der Patrick hat auf Farbe bestanden. Der Kompromiss war die Spraydose mit dem schönen Blau.«

Harley-Davidson Panhead – Pure Coolness

»Ich würde euch gern noch mehr zum Bike erzählen«, erklärt Markus uns zum Abschluss, »aber bei einem Chopper geht das nicht so, da ist halt nicht viel.« Außer pure Coolness … und das reicht doch schon.

Info | Werk Mannheim