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Zwei Monate lang hat Scott »T-Bone« Jones auf der Rückbank eines brachliegenden Oldtimers übernachtet. Weil er ein Motorrad bauen musste und keine Zeit verschwenden wollte. Die atemberaubende Story seiner Harley-Davidson Panhead.

Als Scott Jones auf der Bühne der Born Free-Show steht, seinen »Best of Show«-Triumph feiert und aufgefordert wird, ein paar Worte zu sagen, stammelt er nur vor sich: »Danke an meine Frau, sie ist der Grund, warum ich hier stehe.« Im Publikum fließen bei Mrs. Jones die Tränen.

Ami-Customizer schwimmen in Kohle genießen Promistatus?

Sie ist hochschwanger, zwei Söhne hat die Familie bereits und life is hard. Während wir hier nämlich gerne glauben, dass die berühmten Ami-Customizer in Kohle schwimmen und Promistatus genießen, ist die Realität eine andere: Und Scott Jones, Spitzname T-Bone, ist der beste Beweis dafür.

Einzelne Rohrstücke schweißte Scott für seinen kurzen Auspuff zusammen. Alle Halterungen sind Einzelanfertigungen

Als er zwei Jahre alt ist, klettert Scott auf die Honda CB 750 seines Vaters, mit drei darf er das erste Mal mitfahren. Frühkindliche Prägung im Nirgendwo von North Carolina, wo auch irgendwann später der erste Umbau folgt: Eine Triumph T120.

Das Custom-Glück in Kalifornien suchen

Und natürlich kommt schnell der Drang wegzugehen von zu Hause, um das Custom-Glück in Kalifornien zu suchen, wie es so viele vor ihm getan haben. Er kommt bei Großmeister Chica unter, der erste feste Job. 2007 eröffnet Scott seinen Internet-Blog und eine kleine Manufaktur, wo er Lenker fertigt.

Die Verkleidung für die Scheinwerfer ähnelt einer Schweißermaske und wurde aus gebürstetem Aluminium handgefertigt

Seine Fangemeinde wächst schnell. Am 1. Januar 2012 schließlich der Schritt in die Selbständigkeit als Customizer mit seiner Firma »Noise Cycles«, und seitdem ein täglicher Kampf um die Kohle, mit der er seine bald fünfköpfige Familie ernähren muss.

»Detailversessenheit kostet Zeit, die keiner bezahlen will«

Er baut zwei, drei Bikes im Jahr, ist aber wahnsinnig detailversessen, was Zeit kostet. »Zeit, die kaum einer bezahlen will. Zumal wir hier in der Gegend hunderte Customizer haben. Es ist ein verdammt hartes Geschäft. Einige müssen noch nebenbei oder in einem Hauptjob arbeiten, die Werkstätten sind winzig, angestellte Mechaniker kann sich kaum einer leisten, ich lebe von der Hand in den Mund.

Wolf im Schafspelz: Mit vier Schnellverschlüssen lässt sich die komplette Tank-Sitzbank-Einheit entfernen. Nicht mal ein Hauch von Werkzeug ist dafür notwendig. 

Aber die Freiheit und das Lebensgefühl hier, das ist halt auch was wert«, erklärt er seine täglichen Sorgen. Dabei baut Scott von Beginn an außergewöhnliche Motorräder, Chopper im Sixties-/Seventies-Stil, die ihresgleichen suchen, letztes Jahr sogar ein Trike für seine Mutter, die »das verdient hat, nicht nur weil sie meinen krebskranken Vater pflegt«.

Harley-Davidson Panhead – Ein besonderes Motorrad

Überhaupt spricht Scott viel über Familie, als wir ihn besuchen, um seinen Panhead-Kracher fürs Magazin abzulichten. »Familie ist alles und es bricht mir das Herz, dass mein Dad so leidet.«, erzählt er, immer noch gezeichnet von den letzten Wochen, wo er jeden Tag und unzählige Nächte ein Ziel verfolgte: Ein besonderes Motorrad zu bauen.

Das aufwendige Hingucker-Pulley fertigte T-Bone selbst. Abdeckungen und Felgen sind racingkonform gelocht

Als T-Bone erfährt, dass er ein Bike für die Born Free Show bauen darf, überlegt er genau. »Ich dachte, sie würden sicher alle Chopper bauen, daher wollte ich was anderes machen. Ich entschied mich für ein Sportbike, so leicht im Stil der Fünfziger-Sechziger-Jahre.

Harley-Davidson Panhead – Sportbike mit Monocoque

Und irgendeine Besonderheit musste es haben. Ich wollte nämlich unbedingt einen Preis gewinnen. Am liebsten einen, der Kohle bringt, ist klar«, grinst er. Die Idee eines Monocoques an der 52er-Panhead, die für den Umbau vorgesehen war, bringt Scott in einer Zeichnung zu Papier.

Abgegriffen und verranzt ist die Zeichnung, die T-Bone zu Beginn seines Umbaus zeichnete. Er hatte sie sicher hundert Mal in der Hand

Tank, Sitzbank und Heckfender als ein Teil zu designen und selbst zu bauen, das war die Vision. Die Umsetzung gestaltet sich letztlich weitaus schwieriger als gedacht. Bevor Scott sich aber daran macht, das ungewöhnliche Bodywork anzugehen, investiert er viel Zeit in die Revision des Motors.

Jede Menge Teile motzen den alten V2 gehörig auf

Unterstützung erhält er bei den Freunden von »Mesa Cycles«. Magneto-Zündung, Andrews-Nocken, die feingewuchtete Kurbelwelle, Kolben und Dual-Throat-Vergaser von S&S sind nur ein paar Teile, die den alten V2 aufmotzen.

Der überholte Motor läuft absolut sauber, den ersten fetten Kratzer im Auspuff hat sich Scott auf der Testfahrt trotzdem eingefangen, der Kicker war zurückgeschlagen. Kinderkrankheiten, die er nun in Ruhe ausmerzen kann. Die irre hohe Position der Fußrasten hingegen soll bleiben, wie sie ist. Scott sagt, das muss so sein …

Dazu baut Scott eine kurz-knackige Auspuffanlage, die aus einzelnen Stahlstücken zusammengeschweißt ist und in einem konisch geformten Topf endet. Die Räder sind Eigenanfertigungen, geführt in einem original Panhead-Rahmen von 1958, auch die Gabel ist Serie.

Einem Monat hat Scott in seiner Werkstatt geschlafen

Die vordere Trommelbremse stammt aus einer Yamaha TD, die Lampenmaske entsteht in Eigenfertigung aus einem Stück Aluminium und nimmt Autolampen auf. Als das alles passiert, schläft Scott schon seit einem Monat in seiner Werkstatt, weil die Zeit knapp wird.

Dabei steht der wichtigste Part noch an: Aus Holz fertigt der Customizer die Grundform seines Monocoques an, eine ganze Werkstattkiste mit alten Holzteilen erinnert an die vielen Fehlversuche. Als die Grundform schließlich steht und angepasst ist, entsteht aus ihrem Vorbild ein Aluminium-Masterpiece erster Klasse.

Harley-Davidson Panhead – Best of Show

Eines übrigens, das sich mit zwei Handgriffen vom Rahmen lösen lässt. Eine Wahnsinnsarbeit, die Scotts Familie mitträgt, indem sie ihn in Ruhe lässt. Das ist letztlich das, was er meint, als er seinen verdienten »Best of Show«-Preis bekommt.

Geld gibt es dafür zwar nicht, aber immerhin eine Reise zur Mooneyes-Show nach Yokohama. Und Folgeaufträge, die der Ruhm mit sich bringt. »Ich habe jetzt drei Shovels, eine SR 500 und eine BSA zu machen. Ganz schön viel Stress also in nächster Zeit. Meine Familie wird mich nicht oft sehen«. Die Zeiten sind hart in Kalifornien.