Artikel speichern

0

Wie aus einer abgelederten Harley-Davidson FX ein keck-schwülstiger Eroberer wurde.

Warum nennt er seine Kiste eigentlich nicht »Meine kleine rote Scheißeschaukel«? Nun, weil auf dem Tank nicht so viel Platz ist. Und weil »Der Eroberer« natürlich viel mackermäßiger klingt. In der Tat ist es keinesfalls rühmlich, sich mit den Konquistadoren des 16. und 17. Jahrhunderts an ein Tischlein zu setzen, weil das nämlich ziemliche Arschlöcher waren, deren einzige Aufgabe es war, die indigenen Völker des südlichen Amerikas nach Strich und Faden auszubeuten, zu missionieren und gegebenenfalls platt zu machen.

Unser »El Conquistador« ist also ein harmloser einer

Am besten alles gleichzeitig. Und dies alles natürlich mit dem Segen von Kirche und Staat, in unserem Fall sind Spanien und Portugal die Bösewichter. Micha geht die Sache jedoch entspannt an, darum ist auf seinem Tank auch nicht die Karte von Brasilien zu sehen, sondern ein altertümlicher Fahrplan der norddeutschen Küstenlinie, in deren Wasser er sich regelmäßig den Hintern putzt. Und da (im Norden, nicht an seinem Hintern) gibt es bekanntlich kaum was zu missionieren. Unser »El Conquistador« ist also ein harmloser einer. Glück gehabt.

Kompass, Messingtacho und Sonnenuhr weisen dem FX-Piloten den Weg durch die norddeutsche Tiefebene

Natürlich ist dieses mal wieder eines der Motorräder, die unglaublich polarisieren. Hier haben wir sogar drei Pole: Ein Drittel der Betrachter findet es total toll, das zweite Drittel findet es total kacke und das dritte Drittel sagt sich »Na, wenn es ihm gefällt …«. Kaum zu glauben: Noch vor nicht Mal zwei Jahren sah das Ding ziemlich abgeledert aus, weil es nämlich jahrelang im Schuppen vor sich hingegammelt hat.

Harley-Davidson FX – Gammelige Superglide von 1976

Mir persönlich sagt dieser Zustand natürlich mehr zu, aber mich fragt ja keiner. Micha hingegen ist ein Frickler, ein Fummler und Bastler. Ein Umwandler, Zauberer und kreativer Schmierfink. Und darum kann er unmöglich mit dem serienmäßigen Erscheinungsbild einer 1976er Superglide leben. Und darum hat er den ganzen Bückel erst mal komplett zerlegt, alles fein sauber gemacht und sich ein Designkonzept zurechtgelegt.

Auf dem Tank befindet sich eine kunstvoll gearbeitete Karte der schönsten Strände der Nord- und Ostsee

Ein Großteil der alten Originalbauteile ist dabei im Pappkarton gelandet, denn das grobschlächtige Ami-Design der AMF-Ära sollte auf keinen Fall wieder auftauchen. Auch wenn der erschütterte Betrachter erst mal den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen vermag, so sind es doch hauptsächlich die Lackierung und der Tank, die diesem Fahrzeug einen völlig anderen Charakter verleihen, als er dem Ursprungsfahrzeug anhaftete.

Zuneigung zu Messing und Goldoberflächen im Verbund mit Chrom

Sehr viele Umbauteile sind – und daraus macht Micha keinen Hehl – direkt aus dem Katalog bestellt. Macht nix, sach ich mir. Seine Zuneigung zu Messing und Goldoberflächen im Verbund mit Chrom ist nicht zu übersehen, und dieses Bicolor-Arrangement versprüht einen ganz speziellen Charme, der auch ältere Herren und kleine Kinder auf den Plan ruft, die dann staunend um das Fahrzeug herumspazieren und die Nase in Angelegenheiten stecken, die sie eigentlich gar nichts angehen.

Die aufwändige Sitzheizung und Küstennebel-Maschine macht auch Geräusche

Der garstige Sitz ist dabei zwar erst mal Aufsehen erregend, aber in der Realität recht bequem. Und gibt dem Fahrer nebenbei die Möglichkeit, seine Hoden und deren Inhalt in regelmäßigem Gerinnungszustand zu halten, denn die Auspuffwärme hat zumindest an der Ampel und im Stau freien Zugang zum Schritt des Piloten. Der ungewöhnliche Tank beherbergt Benzin und Öl.

Harley-Davidson FX – Das Benzin läuft in einen S&S Super E

Während das Benzin da eingfüllt wird, wo sich der Tankdeckel samt Sonnenuhr und Kompass (der Typ hat doch ’n Knall…) befindet, muss zum Auffüllen des Öles der rechte Ölstutzen herausgeschraubt werden. Das Öl kann Micha von hier aus peilen und mittels Trichterchen auch nachfüllen. Warum auch nicht. Benzin läuft vom Tank über einen Schlauch mit Zubehör-Messingbenzinhahn in einen S&S Super-E-Vergaser.

1340er Shovelhead: Hinter dem Bullaugen-Luftfilter zählen wir neun Kühlrippen

Auch dieser Zerstäuber hat zu gleichen Teilen Freunde und Feinde – bei Micha arbeitet er zuverlässig und sauber. Das Eigenbau-Luftfiltergehäuse mit Sichtfenster in den Ansaugtrakt geht wieder komplett auf das Konto des Erbauers. Wenn nun der 1340er-Shovel sein Süppchen gegessen hat, muss das Abgas raus.

Harley-Davidson FX – Gewagte Auspuffkonstruktion

In diesem Fall wird es durch eine gewagte Konstruktion geführt, deren Verlauf sich nur ein Gehirn ausdenken kann, das regelmäßig mit Fliegenpilzen gefüttert wird. Immerhin: Komplett selbstgemacht und klanglich ganz schön garstig, ohne zu nerven. Da können sich andere Krawallheinis mal ’ne Scheibe von abschneiden. 

Aus der fetthüftigen FX hat sich ein recht schlankes Gazellchen gemausert, das nicht nur 40 Kilo leichter ist, sondern auch elegant auf dem Asphalt zu händeln ist. Der Wendekreis hingegen hat gelitten: Er ist größer geworden, weil sich Tank und Lenker recht früh ins Gehege kommen

Ihr stolpert über die 1340 Kubik? Zu Recht! Normalerweise hat eine 76er Harley 1200 Kubik, leicht erkennbar an den 10 Kühlrippen der Zylinder. Der 1340er Zylinder erlaubt bauartbedingt nur neun Kühlrippen. Der Vorbesitzer hatte wohl irgendwann mal auf 1340 Kubik umgerüstet, was ja auch problemlos möglich ist. Das ist der Vorteil bei den alten Dingern, das ist wie Lego spielen. Irgendwie passt immer alles zusammen.

Die Springer-Forke ist besser als ’ne festgerostete Telegabel

Die klassische Springergabel vom Aftermarket tut ihren Dienst ganz gut. Komfortabel ist sie nicht, aber besser als ’ne festgerostete Telegabel. Zusammen mit der hochmodernen Fußrastenanlage und dem ausladenden Lenker hat man eine ziemlich freche Sitzhaltung. Wenn es einem zu wild wird, kann man immer noch bremsen. Und das geht mit den hier eingesetzten Bremsanlagen wirklich vortrefflich!

Michas Sozia hat ein ganz besonderes Plätzchen bekommen

Da hat unser kleiner Konquistador nicht am falschen Ende gespart. Für ein Vorderradschutzblech fehlte am Ende das Geld – ein Glück. Insgesamt schleicht sich in dieses Gesamtkunstwerk ein Hauch von Jules Vernes »20000 Meilen unter dem Meer«. Allerorten trifft man auf verschnörkeltes Metall, auf zwiebelturmförmige Hütchen und Mütterchen, die sich die Hand mit gerändertem Metall und goldunterlegtem Lack reicht.

Ein Haufen Metall, der allerorten für Aufsehen sorgt

Die ganzen Lackarbeiten hat Micha alleine bewerkstelligt, zum Schweißen fehlt ihm allerdings das benötigte Hirnareal. Darüber verfügt hingegen sein Freund Lars, mit dem er sich die Garage teilt. Und der kann nämlich schweißen wie ein ganz Großer. Dafür kann er nicht geradeaus gehen. Aber wer will das schon? Auf alle Fälle haben die beiden da einen Haufen Metall zusammengesteckt, der allerorten für Aufsehen sorgt. Und dass alles so schön sauber und anständig verarbeitet ist, erfreut das Schrauberherz natürlich nachhaltig. Sogar meines.