Manfred schraubt in der vermutlich kleinsten Garage der Schweiz. Seine Leidenschaft gilt den BMW-Ural-Klonen aus China. Mit dem Umbau der Chang Jiang CJ750 hat er seinen persönlichen Steampunk Wirklichkeit werden lassen.

Eigentlich war Manfred gar nicht auf der Suche nach einem weiteren Motorrad, doch irgendetwas brachte ihn dazu, spontan einem Online-Auktionshaus einen kurzen Besuch abzustatten. Und siehe da, zwei Stunden zuvor hatte ein Verkäufer aus der näheren Umgebung ein Chang-Jiang-Gespann eingestellt. »Da konnte ich nicht widerstehen, bin sofort hingefahren und habe das Gespann gekauft. Über Nacht kamen mir dann die ersten Ideen und kurz darauf habe ich den Seitenwagen verkauft. Jetzt war die Chang Jiang solo und ich habe überlegt, was ich draus machen soll und vor allem, wo ich die entsprechenden Teile besorgen kann.« Den Tank findet er bei W&W, weitere Parts bei Louis und anderen Anbietern. Den Rest organisiert er, wo auch immer er Teile finden kann oder er stellt sie gleich selbst her.

Gnade der frühen Geburt: Baujahr 1957 macht E-Prüfzeichen, Katalysatoren und db-Eater unnötig

Da sein Grundgedanke in Richtung Steampunk geht, ist er prinzipiell frei in der Verwendung vieler Anbauteile und so ist es nicht verwunderlich, dass Manfreds Bike mit Details geradezu übersät ist. Beim näheren Anblick offenbaren sich dann auch etliche Gegenstände, die nicht aus dem Motorradbereich stammen und einfach zweckentfremdet wurden. Da mag der Scheinwerfer noch eines der leichter zu identifizierenden Teile sein. »Das Gehäuse habe ich, wie so vieles andere auch, im Internet gefunden.« Den passenden Scheinwerfereinsatz ersteht er beim chinesischen Online-Riesen »AliExpress«. Mit leichten Anpassungen entsteht ein Retroscheinwerfer, wie man ihn für Motorräder nun mal nirgends kaufen kann. Dank des Baujahres ist auch kein E-Prüfzeichen erforderlich.


Passend zum Steampunk-Look und den vielen Kupfer- und Messingteilen hat Manfred den grob geschliffenen Tank nicht grundiert, sondern einfach mit Kupferfarbe aus der Sprühdose lackiert

Und so setzt sich die Zweckentfremdung am gesamten Bike fort. Wer erwartet denn, zum Beispiel, schon einen Feuerlöscher an einem Motorrad? »Der ist zwar ohne Funktion«, erklärt Manfred, »wäre aber funktionstüchtig, falls man eine Flüssigkeit zum Löschen einfüllen würde.« Allerdings müsste man im Falle eines Feuers zuerst mit dem Handhebel kräftig pumpen, um Druck aufzubauen.« Die Ledertasche darunter erfüllt immerhin ihren Zweck. In ihr bewahrt Manfred das nötigste Werkzeug auf, das man unterwegs für kleinere Reparaturen gebrauchen könnte. Auf der linken Seite findet sich ein weiteres Behältnis, mit dem die wenigsten Betrachter etwas anfangen können. Hier hat der Schweizer eine antiquierte Bettflasche installiert, die er mit einer Dachrinnenhalterung fixiert hat. Das Etikett, das die Bettflasche ziert, stammt von einer Weinflasche. Egal, wo das Auge hinwandert, immer bleibt es an einem Gegenstand hängen und sorgt für Stirnrunzeln. Grübelnd steht man da und überlegt: »Wo habe ich das schon mal gesehen?« Es gleicht fast einem zweiräd-rigen Ratespiel, das einen einlädt, sich die Zeit zu vertreiben.

Das Rücklicht besteht aus einem Auspuffkrümmerteil, einer Aluminiumdose, einem Kunststoffeinsatz und einem Lämpchen

Manchmal kombiniert Manfred auch Gegenstände. So beim Rücklicht, das aus einem Auspuffkrümmerteil, einer Aluminiumdose, einem Kunststoffeinsatz und einem Lämpchen besteht. Andere Teile wiederum sind völlig sinnfrei und sehen einfach nur gut aus: »Die Kupferleitungen mit den Verbindungsstücken sind weder dicht, noch beinhalten sie irgendwelche Flüssigkeiten. Mir hat das einfach gefallen, denn wer legt schon Zündkabel in Kupferrohr?« Die Beschaffung des wertvollen Metalls läuft über einen großen Baumarkt. Dort findet er die passenden Rohrdurchmesser und -längen, schneidet anschließend alles zurecht und steckt es zusammen. »Und das hält, einfach so. Es ist nichts gelötet oder geklebt«, versichert Manfred.


Ein bisschen verrückt und abgedreht kommt sie daher, die Chang Jiang von Manfred. Aber das macht sie auch so gut, denn individueller geht es kaum

Seine Chang Jiang ist ein Sammelsurium und man könnte problemlos über nahezu jedes Teil und seine Entstehung eine eigene Geschichte schreiben. Da bildet auch die Handschaltung keine Ausnahme. Obwohl das Motorrad ganz konventionell über eine Fußschaltung verfügt, verbaut er an der rechten Seite einen Handschalthebel samt Kulisse. »Das hat mich ganz schön Kraft gekostet«, grinst er und erklärt auch gleich warum. »Das Material war so hart, dass ich beim Biegen sogar den Schraubstock geschrottet habe.« Klingt komisch, aber da Manfred in seiner extrem kleinen Schraubergarage keine Maschinen hat, muss er ständig improvisieren, um passende Lösungen zu finden. »Leider hat die Schaltkulisse keine Widerhaken und ist somit zu ungenau. Du kriegst einfach die Gänge nicht richtig rein. Deshalb benutze ich überwiegend die Fußschaltung. Dass das Motorrad zudem auch noch über einen Rückwärtsgang verfügt, erzählt er nur beiläufig. »Es war ursprünglich als Gespann für Militärzwecke konzipiert, entsprechend hoch ist das Gewicht. Die schiebst du halt nicht einfach mal so rückwärts. Jedes Mal, wenn ich irgendwo parke, wo es leicht abschüssig ist, bekomme ich sofort fragende Blicke, wie ich das Motorrad dort wieder hinausmanövrieren will. Das ist dann schon ein Spaß, wenn ich den Gang einlege und entspannt rückwärts fahre«, zwinkert er.

Muss reichen: Der 750er Zweiventil-Boxer bringt gerade mal 36 PS

Für ihn ist seine Chang Jiang ein nicht endenwollendes Projekt, das er über mehrere Jahre gebaut hat. Zudem ist Steampunk für Manfred nicht nur Optik. »Ich wollte nichts aufkleben oder irgendwelche Imitate am Motorrad haben. Außerdem haben alle Teile ein gewisses Alter, bekommen mit der Zeit immer mehr Patina, was das Aussehen also beständig verändern wird.« Vergangenheit und Zukunft – Retro-Futurismus, wie Steampunk auch bezeichnet wird. Es bleibt interessant und wird auf jeden Fall spannend, was sich verändert hat, wenn wir Manfreds Chang Jiang eines Tages wiedersehen.