Artikel speichern

0

»Best Custom!« – wieder mal hatte Günter auf einer kleinen Veranstaltung einen Preis für seine Panhead bekommen. Die Redaktion war dabei, hörte dem Gewinner zu und entschied: Diese Harley-Davidson FL wurde schon vor einigen Jahren gebaut, ist aber trotzdem brandaktuell. 

1993 war ich in Sturgis in South Dakota«, lässt Günne raus. »Nicht auf der Rally im August, sondern einfach mal meine Tante besuchen. Die lebt dort seit 1961. Zufällig war das Ende Juli. Und ja, es trudelten die ersten Harleyfahrer zum Treffen ein. Ich war fasziniert! Und als mir meine Tante dann Bilder von der Rally zeigte, war’s eh klar: So ein Teil brauche ich auch. Aber natürlich keinen neumodischen Schnickschnack.«

Ist kein Bobber, ist kein Chopper und erst recht kein Cruiser. Am ehesten ein Boardtrack-Racer, auf jeden Fall aber eigenständig, gut fahrbar und schön anzuschauen

Wieder zu Hause wird er in Bayern fündig: »Harley-Davidson, Starrrahmen, Early Shovel, braucht etwas Überarbeitung!« stand in der Anzeige. Also genau das Richtige für einen gelernten KfZ-Schlosser wie Günter. Satte 9600 Deutsche Mark blättert er damals für die Ansammlung schrottiger Teile hin. »Würde ich heute nicht mehr kaufen. Muss wohl jeder seine eigenen Erfahrungen machen«.

Auf den ersten paar tausend Kilometer verreckten Motor, Getriebe, Rahmen

Günter »Günne« Seidel steht damals ganz am Anfang einer Kette von eben solchen Erfahrungen. Auf den ersten paar tausend Kilometer verreckten ihm Motor, Getriebe, Rahmen … »von dem damals gekauften Schrott ist eigentlich nur noch die S&S-Kurbelwelle übrig!« Er hätte wohl gleich auf die alten Harleyschrauber hören sollen! Doch eine Entscheidung steht fest, allen Problemen zum Trotz: Günne will mit seiner Harley Kilometer fressen. Somit all die Leute Lügen strafen, die behaupten, dass eine ältere Harley doch nur zum herumcruisen taugt.

Doch, das gibt’s immer noch: Das Rücklicht stammt von einem Traktor

Beim ersten Überholen des ausgelutschten Motors kommt heraus, dass dieser nicht mit originalen Teilen bestückt ist. Es finden sich eine Stroker-Kurbelwelle, eine extreme Nockenwelle, die fast zum Dragracing gut gewesen wäre und ein S&S-Vergaser. »Einfach eine ungünstige Kombination aus extremer Leistungserhöhung und völlig desolatem Motorzustand«, wie Günne rückblickend erzählt. Mit der Motorüberholung korrigiert er diesen Zustand. Deswegen muss auch gleich ein verstärktes Delcron-Case her.

Harley-Davidson FL – Zuverlässigkeit statt Höchstleistung

Das originale Early-Shovel-Gehäuse ist einfach fertig. Günne braucht Zuverlässigkeit anstatt Höchstleistung. Die Karre läuft nun einwandfrei. Doch welche Ziele ansteuern, wenn einem die Treffen der großen Rockerclubs so gar nicht zusagen wollen? Bei seinen Touren entdeckt er immer mehr Gleichgesinnte. Und somit bekommt Günne auch von Treffen Wind, für die keiner offiziell Werbung macht. Einladungen dazu kommen direkt von den Veranstaltern und sind oft auch limitiert.

Silent Fellows? Günnes Eigenbau-Rohre sind skinny … and black!

Manche gehen strikt nur an Fahrer amerikanischer Zweiradalteisen. Andere Partys sind für Fahrer von umgebauten Motorrädern und Oldtimern gedacht oder es wird zu gemeinsamen Touren gerufen. Günne reißt mittlerweile Jahr für Jahr über siebentausend Kilometer auf seiner starren Harley-Davidson FL herunter. Und ja, der Solositz ist noch der alte. Jeden Riss im Bezug flickt Günne mit einem aufgeklebten Patch. Wie jeder macht auch er diverse Umbautrends mit. Aber im neuen Jahrtausend laufen ihm die ausufernden Breitreifen dann doch absolut gegen den Strich.

Harley-Davidson FL – Schlankheitskur für den Bobber

Dicke Schlappen auf fettesten Felgen – er kann es nicht mehr sehen. »Es war der Ehrgeiz. Ich musste einfach was tun.« Auf der Veterama in Mannheim besorgt er sich einige Teile, die eh keiner will. Und dann reißt er seinen geliebten Bobber auseinander, um dem Moped eine Schlankheitskur zu verpassen. Quasi gleichzeitig und völlig unbeeinflusst von Customizern wie dem Belgier Fred »Krugger« Bertrand und dem Kanadier Roger Goldammer, kreiert auch Günne seine Version eines Boardtrack-Racers.

Der Umbau geriet schlank und schmal, und so war Günnes erster Gedanke beim Rollout: Oje, jetzt habe ich ein Fahrrad gebaut!

»Als ich das Teil von der Hebebühne auf die Straße schob, war mein erster Gedanke: Oje, jetzt habe ich ein Fahrrad gebaut! Na ja, nicht nur ich habe mich an den Look gewöhnt. Eine Zeitlang war das ja sogar höchst trendy … doch das war und ist mir egal. Ich würde die Harley heute wieder genauso bauen«, meint Günne noch letztes Jahr. Er ist gerade mit seinen Kumpeln aus Estland zurückgekommen. »Und wie ist das so mit Rückenschmerzen?«, wollten wir wissen: »Nee …«, meint der Schwarzwälder, »auch wenn wir lange Strecken über Tage unterwegs waren, fühlte ich mich immer wohl.

Deutliche Spuren des Verschleißes am Shovelhead

Mein Rücken meckert eigentlich nur, wenn ich zu Hause auf der faulen Haut liege.« Beim letzten Wintercheck zeigen sich dann aber doch deutliche Spuren des Verschleißes – am Motorrad. Nach über 130 000 Kilometern durch ganz Europa ist es einfach mal wieder angebracht, dem V2 etwas mehr Zeit zu widmen, ihn in einen Zustand zu versetzen, der Günne die nächsten Jahre wieder sicher an seine Ziele und zurück bringen wird. Dabei ersetzt jetzt auch ein Satz neuer S&S-Panhead-Köpfe die reparaturbedürftigen Shovelhead-Teile. »Für mich ist es ja immer wichtig, mich auf mein Moped verlassen zu können.

Die Vollscheibenräder haben definitiv keinen Boadtrack-Style

Und das kann ich nach anfänglichen Schwierigkeiten auch, seit nun über zwanzig Jahren. Da bin ich mehr als zufrieden.« Drücken wir Günne die Daumen: Möge er noch lange mit seinem Skinny Gray Fellow weite Kreise um die Häuser ziehen und seine Freunde in ganz Europa treffen.

 

Horst Heiler
Freier Mitarbeiter bei CUSTOMBIKE Magazin

Jahrgang 1957, ist nach eigenen Angaben ein vom Easy-Rider-Film angestoßener Choppaholic. Er bezeichnet sich als nichtkommerziellen Customizer und Restaurator, ist Mitbegründer eines Odtimer-Clubs sowie Freund und Fahrer großer NSU-Einzylindermotorräder, gerne auch gechoppter. Als Veranstalter zeichnete er verantwortlich für das »Special Bike Meetings« (1980er Jahre) und die Ausstellung »Custom and Classic Motoräder« in St. Leon-Rot (1990er Jahre). Darüber hinaus war er Aushängeschild des Treffens »Custom and Classic Fest«, zunächst in Kirrlach, seit 2004 in Huttenheim. Horst Heiler ist freier Mitarbeiter des Huber Verlags und war schon für die Redaktion der CUSTOMBIKE tätig, als das Magazin noch »BIKERS live!« hieß. Seine bevorzugten Fachgebiete sind Technik und die Custom-Historie. Zudem ist er Buchautor von »Custom-Harley selbst gebaut«, das bei Motorbuch Stuttgart erschienen ist, und vom Szene-Standardwerk »Save The Choppers!«, aufgelegt vom Huber Verlag Mannheim.