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»Es macht einfach viel Spaß, eine eigentlich sehr langweilige BMW R 80 wieder aufzubauen« – Arjan van den Boom gibt sich große Mühe, der Boxerszene neue Aspekte abzugewinnen.

Ein heruntergekommenes Fabrikgebäude auf einem grauen Industriegelände im niederländischen Almere. Man würde nicht vermuten, dass hinter der schäbigen Fassade feinste Motorräder hergestellt werden. »Aber vielleicht ist es genau die Umgebung, die ich brauche«, erklärt Arjan, der hier seine Firma Ironwood Custom Motorcycles betreibt.

Klassisches Handwerk mit der Arbeit moderner Maschinen kombinieren

Das Gelände erinnert ein bisschen an die industrielle Revolution des 20. Jahrhunderts und insofern passt es. Arjan baut Motorräder, die klassisches Handwerk mit der Arbeit moderner Maschinen kombinieren. »Ich mag alte Lokomotiven, Dampfmaschinen und Schiffe, sie inspirieren mich«, sagt er.

Nicht superpraktisch, aber superschön. Alles an Arjans Vorzeigebike ist edel, wie die aus dem Vollen gefräßte Gabelbrücke oder die Underseat-Akrapovic-Anlage. Dass das Ding nicht nur technisch, sondern auch optisch knallt, spricht für seinen Erbauer

Die Motorradkarriere beginnt auf Racingbikes, das erste eine R6. Als Arjan 2012 im Netz immer mehr Cafe Racer sieht, der Hype von heute war da noch nicht in Sicht, absolviert er gerade Renntrainings auf diversen Strecken. Aber die lässt er nach der Bilderflut aus dem Internet schnell bleiben, kauft sich lieber eine Honda CB 550.

Die Honda baut er mit Teilen von Dime City Cycles neu auf

Inspiriert von den Bikes von Dime City Cycles aus den USA, baut er das Motorrad mit Teilen aus Florida neu auf und verkauft es schnell – das ist der Anfang seiner Firma. In der Anfangszeit betreibt er die aber nur als Nebengewerbe. Erst als die Grundlage solide genug ist, kündigt er seinen festen Job als Projektmanager eines Turboherstellers.

Im Gegensatz zur niedrigen Front kommt das Heck höher, zwei Zentimeter werden durch das längere Federbein gewonnen. Die Räder sind original, werden nur schwarz gepulvert, vorn beißt eine Doppelscheibe zu, hinten wird dagegen nur getrommelt

»Es war ein Sprung ins kalte Wasser, aber nun kann ich das machen, was ich wirklich mag.« Und mittlerweile kann Arjan davon auch leben. Schon bald wechselt der Holländer von japanischen Bikes auf BMWs, weil er etwas Anderes, Unverwechselbares als Grundlage für seine Firma sucht.

BMW R 80 – Einfach ganz nette Motorräder

»BMWs waren vor ein paar Jahren nicht populär, außerdem noch relativ billig, die Technik solide und simpel. Einfach ganz nette Motorräder«, Arjan baut einige Boxer zu schmalen, lässigen Bratsyle-Bikes mit flachen Sitzbänken und niedrigen Lenkern um, die Leute mögen es, die Nachfrage steigt.

»Natürlich baue ich meist weit weniger extreme Bikes mit geringerem Budget. Aber wie jeder Customizer hab ich den meisten Spaß mit aufwendigen Karren.«

Arjan wird zu sowas wie einem BMW-Guru in Holland, den großen Hype, der die Boxer nur kurz später ganz noch vorn spülen wird, hatte auch er allerdings nicht kommen sehen. Trotzdem, nur selten bewegt er sich aus der Komfortzone der Bayernbikes heraus, hier ist er fit, hier kennt er sich aus. Als Yamaha und die holländischen Uhrenbauer TW Steel anfragen, ob er ein Motorrad für deren Range aus fünf Promobikes bauen will, stimmt er zu. 

»Die Nachfrage nach Einfachheit ist einfach größer«

Die Motorräder, die aus der Garage von Ironwood rollen, tragen alle die typische Signatur von Arjan. »Ich baue auch weniger extreme Bikes für Kunden, weil die Nachfrage nach Einfachheit einfach größer ist. Aber natürlich habe ich mehr Spaß an extremen Sachen mit etwas mehr Budget.

Die komplette Silhouette des Eighties-Boxer wurde durch eine aggressive Rennposition verändert – die Front kam satte sechs Zentimeter tiefer, die Stummel liegen weit unten in den Händen

Ein Biest mit einer aggressiven Haltung, das ist so mein Ding. In letzter Zeit habe ich mich mehr und mehr für Streetfighter interessiert. Das sieht man zum Beispiel der »Mutant« auch an.

BMW R 80 – The Mutant

»Ein High-End-Bike und um ehrlich zu sein, kein super praktisches Motorrad, mit dem du viele Kilometer fährst«, so Arjan, wenn es um sein Vorzeigebike geht. Die Mutant auf Basis einer BMW R 80 hat er nicht gebaut, um Streckenrekorde zu brechen, sondern von vornherein als Aushängeschild, das zeigt, was er drauf hat.

Die Eigenbau-Sitzbank ist sicher nicht zu üppig, aber eben auch nicht zu schmal geraten

Das gesamte Aussehen der Achtziger-Jahre-Basis hat er durch eine radikale, aggressive Rennposition umgestoßen. Die Front ist um satte sechs Zentimeter abgesenkt. Möglich wird das durch eine extrem niedrig gebaute Gabelbrücke, in der sogar der motogadget-Tacho integriert ist, der Stummellenker ist außerdem obligatorisch.

BMW R 80 – Zwei Tage Schweißarbeit stecken im Auspuff

Im Gegensatz dazu kommt das Heck höher, das Federbein ist zwei Zentimeter länger als der Standard. Außerdem ist ein kurzer und gedrungener Hilfsrahmen verschweißt. Der Auspuff ist ein Highlight des Bikes, zwei Tage braucht Arjans Schweißer, um das Rohrgeflecht zusammenzufügen, der Akrapovic-Endtopf ballert direkt unterm Sitz. Und dass die Shinko-Reifen eine ideale Wahl für diese Bauweise sind, wissen Insider längst.

Die Stummel hätte man sicher auch zehn Zentimeter weiter oben anschellen können, ohne dass die Linie des Bikes groß gelitten hätte

Trotz moderner Komponenten wie kompletten LED-Beleuchtungseinheiten, satten Bremsen und mehr, will Arjan den klassischen Look seines modernen Fighters nicht vernachlässigen. So entscheidet er sich beim Lack für den alten Ton »Porsche-Vintage-Grün« – und der macht sich wahrlich gut auf dem Zündapp-Tank. Das Gleichgewicht zwischen Alt und Neu ist in unseren Augen hier mehr als gelungen, ein Achtungsmotorrad.

Info | ironwoodmoto.com