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»Sakrileg!« haben sie noch vor ein paar Jahren geschrien, und »Blasphemie!« – die alten Originalheimer, wenn es um den Umbau ihrer heiligen Kühe ging. Doch längst ist BMW ganz vorn dabei im Customzirkus, und die Berliner Boxerschmiede mit ihren Bikes mittendrin. So wie mit dieser BMW R 100 RS im Starrrahmen, die sie R 10 Sportsman nennen.

Es ist vielleicht zehn Jahre her, da bekamen wir böse Leserbriefe, wenn wir BMW-Umbauten im Heft hatten. Es war ein Dilemma: Die Originalfahrer schimpften, weil es Antichristen wagten, Hand an die Boxer zu legen. Die Customszene schimpfte, weil wir deutschen Kühen Platz einräumten statt Harley, Yamaha und Co. Egal wie, BMWs polarisierten. Auch Charlie weiß das, schließlich hat ausgerechnet er, der Berliner, sein Schaffen den Bikes aus München gewidmet.

Seit mehr als 25 Jahren gibt es die Boxerschmiede schon

Chopper- und Umbaufreak war Charlie schon immer, aus der Leidenschaft entstand seine Firma. Seit mehr als 25 Jahren gibt es seine Boxerschmiede nun, »und ich kenn sie alle, die Vergewaltigung gebrüllt haben, wenn du an einer BMW mehr als ein paar Originalschrauben gedreht hast«, schmunzelt er. Dass es seit ein paar Jahren nun trendy ist, einen Boxer zu fahren und auch die Harleyjungs in seinen Laden kommen, nimmt Charlie mit Wohlwollen zur Kenntnis.

Die Starrrahmen aus Berlin sind eine Eigenentwicklung der Boxerschmiede, gebaut aus Thyssenkruppstahl und mit allen notwendigen Gutachten

Über die Saison kümmern sich Charlie und sein Team um die normalen Wartungs- und Servicearbeiten an den Boxern, im Winter ist Umbauzeit angesagt. Dann entstehen komplette Custombikes, Schraube für Schraube von Grund auf konstruiert und gebaut. »Das kam aus einer einfachen Überlegung raus«, erklärt Charlie, »wir wollten nicht, wie oft üblich, unsere Mechaniker über die Wintermonate entlassen. So haben wir diesen Weg gewählt.« In der Folge ist die Wartezeit auf ein Bike aus der Schmiede lang, wer heute bestellt, kann seinen Boxer in einem Jahr abholen.

Absolut stilsicher – BMW R 100 RS im Starrrahmen

Allerdings relativiert sich der Zeitraum, denn wo andere schnell zusammenschrauben, gibt es hier eine ganze Range an Bikes, die es in sich haben. In ihrer »R10«-Serie bietet die Boxerschmiede mittlerweile diverse Modelle an, wie eben die hier gezeigte »Sportsman«. Denn wer kann einem solch schlanken, flachen Vintagebike im Starrrahmen, legal und zugelassen, widerstehen, wenn er andernorts hauptsächlich von Cafe Racern und Scramblern auf BMW-Basis erschlagen wird. Das hier hat verdammt viel Stil und Geschmack, da sind wir uns doch einig, oder?

Die verwendeten Boxermotoren werden komplett überholt, wahlweise gibt es sie mit 70 oder 81 PS. Für die Teileentwicklung wird eng mit dem TÜV, aber auch mit BMW selbst zusammengearbeitet

Als Basis für die Sportsman wählen die Berliner die R 100 RS, Baujahr zwischen 1981 und 1984, »weil«, so erklärt Charlie, »die den echt kernigen Sound haben. Dazu einen perfekt geeigneten Hauptrahmen.« Der nämlich bleibt bayrisch, das Heckteil dagegen kommt starr dazu, Schwinge und Kardanwelle sind länger als beim Original. Moment, fragen wir uns, Starrrahmen, bei diesem Baujahr?

BMW R 100 RS als Basis für die R10 Sportsman

Charlie erklärt: »Es ist erstmal Quatsch, wenn Leute sagen, Starrrahmen wären in Deutschland nicht zulassungsfähig. Wir haben unsere Bikes eng mit dem TÜV entwickelt, die Rahmenteile sind aus Thyssenkruppstahl gefertigt und wir haben sämtliche Festigkeitsgutachten.« Über eine Einzelabnahme wird das fertige Motorrad dann zugelassen. Und immerhin, die Sportsman läuft 190 km/h in der Spitze und bremst »nur« mit Trommeln – die Behörden sind trotzdem einverstanden.

Ein Mitspracherecht hat der Kunde immer: Lange oder kurze Fender, Kontakt- oder Elektrozündung, Nockenwellenwinkel. Aber wir sind ehrlich: Genau so wie sie hier steht würden wir die Sportsman liebend gern haben

Im Gegenzug zum extralangen Rahmen gibt es eine extrakurze Gabel für einen flachen Look. Kombiniert wird alles mit schmalen 21-Zoll-Rädern. Die langen Fender liegen knapp über den Stollenreifen, »15 Millimeter sind das«, grinst Charlie. Da ja nichts federt, funktioniert das trotzdem. Neben den auf den ersten Blick sichtbaren Fahrwerkskomponenten, punktet die Sportsman aber auch im Detail.

Eine echte Sünde wert, der Sportsfreund aus der Hauptstadt

Der Tacho ist in die Frontlampe integriert, der Schwingsattel dreifach verstellbar, die Auspuffanlage im Hoske-Stil emailliert. Das Rücklicht leuchtet mit LED-Technik als kombinierte Bremslicht-Blinker-Einheit, der Kennzeichen-Winkel ist einstellbar. Am Ende steht ein vergleichsweise modernes Bike mit 90er-Jahre-Technik, das aber optisch aus dem Jahr 1935 stammen könnte. Eine echte Sünde wert, der Sportsfreund aus der Hauptstadt.

Info |  boxerschmiede.de

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.