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Es ist jetzt zehn Jahre her, dass Kenji Nagai mit diesem radikalen Eigenbau Best of Show in Bad Salzuflen wurde. Das Motorrad mit 1730er S&S-V2 setzt heute noch Maßstäbe, so dass wir es zum Jubiläum heute nochmal aus unserem Archiv zerren.

Wirklich oft haben wir nicht die Gelegenheit, japanische Motorradbaukunst aus der Nähe zu betrachten. Und ich meine jetzt nicht die technisch perfekten Serienbikes und auch nicht die netten kleinen SR oder W 650 mit flacher Sitzbank und Ballonreifen. Nein, die Rede ist von High-End-Customizing, wie es so nur in Japan praktiziert wird.

Best of Show dank überragender Handwerksarbeit

Kenji Nagai, der charismatische Chef von Kens Factory aus Nagoya, zweieinhalb Stunden südwestlich von Tokio, hatte eine seiner Kreationen 2012 mit zur CUSTOMBIKE-Messe nach Bad Salzuflen gebracht und so uns Europäern die Chance gegeben, einen Blick auf eine weitgehend unbekannte Welt zu werfen. Ken redet nicht viel, und schon gar nicht mit jedem, gibt aber nach einer höflichen Begrüßung bereitwillig Auskunft über sein faszinierendes Motorrad. Seine »Blow’n’Digger« zeichnet sich durch handgefertigte Aluminium-Bodyparts aus. Nicht kantig-laut gestylt, sondern fließend und elegant gezeichnet.

Typisch für die Bikes von Kens Factory: Aufwendige, elegant geformte Girder-Gabel

Soweit noch nichts Besonderes. Tank, Sitzbankhöcker und weitere Details wie das dreidimensionale Tanklogo hat er jedoch nach traditionellem japanischen Blechhandwerk bearbeitet, mit Mustern, Gravuren und vielsagenden Zeichen versehen, bevor Lackierer Masa sein Finish nach den gleichen Vorgaben auftrug. Auch der Sattel wurde von Ace von der Polsterei Backdrop nach überlieferten Techniken gefertigt. Ganz im Gegensatz zu den eher traditionellen Oberflächen steht die moderne Ausführung des Fahrwerks.

Starrrahmen und Parallelogrammgabel wurden eigens gefertigt

Sowohl der Hardtail-Rahmen als auch die einzigartige, CNC-gefräste Parallelogrammgabel baut Ken mit modernsten Maschinen. Auf der hauseigenen Fräsbank entstehen auch die auffälligen einteiligen El-Mirage-Räder mit polierten Flanken, deren große Naben die Brembo-Bremsscheiben beinahe völlig verdecken. Kostbare Monoblock-Bremssättel des italienischen Herstellers und Avon- Cobra-Bereifung – vorn in der Größe 100/90-23, hinten 220/50-20 – vervollständigen die edlen Rundlinge.

Kenji Nagai gewann mit diesem Bike den Best of Show-Pokal auf der Custombike-Show in Bad Salzuflen

Weil ein derartiges Kunstwerk nach einem adäquaten Antrieb schreit, polierte Kenji einen 106-cui-S&S-V2 auf Hochglanz. Für den besonderen Kick sorgt ein Sprintex-Kompressor, ein kleiner »Box Style«-Lader, den der Japaner nicht US-amerikanisch protzig, sondern unauffällig hinter dem Motor platzierte. Allein der Antrieb über Zahnriemen verrät einiges über die Perfektion der japanischen Erbauer. Zur Anpassung an den Supercharger verringerte Ken’s Factory die Verdichtung des S&S-Triebwerks auf 8:1, so leistet der 1730-ccm-Motor bei moderaten 0,5 bar Ladedruck füllige 130 PS.

Der Blow’n’Digger war glasklar Best of Show

Mehr wäre problemlos möglich, taugt aber bestenfalls zum Angeben. Gekoppelt an ein Baker-Sechsganggetriebe ermöglicht die Blow’n’Digger erstaunliche Fahrleistungen jenseits von protzigen Leistungsangaben und monströsen Designauswüchsen. Die vielbeschworene Fahrbarkeit nahm also bei der Entwicklung großen Raum ein. Kenjis zunächst reservierter Gesichtsausdruck ist einem freundlichen Lächeln gewichen. Übrigens: Wer sich etwas von jenem Spirit an seinem Bike wünscht, der hat die Möglichkeit, Accessoires von Kenjis Teilemarke »Cycle Craft« an sein Bike zu schrauben.

Der Tankdeckel ist nicht nur einfach ein Verschlussstopfen, sondern er symbolisiert die japanische Philosophie des Customizing

Den Vertrieb der hochmodernen und dennoch von der japanischen Kultur geprägten Artikel übernimmt für Europa übrigens Zodiac. Und öffnet uns damit eine Pforte zu einer unbekannten Welt, die gar nicht so schwer zu verstehen ist.

 

Dirk Mangartz