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Irgendwo hinter Hamburg wurde aus einer Idee ein Motorrad. Oder anders gesagt: Aus einer 1948er Harley-Davidson FL ein astreiner Panhead-Bobber.

Das wird ein Bobber! So oder so ähnlich fielen schon oft schicksalsträchtige Aussagen auf der Heimfahrt mit soeben erworbenen Stück Eisen auf dem Hänger. Im Schnitt sechs Jahre später findet man die Ergebnisse als Großbaustelle im populären Auktionshaus online unter dem Titel »Wegen Projektaufgabe …«. Dieses Ende konnte Timo Gorius seiner 1948er Panhead ersparen und brachte seinen Moorhocker so schnell auf die Straße, wie eine Frau vom Geschlechtsverkehr bis zur Entbindung braucht.

Eine vermurkste Harley-Davidson FL als Basis

Doch von vorn: Als Timo vor einigen Jahren die Basis im Motorradmekka Sylt abholte, stand schon auf der Heimfahrt die Stilrichtung fest. Ihm war klar, dass er einen Bobber aus dem Harley-Schwermetall herauslösen wollte. Sein Jugendfreund Jan, als Kfzler prädestiniert für den Job, war natürlich zur Stelle, um zu helfen. Die Basis war eine heruntergekommene Panhead mit Affenhänger, 170er-Reifen im Heck und vermurkstem Motor, bei dem aus 1200 Kubik per Kurbelwelle 1000 gemacht wurden. Die Steuer frisst einen eben auf – auf Sylt. 

Leckere Details zum Sattsehen. Skull mit Holztolle für die Handschaltung

Das verbaute Rückgrat mit gefedertem Heck und Breitreifen wurde direkt auf die letzte Reise geschickt. Ein originaler Rahmen aus 1948 diente als neues Fundament. Der verbastelte Motor wurde überholt und wieder auf 74 cui gebracht. Das vom Salzwasser blühende Eisen am Triebwerk gesäubert und geschliffen. Warum eine Panhead? Schönste Motorenoptik, Handschaltung, Springergabel und Männeranlasser only reichten als Kaufargument, um Timos lang gehegten Traum seines Mopeds zu verwirklichen. 

Harley-Davidson FL – Alte Technik mit einer gewissen Robustheit

Die alte Technik birgt den Vorteil einer gewissen Robustheit, auch in minimalster Variante mit dauerhafter Funktion. Daher die nordische Herangehensweise an die vorhandene Technik unter dem Motto: »Muss gehen und muss reichen.« Als Zimmermeister wollte Timo natürlich auch seinen bevorzugten, alltäglichen Werkstoff nutzen. Holz von uralten Mooreichen wurde verwendet, um einige bisher eherne Bauteile zu ersetzen. Gefrästes Metall würde dem Teil auch nicht gut stehen – entlackter, parkerisierter Stahl dagegen schon 

Mehr braucht ein Bobber nicht. Starrrahmen, breite Reifen und Springergabel. Der dezente, aber treffende Paintjob macht den Moorhocker dann endgültig zum Überflieger

Die Customtanks für Sprit und Öl sowie Heckfender und Lampen wurden vom Lackpapst Marcus Pfeil ebenfalls in dieser Optik in Szene gesetzt. Mittels einiger schwarzer Konturen bobbt und choppt der Hocker eindrucksvoll, aber dezent über die Straße. Richtig vernommen. Das Teil wird tatsächlich gefahren. Dank des revidierten Motors und der Retropneus auch gut und so ursprünglich, dass es einem die Freudentränen schäumen lässt.

»Ein Hocker für echte Kerle«

Dabei atmet der 67 Jahre alte Motor vital bollernd über die 2-in-1-Fishtail-Anlage heraus, ein Klang der mit fortschreitender Technik immer mehr zum Unikum wird. Neun Monate und ungefähr 600 Stunden reichten den beiden Jugendfreunden um ihrem Bild eines Bobbers Form zu verleihen. »Ein Hocker für echte Kerle« so beschreibt Timo seine alte Panhead. Mittlerweile hat er sich ein neues Projekt in die Scheune gestellt – mit Shovelhead-V2.

 

Jens Kratschmar