Artikel speichern

4

Mit dem amtlichen Segen in der Tasche direkt zum CUSTOMBIKE-Fototermin. Wolfgang und seine Harley-Davidson FLH mögen Reisen ohne große Umwege.

Zwei Tatsachen fallen schwer ins Gewicht, wenn wir über Wolfgangs Harley sprechen. Zum einen ist der Österreicher Werkzeugmacher, ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn man einem Motorrad den eigenen Stempel individueller Handarbeit aufdrücken will. Zum anderen ist Wolfgang Member in einem Motorradclub. Nicht in einem dieser Clubs, die die ganz große Politikkeule schwingen, sondern in einem, in dem Motorrad gefahren wird. Das bedingt nicht nur ein zuverlässiges, sondern auch ein legales Bike.

Harley-Davidson FLH – Alle Beamtenhürden sauber umschifft

Und so schnappen wir uns den Mann aus der Steiermark direkt nach der Typisierung – ja, so heißt das in Österreich –, um sein Motorrad zu fotografieren. Sichtlich stolz ist der Selbstschrauber, dass er alle Beamtenhürden sauber umschifft hat, lediglich am Heck gab es leichte Mängel, der Bügel überm Fender war Anlass zu Falten im Prüfergesicht. Aber sonst alles easy für Wolfgangs Shovel. Man muss dazu wissen, dass der TÜV in Österreich fast noch eine härtere Nummer als in Deutschland ist, »Starrrahmen scheiden quasi schon mal komplett aus«, erklärt uns Wolfgang, »vor allem bei Custombikes.«

Nach unserem Geschmack ist lediglich der Lenker etwas zu hoch. Grund dafür sind die selbstgefertigten Riser. Erst bei der Montage war klar, die hätten gern auch eine Spur niedriger ausfallen dürfen

Die starren Fahrwerke sind bei Originalbikes, die von Haus aus ungefedert fahren, zulässig. Dann aber ist Customizing schwierig, nur eine originalgetreue Restaurierung möglich, um danach ein Oldtimerkennzeichen zu bekommen. »Außer natürlich du kennst jemanden, der jemanden kennt oder hast viel Geld«, sagt Wolfgang. Aber der hatte das Problem ja sowieso nicht, seine Shovel ist gefedert, was bei den vielen Ausfahrten, die er macht, auch wirklich besser ist. »Bikes nur zum Anschauen taugen mir nix«, ist die klare Ansage.

Harley-Davidson FLH – Neues Outfit und eine ordentliche Motorkur

Gekauft hatte er das Bike komplett mit Rahmen, eine ziemliche Bruchbude. Er baute sie noch ohne Custom-Aspekt neu auf und fuhr sie tausende Kilometer. Das Umbauen, das sollte trotzdem irgendwann folgen, hatte Wolfgang doch schon früher Erfahrungen damit gemacht – freilich in jüngeren Jahren noch mit Streetfightern und dergleichen. So kommt auch die Harley letztlich auf die Werkbank und erhält neben dem neuen Outfit auch eine ordentliche Motorkur.

Nach dem Ankicken lässt der Shovelhead 90 Pferdchen von der Koppel

Das Gehäuse ist original Milwaukee, das Innenleben ist es nicht. Das kommt weitgehend vom Aftermarket-Giganten S&S, dazu starre Stößelstangen und Barnett-Kupplung – irgendwie klassisch, irgendwie modern. Dazu eine lange Übersetzung für den Sekundär, denn Kenner wissen: Das taugt besser, wenn du Strecke und nicht nur den Dicken machen willst. Die 2-in-1-Auspuffanlage baut Wolfgang selbst, mit Tape umwickelt passt sie perfekt. Als Vielfahrer legt unser Schrauber aber nicht nur Wert auf einen ordentlichen Motor, sondern auch auf ein perfekt abgestimmtes Fahrwerk.

Harley-Davidson FLH mit Öhlins-Fahrwerk

Dazu nimmt er feine Komponenten. Wie wärs zum Beispiel mit einer Showa-Gabel mit Öhlins-Federn – sowas verbauen auch gerne mal die Jungs aus der Racerecke. Die Rundschwinge will Wolfgang behalten, verstärkt sie allerdings und verbaut im Heck Öhlins-Federbeine. Das Rad vorn ist zwar original Harley, trägt aber normalerweise eine Trommelbremse. Auch hier steht Fahrbarkeit im Fokus und Wolfgang baut das Rad für die Aufnahme einer modernen Scheibenbremse um. Hinten darf die Trommel bleiben, da reicht das.

Von außen betrachtet ein stimmiges Gesamtkonzept, im Detail eine kleine Demonstration von Handwerkskunst: Fußrasten, Vergaser, Sitzbank und Fender sind allesamt in Handarbeit entstanden

Sieht trotzdem bretthart aus, das Teil, bemerken wir beim Blick auf die minimale Sitzbank. Wolfgang winkt ab, »die ist gar nicht so hart. Da ist manche Moosgummi-Konstruktion schlimmer.« Zwei Zentimeter Schaumstoff und vier Millimeter Leder auf der Eigenbau-Platte empfindet unser Mann dann auch durchaus als komfortabel. Zahllose Eigenbauhalter und Streben lohnen einen weiteren genauen Blick, da hat einer richtig viel selbstgemacht.

Alles dran, was man für ein legales und cooles Bike braucht

Auch die finale Lackierung stammt übrigens aus Wolfgangs Hand. Mittels Schablonen hat er das geflügelte Rad auf den Tankseiten vorgefertigt und anschließend aufgebracht. Ansonsten ist alles dran, was man für ein legales und cooles Bike braucht, da konnten auch die Jungs vom Amt nicht mehr anders – Stempel drauf, Abfahrt.

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.