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Eine Hommage an den Ursprung der Chopperkultur und ein Bekenntnis zu den alten Helden – Uwe Ehingers Harley-Davidson Knucklehead.

1977 hatte ich keine Ahnung von Choppern, ich wusste nur, ich will einen haben«, Uwe Ehinger stand wie viele Motorradverrückten dieser Zeit unter dem Einfluss eines Films. Easy Rider hatte die Attitude der Motorradjungs verändert, Captain America einen Hype ausgelöst. »Wobei ich das Billy Bike immer als das bessere Motorrad empfand«, wie Uwe gesteht.

Die Auspuffrohre deuten ein echtes Chopperelement – die Sissy­bar – an, selbstverständlich ohne deren Funktionen zu übernehmen

Ein paar Jahre später macht der Schauspieler Peter Fonda nochmal Eindruck auf Uwe, als er für einen anderen Film eine 4-Inch-Over-Knucklehead fährt. Uwe Ehinger ist angefixt, wird in den Jahrzehnten danach viel Energie in das Suchen, Finden und Handeln mit Motorrädern stecken und sich ein umfassendes Wissen über die Chopperkultur aneignen. Viele außergewöhnliche Motorräder hat seine Firma seither auf Basis alter Harley-Motoren hervorgebracht. Hier zeigt er uns mit »The Chopper« seine moderne Interpretation des alten Themas. Ein Motorrad, das einen genauen Blick nötig macht.

Harley-Davidson Knucklehead – Moderne Chopper-Interpretation

Baujahr 1947 ist die Knucklehead, die Uwe Ehinger als Basis für seinen Umbau gewählt hat. Rund um den für viele schönsten Harley-Motor wollte Uwe eine moderne Interpretation eines klassischen Choppers schaffen und so den Pionieren der Chopperkultur seinen Tribut zollen.

Gehobene Handwerkskunst: Aufwändiges Punzieren der Ledersitzbank

So verbinden sich sauber deutsche Handwerkskunst mit dem verspielten Lifestyle der siebziger Jahre. Anders als bei alten Choppern wurde nicht kiloweise Spachtelmasse verarbeitet, um sie als Füller zu verwenden. Alles am Bike ist geschweißt, gezinnt und insgesamt minimalistisch reduziert, ein Markenzeichen der Ehinger-Bikes.

Trotz seiner optischen Einfachheit ein durch und durch radikaler Umbau

Mit einem Rake von 12 Grad und der Sissybar-Auspuffanlage ist der Chopper trotz seiner optischen Einfachheit ein durch und durch radikaler Umbau. Mit dem Verzicht auf eine vordere Bremse, einem kleinen Fender, Motorgravuren und einer außergewöhnlichen Lackierung greift Ehinger die alten Chopperattribute auf. Das Motorrad entsteht in einer Bauzeit von nur sechs Monaten.

Die handgearbeitete Sitzbank kommt von MB Leathers aus der Schweiz und passt sich der Linie und dem Design des Highneckers perfekt an

»Das Hauptmerkmal eines echten Choppers ist immer eine lange Gabel, wobei die Urchopper letztlich nichts anderes als Bobber mit verlängerten Gabeln waren. Ich bevorzuge bei einem echten Chopper einen Highneck-Rahmen mit einem zusätzlichen Rake, während Schwedenchopper zum Beispiel nur über eine gereckte Gabel verfügen. Ab Zehn-Inch-Over wird es interessant, das ist der echte Seventies-Stil, wie er in Kalifornien als Erstes gefahren wurde« macht Uwe deutlich.

Harley-Davidson Knucklehead im Highneck-Rahmen

Hauptverantwortlich für das klassische Chopperdesign ist der Highneck-Rahmen in Verbindung mit der verschmälerten 12-inch-over-Springergabel von W&W. Die Beiwagenaufhängung am Rahmen ist mit einem Schwenksockel versiegelt. Der runde Tank wurde mit dem Rahmen zu einem Teil zusammengefasst.

Bei Sugar Mountain Customs entstanden die Metallarbeiten für den Chopper nach den Designvorgaben von Uwe Ehinger

Dazu wurde ein Adapterblech an den Rahmen geschweißt und anschließend mit dem Spritgefäß verbunden. Auch der glatte Tankdeckel ist ein Unikat und wurde extra für dieses Bike gefertigt. Auf dem Öltank befindet sich eine zweite Haut, unter der die Batterie und die 12-Volt-Zündanlage versteckt sind.

Hinten dreht sich ein Drag Tire gänzlich ohne Profil

Auf dem bremsenlosen 23-Zoll-Vorderrad montierte Uwe einen Reifen, der normalerweise im Eisspeedway genutzt wird, für den Chopper selbstverständlich von seinen Spikes befreit und »bombenhart zu fahren«, wie Uwe sagt. Auf dem hinteren Mag-Wheel in klassischen 19 Zoll kommt ebenfalls ein Sportreifen zum Einsatz, nämlich ein Drag Tire gänzlich ohne Profil.

Dabei wurde darauf geachtet, sauber zu schweißen und ohne Tonnen von Spachtelmasse auszukommen

Einer der wichtigsten Hingucker ist zudem die Auspuffanlage, die absolut sauber eine Sissybar bildet – ein selten gesehenes Detail. Gerade die Arbeiten an Details wie dieser Anlage, der Zündung oder der Beleuchtung fraßen die meiste Arbeitszeit und verschlangen fast so viel Zeit wie das restliche Bodywork.

Harley-Davidson Knucklehead – Klassisch reduzierte Chopper-Linien

»In meinem Chopper verschmelzen die Welten miteinander. Einerseits die klassischen, reduzierten Linien der Vergangenheit, auf der anderen Seite moderne Handwerkskunst. Das Motorrad ist ein ehrlich geschweißtes, reduziertes und sauberes Zweirad ohne die vielen kitschigen Applikationen, die man zuweilen an Choppern findet.

Ein spezielles Motorrad erfordert spezielle Künstler. Zwei der Oberflächenveredler aus Deutschland – Lackierer Danny Schramm und Gravierer Carsten Estermann – durften sich hier voll ausleben. So gravierte Estermann unzählige stiliserte Rosen auf den Motorblock

Schaut man sich Motorräder von früher genau an, gerade aus den USA, dann erkennt man schnell, dass unter den Lackierungen massenhaft gespachtelt wurde. Auf solche Dinge haben wir verzichtet, trotzdem ist das Motorrad so radikal geworden, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und es ist ein Chopper, der fährt. Ein Motorrad, das das nicht kann, ist nichts wert«, ist Uwe Ehinger überzeugt.

Die Lackierung interpretiert traditionelle Aztekenmuster

Auch in der gewählten Lackierung entscheidet er sich für eine Hommage an frühe Motorradkultur. Sie interpretiert zwar traditionelle Aztekenmuster, ist aber trotzdem ein eigenständiges Design, in dem Muster aus dem Ehinger-Familienwappen aus dem 13. Jahrhundert aufgegriffen werden. In Schwarz-Rot-Gold wird das erdachte Muster schließlich auf das Weiß von Tank und Fender aufgebracht und anschließend mit Hologrammlack überzogen.

Schramm veredelte Tank, Öltank und Heckfender mit demselben Motiv in einem Aztekenmuster

Auch die Ledersitzbank ist nach diesem Muster gestaltet und mit dutzenden dieser Rosen besetzt. Gravuren haben außerdem eine lange Tradition im Chopperbuilding. Früher waren sie verschnörkelt und barock, bei Uwe Ehinger greift die traditionelle Gravurtechnik die Lackierung und die Elemente auf der Sitzbank auf. Das in Hamburg entwickelte Design, das wieder die stilisierten Rosen des Familienwappens aufgreift, wird von einem der besten deutschen Gravierer auf den Motor gestichelt. Carsten Estermann aus Köln setzt die Gravur sorgfältig um, anschließend wird sie schwarz ausgemalt.

Schon ab den 50er Jahren wurde die „neue“ Motorrad- und Customkultur gelebt

»Die Chopper haben ihren Ursprung in East Los Angeles, dort wo die Latinos und die Lowrider zu Hause sind. Das war die Heimat des Flamingos MC, einem mexikanisch-amerikanischen Motorradclub, der schon ab den 50er Jahren die „neue“ Motorrad- und Customkultur lebte. Die Farben und Muster dieser Pioniere habe ich adaptiert. Denn hier ist der Ursprung, von hier ist alles ausgegangen« erklärt Ehinger. Und da hat er wohl recht.

Info | ehingerkraftrad.com

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.