Unter dem Namen Back Corner Custom Bikes (BCCB) baut René Groot-Wassink Motorräder nach seinen Vorstellungen. Die »Pretty Reckless« ist ein cooler, rassiger Oldschool-Chopper, der erst unmittelbar vorm Fotoshooting fertig wurde.

Renés Adresse finde ich fast blind, da ich ihn schon des Öfteren fotografiert habe. In der Einfahrt steht die Pretty Reckless, bereit für einen kleinen Ausritt. Das Bike ist ein cooler, rassiger Oldschool-Chopper mit einem aufragenden Ducktail-Heckfender. Diese »Sprungschanzen« waren eine Zeit lang echt aus der Mode gekommen, doch mit ein paar Modifikationen kann man sie wieder aufleben lassen, wie René zeigt. So verrückt wie der Heckfender ist auch die Patina-Lackierung von Frank »Inca« Stienen. Der aufgemalte Rost auf der vermeintlich verwitterten, grauen Farbe erweckt den Anschein, es handle sich hier um ein abgehalftertes Bike, das seine beste Zeit hinter sich hat.

Für René sind die Shovelmotoren der Inbegriff von Harley-Davidson, erst recht, wenn sie in einem Bike verpackt werden, das genau seinen Vorstellungen entspricht

Für das Shooting fahren wir zu einer alten Scheune, in der René mit seiner Band probt. Der ideale Ort zum Fotografieren, habe ich mir sagen lassen. Zudem ist die Location nur wenige Kilometer von seinem Zuhause entfernt. Keine Entfernung, eigentlich, doch selbst nach einer Tasse Kaffee hat René Zweifel, denn das Bike ist erst vor ein paar wenigen Stunden fertig geworden – der Motor hatte so lange auf sich warten lassen. Wird es überhaupt anspringen? »Dank einiger Tricks, die ich gelernt habe, mit einem Kick«, ist sich René sicher und ergänzt: »Laut Internet war dieser Early Shovel mit Harleys schlimmster Erfindung aller Zeiten ausgestattet – und das Internet hat bekanntlich immer recht.« Er meint die Kupplung mit ihren klebrigen Scheiben, die schlimmer zusammenpappen als ein kalter Käsetoast am Sonntagmorgen, und die zehn Federn, die sich so gut wie nie gleichmäßig einstellen lassen. Dank der Erfahrung von Dennis von Small Town Choppers, einer guten Portion Geduld und ein paar Carbonscheiben sollte das Problem beseitigt sein.


Dann endlich brüllt der Shovel los

Doch jetzt steht René da und kickt und kickt, immer wieder. »Scheiße, du glaubst mir jetzt bestimmt nicht, wenn ich dir sage, dass sie sonst mit einem Kick anspringt«, lacht er. Und plötzlich keimt Hoffnung auf, in Form leiser Zischgeräusche, die aus dem Auspuff ins Freie drängen. Dann endlich brüllt der Shovel los. René ist erleichtert und wir fahren zu seiner Scheune, um die Fotos zu schießen. Doch an einem Bahnübergang senken sich die Schranken. Mit der Hand am Gasgriff versucht er, die Drehzahl hochzuhalten, damit der Motor nicht abstirbt. Er hat keine Lust mehr auf weitere Ankickversuche.

Überall am Bike finden sich sogenannte »Speedholes«, die zur Gewichtsreduktion gebohrt werden

Bei meinem letzten Besuch war BCCB noch Renés Hobby, inzwischen hat es ernsthaftere Formen angenommen. Ich frage ihn, ob er schon überlegt hat, sich als Customizer selbstständig zu machen. »Viele Menschen sind ängstlich und zaghaft, wenn es um die Gründung eines Unternehmens geht. Der Motorradbau war für mich immer eine professionelle Angelegenheit. Seit über fünfzehn Jahren baue und schraube ich jetzt an Bikes und stelle Teile her, meist nur für mich selbst oder für Freunde. Es war immer mein Traum, da ich selbstgebaute Motorräder über alles liebe. Wenn ich sie verkaufe, dann tut mir das Herz weh. Auf der anderen Seite ziehe ich daraus auch wieder unglaublich Energie, mich in das nächste Projekt zu stürzen.


»Natürlich möchte ich wachsen, und damit meine ich nicht meinen Bauch«

Zuletzt kamen immer mehr Anfragen für Teile oder Umbauten, also habe ich vergangenes Jahr beschlossen, meinen Job zu kündigen, um herauszufinden, ob ich meinen Traum verwirklichen kann. Vorerst noch in Teilzeit, aber ich möchte mich auf den Bau von Custombikes konzentrieren, vorzugsweise Chopper.« Auf meine Frage nach seinen Ambitionen antwortet er lachend: »Natürlich möchte ich wachsen, und damit meine ich nicht meinen Bauch. Aber eine größere Werkstatt wäre schön, obwohl ich hier noch zurechtkomme.« Dieser Wunsch ging inzwischen in Erfüllung, denn schon kurze Zeit nach dem Shooting hat René eine neue, größere Werkstatt gefunden.

Der Ducktail-Fender. Eine zeitlang waren die Sprungschanzen, wie sie spöttisch bezeichnet werden, ziemlich aus der Mode gekommen

»Meine erste Harley, die ich umgebaut habe, war eine 1970er Ironhead-Sportster. Ein tolles Bike, wenn es denn mal gelaufen ist«, grinst er verschmitzt. »Um ehrlich zu sein, ich habe mehr Zeit mit diesem Motorrad verbracht als mit meiner Frau. Meine Liebe gehört den Sportster- und Evo-Motoren. Sie sind leicht zu handhaben und in der Regel ziemlich zuverlässig. Schließlich baue ich Motorräder, um damit fahren zu können. Der Early Shovel hier lag schon eine gefühlte Ewigkeit auf dem Dachboden, doch leider bin ich das Projekt irgendwie nie so richtig angegangen. Dabei ist gerade der Shovel für mich der Inbegriff von Harley-Davidson. Das gab mir schließlich die Inspiration für die Pretty Reckless. Es sollte ein schöner, roher Chopper werden, kein Nonsense-Bike. Dazu einen Apehanger, das sind von klein auf meine Lieblingslenker. Früher hat man sie immer an Bonanza-Rädern gesehen, aber das ist bestimmt schon vierzig Jahre her«, schüttelt sich René vor Lachen.


Die lackierte Patina spiegelt sich wunderbar in den ramponierten Lederbezügen auf dem Sitz wider

Sein Bike ist übrigens sehr fotogen und macht sich gut vor meiner Kamera. Es ist übersät mit unzähligen Details wie dem Zehnerschlüssel, den er zum Bremsanker umfunktioniert hat. Überall finden sich außerdem sogenannte »Speedholes«, die zur Gewichtsreduktion gebohrt werden. Ausgangspunkt für dieses Bike war eine Mischung aus Chopper und Racer. Also musste es diese Löcher und eine besondere Aerodynamik haben. Die lackierte Patina spiegelt sich wunderbar in den ramponierten Lederbezügen auf dem Sitz wider. Das Bike ist sauber aufgebaut, die Kabel im Lenkerinnern versteckt und das Rücklicht unauffällig unterm Ducktail-Fender platziert. Jeglicher Schnickschnack fehlt.

René steht auf Apehanger. Von klein auf sind sie seine Lieblingslenker. Schließlich erinnern sie ein wenig an die Zeit der Bonanza-Räder. Aber das ist schon ewig her

René wird seine Harley übrigens noch mit einem E-Starter versehen. »Meine Frau möchte auch mit der Pretty Reckless fahren, aber da sie, im Gegensatz zu mir, das Kick-it-Ritual noch nicht gemeistert hat, bekommt sie einen Starterknopf. Außerdem wollen wir zu Veranstaltungen fahren, also sollte das Motorrad auch praktisch sein. Es bekommt noch einen Gepäckträger und eine Sissybar fürs Zelt.«

Scheunenfund im neuen Gewand

Das Feedback, das er auf sein Bike bekommt, ist durchweg positiv, was unter anderem an der außergewöhnlichen Lackierung liegt. Sie macht das Bike zu einem Scheunenfund im neuen Gewand. »Leute fragen mich inzwischen, ob ich ihnen auch so etwas bauen könnte. Was für eine Frage. Dann allerdings in einem etwas anderen Touch, schließlich soll jedes Bike von BCCB einzigartig bleiben.«