Ganz ehrlich, es gibt bessere Basisbikes, um ein verschärftes Naked Bike auf die Räder zu stellen und damit glücklich zu werden. Doch Martin Becker von MB Cycles lässt sich nur ungern auf irgendwelche Vorgaben festlegen, und schon gar nicht auf eine bestimmte Stilrichtung. Der wilde Heidelberger baut, was ihm in den Sinn kommt und lässt seiner Kreativität einfach freien Lauf.

Anders ist es nicht zu erklären, warum sich dieser Wiederholungstäter erneut Harleys fettestes Tourenschwein ausgesucht hat, um sich daran auszutoben. Schon im vergangenen Jahr hatte er mit der »Further« jedem Harley-Puristen die Tränen in die Augen getrieben und eine E-Glide auf Diät gesetzt. Aber diesmal wollte er noch radikaler zu Werke gehen.


Harley-Davidson E-Glide von MB Cycles

»Eigentlich habe ich die E-Glide immer gehasst, doch als ich so ein Schiff für einen Freund auf die Veterama fahren sollte, um sie zum Verkauf anzubieten, ist irgendwas mit mir passiert. Ich bin richtig entspannt gefahren und irgendwie war die E-Glide doch geil. Bis auf die Optik, die ist einfach scheiße«.

Kurzerhand besorgt er sich ein vollausgestattetes Teil, zerreißt es, baut es nach seinen Vorstellungen um. Lange Schwinge, Tieferlegung, Koffer und modifizierte Fairing. Doch der erste Umbau befriedigt nicht wirklich. Dem Evo-Motor fehlt der richtige Punch, bei 130 km/h ist Schluss. Zum Glück hat ein Kunde den Umbau entdeckt und bleibt mit seinem Kaufangebot solange hartnäckig, bis Martin sich von der Harley trennt. Das Thema E-Glide wird ihn aber nicht mehr loslassen.


Custom oder Serie? Die Unterschiede sind gewaltig
 
Er besorgt sich eine 2001er E-Glide, ein Sturzopfer, ungepflegt obendrein. Für sein Vorhaben spielt das keine Rolle. Ihm schwebt eine radikalere Version seiner verkauften »Further« vor, die »Further II«. Nur diesmal ohne Koffer, abgespeckter und leichter. Also wird alles abgeschraubt, entfernt oder entsorgt, für das er keinen Nutzen sieht.

Der Kabelbaum samt Steuergerät und Einspritzung ist ihm zu fett, auch die Alarmanlage muss raus. Martin setzt auf eine Umrüstung mit Flachschieber-Vergaser. »Ich wollte endlich das Rahmendreieck freikriegen, damit das richtig clean aussieht, und natürlich ein kurzes, knackiges Heck.« Der Verzicht auf die Koffer wirft aber ein anderes Problem auf: Die Stoßdämpfer der Touringmodelle stehen nahezu senkrecht, was mehr an eine Geradewegfederung erinnert und eine dynamische Optik sofort zunichte macht.


Was haben moderne Zeiten doch für Vorteile. Heute lassen sich Blinker oder Rücklicht fast unsichtbar am Motorrad verbauen. Da verschwinden die Fahrtrichtungsanzeiger schon mal in den Struts. Selbst die Batterie hat unterm Höcker noch Platz gefunden, zusammen mit der restlichen Elektronik

Mit einer speziell angefertigten, längeren Schwinge löst Martin das Problem. Satte dreizehn Zentimeter Radstand sind ein angenehmer Nebeneffekt. »Länge läuft«, heißt es doch so schön. Nur die Anpassung der Schwinge sorgt für Bauchschmerzen oder wie Martin es ausdrückt: »Die Aufnahme der Schwingenlagerung war reiner Terror.« 

Damit ist aber der Weg frei für die scharfe Optik, die ihm schon immer vorschwebte. »Ich habe immer eine Grundidee, wie das Bike aussehen soll. Der Rest ist ein dynamischer Prozess, der sich während des Umbaus immer weiter fortsetzt.« Das Heck formt er aus einem alten Fender und bringt auch noch die Batterie und Teile der Elektrik darin unter. Auch der Tank wird geopfert und durch ein Suzuki-Teil ersetzt, ein Scheißjob, wie er einräumt, denn es passt mal wieder nichts. 

Martin hat viel Zeit und Arbeit in sein Bike gesteckt. Egal ob Anpassung der Suzuki-Lampenmaske, Bearbeiten des Tanks, damit er auf den Rahmen passt, oder die spezielle Schwinge, nichts davon war einfach und mal so eben im Vorbeigehen erledigt. Aber die Hartnäckigkeit lohnt sich am Ende
 
Zufällig fällt ihm auch noch eine Lampenmaske  in die Hände. »Von irgend­einer Suzuki, frag mich aber nicht nach dem Modell. Wegen des Lenkkopfs der E-Glide war es schwierig genug, das Ding dranzubauen.« 

Bei den Rädern greift er ins Regal, verbaut die Vollscheiben einer Fat Boy, die er noch in seinem Fundus liegen hat. Der Rest sind kleine Details, wie die hinteren Blinker, die Martin in den Struts versenkt, oder die Abdeckung zwischen Sitzbank und Tank, die er aus einem alten Spind schneidet. Beim Lack muss Chikos Pinstriping ran. Schlicht und Matt, das sind die Bedingungen. Die schwarzen Scallops sind eine Hommage an die Yamaha-Lackierungen der 70er Jahre.


Ohne Qual läuft nur das Original? Von wegen. Zwar ist die Original-E-Glide, die uns Thomas und Markus Bürklin von »Werk Mannheim« zur Verfügung gestellt haben, ohne Zweifel ein Top-Tourer, aber der MB-Cycles-Umbau läuft mindestens genauso gut – und macht abartigen Spaß

Auf die Bauzeit angesprochen grinst er nur: »So zwei bis drei Monate sind schon dafür draufgegangen. Schließlich musste ich das außerhalb meiner regulären Arbeitszeit machen. Teilweise bin ich nachts um drei Uhr aufgestanden und in die Werkstatt gefahren, nur weil mir wieder eine Idee im Kopf rumspukte, die ich unbedingt umsetzen wollte. Ja, der Umbau hat mich richtig gepackt.« Auch an den Besuchern und Kunden seiner Werkstatt geht das Projekt nicht unbemerkt vorbei. »Ich weiß nicht, wie oft ich die E-Glide alleine während des Aufbaus hätte verkaufen können.« Kein Wunder, denn nach der Becker’schen Diät ist nicht nur die Optik richtig geil, die E-Glide hat auch gewaltig an Masse verloren. Beim Wiegen bringt sie unfassbare 100 Kilogramm weniger auf die Waage, als das baugleiche Modell, das wir zum Vergleich hatten. 283 Kilo gegen 383 Kilo sind eine »Hausnummer«. Alles richtig gemacht.

Harley-Davidson E-Glide von MB Cycles

Kurz nach Fertigstellung muss die »Further II« auch gleich die erste Bewährungsprobe bestehen. Zusammen mit Kumpels geht es für ein verlängertes Wochenende an den Bodensee. Probleme? »Nein, nichts. Sie fährt sich einfach super, läuft gut, ist richtig schnell und macht einfach abartigen Spaß.«
Und was ist jetzt der Preis der Coolness?
Martin: »Ja, die Sache mit dem Gepäck. Das kann man nicht schönreden. Tankrucksack und Rucksack, dazu eine kleine Packtasche. Das war’s dann. Es gibt nun mal kein Motorrad, das komfortabel und praktisch ist, noch dazu cool aussieht. Irgendwas bleibt immer auf der Strecke.«
 


Technische Daten
Harley-Davidson E-Glide
Bj. 2001
Erbauer: Martin Becker/MB Cycles

Motor 
V-Zweizylinder-Viertakt, ohv-Zweiventiler, 1449 ccm (Bohrung/Hub 95,3 x 101,6 mm)

Vergaser: Mikuni HSR 42
Luftfilter: OMG
Auspuff: Python
Getriebe: Fünfgang, 12mm Versatz
Sekundärtrieb: Riemen
Leistung: 67 PS bei 5200 /min
Drehmoment: 110 Nm bei 3100 /min
Höchstgeschwindigkeit: 155 km/h

Fahrwerk
Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen

Gabel: Original H-D, 3 1/2 Zoll gekürzt, luftunterstützt
Schwinge: Sonderanfertigung
Räder: RSD mit vo. 3,5×17 Zoll und hi. 6×17 Zoll
Reifen: vo. und hi. 130/70-13, 200/55/17
Bremsen: vo. und hi. Scheibenbremse

Zubehör
Tank: Suzuki
Tankembleme: SF Parts
Verkleidung: Suzuki GS
Lenker: H-D Sportster
Gabelcover: MB Cycles
Sitz: MB Cycles
Höcker: MB Cycles
Instrument: motogadget
Lackierung: Chikos Pinstriping

Metrie
Leergewicht: 283kg
Radstand: 1742 mm

Info
www.mbcycles.de