Artikel speichern

0

Kein Motorrad aus der Hand von Christian Schwarzenlander, das bisher nicht überzeugt hat. Sein sprintfähiges Gerät mit Boxermotor mag von außen etwas ranzig aussehen – doch der Schein trügt. Die BMW Dolus hat’s in sich …

Ein feines Gespür für Design, Motorräder, an denen man kaum vorbeigehen kann, in echter Handarbeit gebaut – das Projekt »Exesor Motorcycles« des Österreichers Christian Schwarzenlander hat uns von Anfang an begeistert. Mit einem Honda-Cafe-Racer gewann er 2013 unseren CUSTOMBIKE-Wettbewerb, nur eineinhalb Jahre später knallte er uns einen wunderschönen Yamaha-Scrambler vor die Füße – nun steht mit der »Dolus« ein Bike in den Startlöchern, das seine Qualitäten erst beim zweiten Blick und dem Studium seiner technischen Daten offenbart.

BMW Dolus – Heimtückische Täuschung

Dolus, aus dem Lateinischen … sinngemäß übersetzt bedeutet es Heimtücke oder Täuschung. Bewusst entschied sich Christian für eine Vintage-Optik, unter der begraben neueste Technik bereit zum Angriff ist. Dabei war der Plan des akribischen Schraubers ein anderer: Eine Honda CB aus den 70ern sollte als Basis des geplanten Drag-Bikes dienen. Das Projekt befand sich schon mitten im Aufbau, als Christian von Thomas Trapp, ebenfalls ein begnadeter Schrauber, einen R-50-Rahmen mitsamt einigen Teilen selbiger BMW angeboten bekam. So wurde umdisponiert, die CB-Teile kurzerhand wieder verkauft und bei null angefangen.

Mit Edelweiss-Nockenwelle und Dell’Orto-Vergasern mit schön langen Ansaugtrichtern drückt der 1000er Boxer sehr anständig nach vorn

Von den R-50-Teilen verwendet Christian nur den Rahmen und macht dafür den Motor einer R 100 RS mit wenig Laufleistung in Holland ausfindig. Sein Schwager, praktischerweise Holländer, holt das Triebwerk ab und bringt es nach Oberösterreich. Der Motor wird mit Ausnahme von Kurbelwelle, Zylindern und Kolben komplett neu aufgebaut. Die verbauten Nikasil-Laufbuchsen waren noch top in Schuss. Die Köpfe wurden für die vorgesehene Doppelzündung bearbeitet.

Der Federweg der Gabel wurde um etwa 80 Millimeter verkürzt

Die Nockenwelle lieferte Edelweiss, der wohl bekannteste BMW-Tuner in Deutschland. Dell’Orto-Vergaser und den langen Ansaugtrichter ersteigert Christian im Internet. Ein Killswitch von Pingel ist Pflicht, der passende Airshifter soll noch folgen. Parallel zu den Arbeiten am Motor begannen auch die am Rahmen. Das Frontend stammt von einer R 75/5, das Lenkkopflager musste für den Verbau im R-50-Lenkkopf adaptiert werden. Die Gabel wurde zerlegt und der Federweg um etwa 80 Millimeter verkürzt. Auwendiger gestaltete sich da die Arbeit an der Schwinge.

Aufwendig gestalteten sich die Arbeiten an der Schwinge. Da sie nicht an den Rahmen passte, musste geflext und verschmälert werden. Die Federn wurden aus den Stoßdämpfern entfernt und durch selbstgedrehte Aluminiumteile ersetzt. Für Fender und Sitzbank wurde der Blechmann verpflichtet

Da die R-100-Schwinge nicht in den R-50-Rahmen passt, muss diese auseinander geflext und verschmälert werden. Anstatt der Schwingenlager wurden Buchsen angefertigt. Die Federn wurden aus den hinteren Stoßdämpfern entfernt und durch Aluminium-Drehteile ersetzt. Die Schwinge ist jetzt starr. Der Tank stammt ursprünglich von einer Yamaha RD 50. Er wurde vorn verschmälert, das Fassungsvermögen damit verkleinert. Die hintere Hälfte ist jetzt hohl und nimmt die elektronische Digitalzündung auf. Die Anschlüsse für zwei Benzinhähne wurden eingelötet.

BMW Dolus – Sitz und Fender vom Blechmann

Beim hinteren Reifen entscheidet sich Christian für einen Racemaster-Vintageslick, der wurde auf eine BMW-R50/5-Felge aufgezogen, die aus einem Tauschgeschäft gegen ein R-50-Teil stammt. Aufgrund der größeren Reifenbreite musste die Schwinge an einer Stelle freigestellt werden. Die Schwächung wurde mit eingeschweißtem Flachstahl kompensiert. Für die Distanz zwischen Getriebe und Kardan wurde außerdem ein Spacer konstruiert und aus hochfesten Stahl gefertigt. Zeit für den Blechmann, aktiv zu werden. Der bekannte österreichische Metallspezialist fertigte Fender und Sitz.

Mit knallharter Sitzposition, feinster Technik, viel Ranz und Rotz und einem brüllenden Motor haut der Österreicher ein Bike auf die Strecke, das die Ohren sausen lässt

Da das Bike nicht im Alltag herhalten muss, reicht ein Stück Leder auf dem Blech allemal – so eine Viertelmeile dauert ja nur wenige Sekunden. Denn, und hier wird klar, was Kenner sicher schon vermutet haben, dieses Bike ist für den Sprint gebaut. Die Elektrik ist auf die Zündungsfunktion reduziert. Ein Akku aus dem Modellbau versorgt die Zündspulen.

BMW Dolus – Zum Starten ist Hilfe nötig

Gestartet wird mit einer externen Autobatterie. Die Versorgungsleitung für den Anlasser ist steckbar und wird nach erfolgtem Start wieder vom Motorrad entfernt. Seine extremen Geräusche gibt der Dragster über einen Krümmer an die Umwelt weiter, den Rennexperte Sebastien Lorentz aus der Lucky Cat Garage beisteuerte. Lack braucht ein Racer übrigens so gut wie keinen. Der Tank ist blank, es gibt lediglich vereinzelte gelbe Applikationen.

Eigentlich war ja alles ganz anders geplant, denn eigentlich sollte hier eine Honda stehen. Aber eigentlich ist das auch ziemlich egal, denn Christian hat keine Scheuklappen auf.

Mehr Zeit wendet Christian dagegen für die künstliche Alterung sämtlicher neu gekaufter oder angefertigter Sichtteile. Mit Salzsäure und Eisen-III-Chlorid rückt er dem Metall zu Leibe. Damit ist »Dolus« eigentlich fertig für die Rennstrecke, wenn da nicht dieses eine Problem wäre. »Ich bin ganz schön angepisst«, erklärt Christian den Umstand, dass es in seiner Heimat zwar Beschleunigungsrennen gibt, die aber zu 90 Prozent nur zugelassenen Motorrädern den Start erlauben. Und das wird wohl eher nicht klappen. Aber wir wüssten da was: Komm nach Deutschland und lass deine Dolus doch auf einem unserer Rennen fliegen, Christian. Wir zählen auf dich!

Info |  exesor-motorcycles.com

 

 

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.