Artikel speichern

0

Es gab eine Zeit, da baute die Motor Company aus Milwaukee Einzylinder-Motorräder. Ein Franzose rettete eines dieser Schmuckstücke – ein Harley-Davidson Model C – in die Neuzeit.

Wer über Harleys spricht, spricht über Zweizylinder-Motoren, über unverwechselbaren Sound, über den Mythos. Und manche wissen vermutlich gar nicht, dass Harley vor Urzeiten mal Eintöpfe gebaut hat. Selbst die legendäre »Silent Grey Fellow«, war mit einem Einzylinder bestückt. Von 1918 bis 1926 aber konzentrierte sich die Company ausschließlich auf die großvolumigen V-Twins, ein Fehler.

Nur 1629 Harley-Davidson Model C wurden gebaut

Zu dieser Zeit war Harley gerade mal 30 Jahre alt und Konkurrent Indian marschierte fröhlich voran, deckte auch das Marktsegment der kleinen Einzylinder ab. Harley hatte Angst vor der Konkurrenz im eigenen Land, mächtig Angst. So entschieden die Bosse in Milwaukee, wieder Einzylinder mit 350 und 500 Kubik zu bauen – ab 1929 auch das seitengesteuerte C-Modell. Lustigerweise kostete es nur 20 Dollar mehr als eine 350er Singleharley, aus heutiger Sicht gesehen nahezu lächerlich. Nur 1629 dieser Motorräder wurden in wirtschaftlich schlechten Zeiten in Milwaukee gebaut, so ist das Model C heute eine echte Rarität. 

Gut zu erkennen: Fred baute den Magneto auf Doppelzündung um und bohrte ein zweites Zündkerzengewinde in den Einzylinder

Nun würde kaum einer, der eine der Babyharleys besitzt, sie umbauen. Restaurieren ja, customizen aber ist in dem Fall pure Blasphemie. Der Franzose Fred sieht das anders. Als Chef von Pyramid Cycles, einer auf alte Harleys spezialisierten Firma, und als Veranstalter der »Linkert Attacks«, einem Altharley-Treffen besonderer Natur, ist er quasi zum Umbauen verpflichtet. Das Model C hatte es ihm schon länger angetan, er suchte danach, jahrelang. Schließlich findet er einen der seltenen Einzylinder in Belgien.

Der Motor erweist sich als lahmes Stück Geschichte

Gerade noch rechtzeitig vor der englischen Ausgabe der »Linkert Attacks«, für die Fred das Bike im Hillclimb-Stil umbauen wollte. Der Motor erweist sich als lahmes Stück Geschichte, Kolben eines Ford T sind darin verbaut. Die nächste Suche beginnt, Fred braucht ein zweites Aggregat. Es ist kaum vorstellbar, wie mühsam sowas ist, aber dem Mann aus Frankreich gelingt das Unglaubliche. Er findet in Marseille einen zweiten Einzylinder für sein Projekt. Nun kann er die besten Teile der jeweiligen Motoren zu einem neuen Eintopf zusammenfügen.

„Die Lackierung in gelb-schwarz hatte ich vor Jahren mal an einer Knucklehead gesehen und fand die einfach richtig cool“

Um den Motor interessanter zu gestalten, setzt Fred auf zwei klassische Komponenten, die Morris-Magnetzündung und klar – einen Linkert-Vergaser. Und weil die Magnetzündung für Zweizylinder konzipiert ist, also zwei Ausgänge hat, steckt nicht wenig Arbeit darin, sie auf den Single anzupassen. Fred bohrt ein zweites Gewinde für eine zusätzliche Zündkerze in den Zylinderkopf und erzielt damit ein Leistungsplus und geilere Optik. Als Ausgleich bleibt der Rest des Motors komplett original. Fred installiert lediglich einen Krümmer, der aus den Anlagen einer Shovel, einer Pan und einer Seitenventil-WLA entsteht.

Harley-Davidson Model C mit Springergabel

Nachdem der Motor einwandfrei läuft, macht sich Fred an den Rest seines Aufbaus. Die Springergabel ist original Harley-Davidson, ein eigentlich vorderer Fender dient dem Hillclimber als hinteres Schutzblech, dazu kommt ein originaler Pfannensitz mit wunderschöner Patina. Am Hinterrad verschweißt Fred zwei Kettenräder und erhält so den Look alter Zeiten, als die Hillclimb-Fahrer auf ihren Maschinen zu den Rennen fuhren und sie erst vor Ort mit ein paar Handgriffen zu Kletterbikes ummontierten.

Patina, wohin das Auge blickt. Instrumente, Lampe, Spiegel und mehr sind immerhin über 80 Jahre alt

Lenker und Griffe baut Fred selbst, die Trittbretter sind wiederum original. Dazu entscheidet sich der Franzose für eine coole Lackierung. Die Grundfarbe ist Schwarz, versehen wird das Ganze mit gelben Streifen. »Das hatte ich vor Jahren mal an einer Knuckle gesehen und fand es richtig gut«, erklärt er. Ein bisschen Öl und Staub später steht die Single-Harley als perfekter Survivor und altertümliches Spaßgerät vor uns. Fred denkt da schon weiter. »Ein 750er-Flathead mit einem Kompressor, das wäre doch mal ganz cool, oder?«

Info | instagram.com/pyramid.cycles

 

Eric Parrey