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Aus einem aktuellen Serienbike mitsamt seiner komplexen Technik ein Custombike zu bauen, ist schwierig. Ralf machte sich trotzdem dran, rauszukitzeln was geht, ohne die Seele der verwendeten BMW R nineT Pure anzutasten.

Mit einer extremen Harley ist das natürlich nicht zu vergleichen«, Ralf Eggl, BMW-Customizer in seinem »Woidwerk«, weiß um die Problematik eines solchen Motorrades für ein Magazin wie unseres.

BMW R nineT Pure – Umbau mit gebundenen Händen

Tatsächlich hatten wir kurz überlegt, ob die von ihm gebaute BMW R NineT zu uns und ins Magazin passt, aber letztlich ist es doch so: Natürlich sind die Komplettaufbauten, die krass veränderten Motorräder, die kompletten Ausreizungen eines Themas das Spannende an der Customszene. Aber die Normalumbauten, die mit wenigen Veränderungen leben müssen und bei denen dir schon aufgrund ihrer vielen Technik und Elektrik die Hände oft gebunden sind, die gibt es eben auch und in großer Zahl.

Die Frontpartie wurde mit einem neuen Lenker samt Lenkerendenblinkern deutlich aufgeräumt. Clou ist der Scheinwerfer aus der BMW R 1200 R, der eine geduckte Optik erzielt, ohne dass man Gabelkürzungen oder dergleichen vornehmen muss

Zumal, wie im Fall von Ralf, der Kunde und nicht der Customizer darüber entscheidet, was er will und was nicht. Und der Kunde ist in diesem Fall fast genauso spannend wie der Customizer. Thierry Schmitz ist Luxemburger Unternehmer und Tausendsassa, vereint unter seinem Label »Smith Lounge« seine Tätigkeiten als Lehrer, Fitnesstrainer und Künstler. Was verwirrend klingt, hat allerdings Hand und Fuß, »ein Träumer ist Thierry nicht, der weiß genau, was er will.«

Die Idee eines gemeinsamen Projektes

Bereits vor einigen Jahren hat Ralf eine BMW R 80 für Thierry umgebaut. Und schnell hatte er außerdem festgestellt, dass es in seiner Heimat Luxemburg zwar eine aktive Customszene gibt, aber eben keine, die sich auf moderne Bikes spezialisiert hat. Und so reift die Idee eines gemeinsamen Projektes. Ralf soll Motorräder umbauen, die Thierry in Luxemburg vertreibt – mit sämtlichen Gewährleistungen und Garantien, was die moderaten Eingriffe in die Motorräder erklärt.

Für die Lackierung zeichnet der Luxemburger Künstler Eric Mangen verantwortlich. Für ihn war die Arbeit an der BMW ungewohntes Terrain, malt er doch normalerweise Bilder und ist einer der bekanntesten Vertreter seines Landes, wenn es um abstrakte Kunst geht

Sollten zunächst vier Projekte entstehen, wurde daraus am Schluss erst mal nur eines. Gemeinsam legen die Herren Schmitz und Eggl fest, wie das Design des gewählten Basisfahrzeuges, einer R nineT Pure, am Ende aussehen soll. Für Ralf durchaus eine Herausforderung, fühlt er sich doch normalerweise eher bei den alten Zweiventilern zu Hause.

BMW R nineT Pure – Stimmige Basis

»Dazu kommt, dass die Pure schon von Haus aus recht stimmig ist und du gerade an Motor, Fahrwerk oder Bremsen aufgrund der späteren Gewährleistungspflicht nichts groß machen kannst.« So konzentriert sich der Customizer darauf, die Grundform des Motorrades noch weiter herauszuarbeiten und ein wirklich modernes, aggressives und sportliches Bike zu erschaffen.

Wo beim Ursprungsbike eine Doppelsitzbank saß, baute Ralf einen leicht hochgezogenen Gepäckträger aus Acrylglas, die Rücklicht-Kombi wurde sauber integriert. Die knackig kurze Sitzbank ist aus CFK handgefertigt und mit Nubukleder bezogen

»Ich habe bei dem Bike markante NineT-Designelemente an anderen Positionen eingesetzt«, erklärt er seinen Weg. Ein Blick auf das »Flügelcover« an der Gabel erklärt, was er damit meint. Auch auf Sitzbank und Heck liegt einiges Augenmerk. Aus dem langen Doppelsitzer wird ein frecher, geschwungener Soloplatz, dahinter baut Ralf einen knappen Gepäckträger aus Acrylglas.

BMW R nineT Pure mit R 1200 R-Scheinwerfer

Um die aggressive Rückansicht auch frontseitig widerzuspiegeln, entscheidet er sich, den runden Scheinwerfer der Pure gegen den tiefgezogenen einer R 1200 R zu tauschen. »Wenn die dann so angeflogen kommt, sieht das schon weitaus lässiger aus«, freut er sich über seine Entscheidung. Ähnlich sieht es zum Beispiel beim Auspuff aus, den fetten Silbertopf ersetzt Ralf durch eine schwarze Arrow-Anlage, zu große Features wie Rücklicht, Blinker oder Kennzeichenträger durch zurückhaltende Alternativen aus dem Aftermarket.

Vor allem an der Gabel wird Ralfs Idee, das markante NineT-Design neu zu interpretieren, deutlich. Aus dem ehemaligen Luftschnorchel wird gedreht eine Art Gabelcover. Das Ganze ist ein rein optisches Gimmick und erfüllt keine weitere Funktion

Und auch die Lackierung trägt zum Gesamtbild bei. Der Luxemburger Künstler Eric Mangen darf sich auf dem Tank verewigen, und entscheidet sich für eine Lackschicht mit ineinander fließenden Grautöne. Tatsächlich stecken in der NineT am Ende weit weniger Arbeitsstunden als normalerweise in Ralfs Umbauten. Trotzdem, auch das ist Customizing und manchmal wohltuender, als wenn einer zu viel will. Zumal Garantie und Legalität bei einem Umbau wie diesem so überhaupt kein Thema sind, was durchaus auch mal ganz guttut.

Info |  woidwerk.com

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.