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Charakter und Individualität, die niemanden kalt lassen. Auf der Suche nach den ewigen Werten des Customizings kniete sich Ed Turner ganz tief rein in eine BMW R 65 aus dem Lande der Lederhose.

Dieser Mann steckt fest. Er mag hier vor dir in seiner Werkstatt stehen, sein Kopf aber verweilt in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. »Lass uns der Tatsache ins Auge sehen: Seit damals sind nur sehr ­wenige schöne Motorräder entworfen worden«, sagt Ed Turner alias Karl Renoult, wie sein bürgerlicher Name lautet. Karls Mission und Passion ist es, aus angegrauten Serienkisten Head-Turner zu machen, Motorräder, nach denen man sich umdreht. Und genau darauf spielt sein Künstlername an, den er unter Auslassung zweier Buchstaben ableitet.

BMW R 65 mit kalt funkelndem Ellipsoid-Auge

Diese R 65 hat Ed ganz anders interpretiert, als wir das von mittlerweile in aller Welt entstehenden, lieb­lichen Cafe-Racer-Umbauten auf Zweiventil-Boxer-Basis kennen. Finsterer, aggressiver, geduckter. Auch der Name Silver Raven signalisiert das. Dazu blinzelt der Bursche böse aus einem in die Front der Halbschale einge­lassenen, kalt funkelndem Ellipsoid-Auge.

Das Heck stammt ursprünglich aus einer Honda CB 400, wurde aber stark geknechtet, auch um den Eigenbau-Sitz aufnehmen zu können

Zwar hatte der Auftraggeber hinter Turners Kreation, Benoit Pochard, ihm die Zügel erstaunlich locker gelassen, doch ein einzelnes Wort kann manchmal eine ganze Welt ausmachen. »Bau mir eine BMW, einzigartig und RADIKAL«, war das, was er ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Für Ed bedeutete das ungewohnt viel Freiheit bei der Umsetzung. Doch Moment, eine Einschränkung gab es da doch: Einen Hinterreifen in würdiger Dimension wünschte sich Benoit. Und da war es schon, Eds erstes Problem. Denn gerade dafür lassen die schmalen Schwingen der Beemer jener Epoche nun wirklich kaum Spielraum.

Die BMW R 65 bekam eine USD-Gabel von Kawasaki Z 1000 spendiert

Die Lösung fand er in den männlichen ­Dimensionen der Kardanschwinge einer alten Polizei-R-1150. Durch deren Monoshock-Konstellation konnte er sich auch gleich der dürren Duo-Federbeine entledigen, und auch die 17-Zoll-Räder zogen mit um ins neue Zuhause. Vorn hielten in Form einer Upside-down-Gabel aus einer Kawasaki Z 1000 gleichsam stämmigere Dimensionen Einzug, die Bremsscheiben und die radial montierten Bremssättel übernahm Ed gleich mit. 

Kalt funkelt der einzelne Ellipsoidscheinwerfer in der Frontschale im Rückspiegel seiner Vordermänner

Der Flat Twin wurde durch ­gezielte Lackier- und Polierarbeit aufgehübscht, die Edelstahl­krümmer schneiderte Ed ihm direkt am Objekt auf den ausladenden Leib. Sie nutzen den durch die Fledderei der R gewonnenen Platz und streben ungewohnt zum Himmel auf, um dann in Erhaltung der flüssigen Linie erst auf der ersten, dann auf der zweiten Etage nach hinten zum Heck davonzulaufen. Dort münden sie in zwei Dämpfern, deren Doppelmündung sich im Rücklicht gestalterisch wiederholt. Das Heck stammt ursprünglich aus einer Honda CB 400, wurde aber stark geknechtet, auch um den Eigenbau-Sitz – bezogen mit Veloursleder aus der Rückenpartie von Eds alter Redskin-Joppe – aufnehmen zu können.

BMW R 65 mit simpler, aber sehr raffinierter Cockpitkonsole

Den Kabelbaum strippte der Franzose bis aufs Nötigste. An der Front endet er in einer hinter der ­Verkleidungsschale platzierten simplen, aber sehr raffinierten Cockpitkonsole. Und dann der Tank. Das BMW-Original hatte Ed einige Arbeit gemacht, ihn unzählige Stunden Zeit gekostet. In vier Stücke ­hatte er es geschnitten, Material für einen engeren Knieschluss weg­genommen und die Teile wieder zusammengefügt, dann kamen der braune Metalflake-Lack und zehn Schichten Klarlack drauf. Für sich genommen ein ansprechendes Ergebnis.

»Ja, der Tank, das ist eine lange ­Geschichte.« In einer ersten Variante ­modifizierte Ed das Original, dann wagte er sich erstmals ans Blech­dengeln. Das Ergebnis überzeugt

Doch Ed hatte die Rechnung ohne Bertrand Bussillet, den Chefredakteur der französischen Zeitschrift Cafe Racer, gemacht. Der sagte in einem Telefonat ganz nebenbei einen Satz, der Ed völlig aus der Fassung brachte: »Ach, du stellst deine Tanks nicht selber her?« Dieser Satz sollte im Kopf des Customizers fortan Pingpong spielen. So lange, bis sich die angestaute Spannung schließlich in einer zweiten Version entlud.

Die Tankbleche bog Ed mit Wasserpumpenzangen zurecht

»Probier mal im August das Material heranzuschaffen, das du zum Formen von Aluminiumblech brauchst«, beschreibt Ed die auf Bussillets Frage folgende Misere. August ist Ferienzeit in Frankreich und alle Welt ausgeflogen. Die Lösung fand er schließlich in Wasserpumpenzangen. Mit denen bog er nicht nur die Tankbleche zurecht, auch die kleinen Seitenpanels entstanden mit dieser unorthodoxen Handwerkstechnik.

Raving through the country. Ed Turner inszeniert die BMW als finster sportliche Macht. Ungewohnt

»Unzählige Armkrämpfe später ist mein Tank jetzt wirklich hand­made«, lehnt sich Ed beruhigt zurück. Flächig, kantig und doch grazil ist er geworden, was auch Benoit Pochard zu schätzen weiß. Er hat sein Motorrad jetzt ­sicherheitshalber endlich bei Ed abgeholt – bevor ein ­gewisser Herr ­Bussillet noch einmal anruft.

 

 

Guido Kupper
Redakteur bei CUSTOMBIKE

Guido Kupper, fährt praktisch seit seiner Geburt in grauer Vorzeit Motorrad, hat mit dem Schreiben aber erst angefangen, als er schon sprechen konnte. Motorisierte Zweiräder hat er nur acht Stück zur Zeit, Keller und Garagen sind trotzdem voll. Sein letztes Ziel im Leben: Motorrad fahren und mal nicht drüber schreiben