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Ein gelernter Produktdesigner will sich ein Motorrad bauen, seine Herkunft verleugnet er dabei nicht. Tim und seine AWO 250T.

Mit Simson-Mopeds fuhr Tim, der gebürtige Sachse, schon früher durch die Gegend. Den Führerschein aber machte der gelernte Produktdesigner relativ spät. Auslöser dafür war ein Besuch der Custom- und Dragshow der Customizers East in Helmbrechts.

AWO 250T – Nicht von der Stange

Beim Anblick der dort präsentierten Eisen wuchs der Wunsch nach einem eigenen coolen Motorrad. Ein weiterer Trip zur CCE-Show in Mainz festigte dann die Überzeugung, dass es einfach nix von der Stange sein durfte. Da fühlte Tim sich bei der Berufsehre gepackt.

Es war nicht leicht, die seltene Rohrtrapezgabel »freizukaufen«, da sich der Vorbesitzer absolut nicht von ihr trennen wollte. Doch Tims Beharrlichkeit zahlt sich aus – für einen satten Preis wechselte die Gabel den Besitzer

Nun stand zum einen die Suche nach einer geeigneten Basis an. Andererseits fehlte es aber auch an der passenden Schraubergelegenheit. Die fand sich in der alten Heimat bei Kumpel Marcus, der schon einige Ostbikes restauriert hat und über das passende Werkzeugsortiment verfügt.

AWO 250T – Touren-AWO als Objekt der Begierde

Gemeinsam mit ihm wurde eine Touren-AWO zum Objekt der Begierde erklärt. Da für eine Harley sowieso kein Geld da war, war der Anreiz, aus einem einheimischen Haufen Schrott etwas zu bauen, eine klare Sache. Und zwar etwas, was mindestens genauso geil ankommt wie eine alte Shovel im Starrrahmen.

»Der blankpolierte Simson-Tank wurde mit Pinstripes verziert, die unter klarem Lack konserviert sind«

Dank Geradewegfederung kam der Suhler Viertakter dieser Vorstellung etwas näher als alle anderen Optionen. Auch wenn der Kardanantrieb für Tim eine Herausforderung in designtechnischer Hinsicht bot, bildeten sich schnell die ersten Vorstellungen in seinem Kopf, die nun nur noch umgesetzt werden mussten.

Mit der AWO 250T in der Garage verschanzt

Leider ging das langsamer, als es sich der Designer gewünscht hatte. Da er berufsbedingt in der Nähe von Ingolstadt wohnt, musst er jedes Wochenende die Reise in die alte Heimat antreten. Dann verschanzte er sich mit Marcus in dessen Garage und setzte seine Pläne um. 

Monatelang musste Tim jedes Wochenende rund 400 Kilometer abspulen, um an seinem Bike zu arbeiten. Für das Ergebnis haben sich diese (Tor)Touren definitiv gelohnt. Weite Strecken sind mit dem ollen Viertakter zwar machbar, aber nicht unbedingt das Ziel

Zuerst wurde der Rahmen gecleant. Ganz oben auf der Wunschliste stand eine Springer- oder Girdergabel. Das war einfacher gesagt als getan. Im AWO-Forum fand sich zwar jemand, der schon mal eine Trapezgabel einer DKW aus Pressblech verbaut hatte und auch noch eine ganz seltene Rohrtrapezgabel der französischen Marke »Dollar« besaß.

Nach längerer Bedenkzeit durfte Tim die Rohrtrapezgabel erwerben

Die stand aber eigentlich nicht zum Verkauf. Na ja, steter Tropfen höhlt den Stein und nach längerer Bedenkzeit durfte Tim das edle Teil doch zu einem recht happigen Preis erwerben. Dafür dass sie bereits in den 20er oder 30er Jahren des letzten Jahrhunderts enstanden ist, war die Gabel noch ordentlich in Schuss.

Mit einer Leistung von nur 12 PS in einem sechzig Jahre alten Bike ist natürlich kein Blumentopf zu gewinnen. Die Awo verlangt mehr nach einem verständigen Fahrer, der sich auf ihre Eigenheiten einstellt. Dank perfekter Abstimmung lässt sich das Bike aber auch mit der Trapezgabel gut steuern – und so wiederum macht auch ein Oldtimer Spaß

Es verlangte aber auch nach ordentlich Hirnschmalz, um das Teil, dessen französischer Hersteller zwischen 1925 und 1939 diverse Modelle produzierte, TÜV-konform mit dem Rahmen zu verbinden. Ein Umbau auf Kegelrollenlager und diverse Anpassungsmaßnahmen an Kopf und Gabel brachten am Ende das gewünschte Ergebnis.

AWO 250T mit gedrungener Silhouette

Für stundenlange Handarbeit sorgten die vorhandenen Feingewinde, die verlängert und nachgeschnitten werden mussten. Dafür blieb die gewünschte, gedrungene Silhouette des Bikes erhalten. Nun konnten Rahmen und Gabel gepulvert werden.

Auch der Heckfender wurde mit Pinstripes verziert

Auch die Felgen bekamen einen solchen Überzug, allerdings in Weiß, da Tim keine passenden Weißwandreifen in den verbauten Dimensionen finden konnte. Während die Jungs sich um das Fahrwerk kümmerten, bekam der AWO-Freak René Nawrath den Motor zur Durchsicht übersendet.

Der Motor wurde gegen einen bereits restaurierten ausgetauscht

Diese Aufgabe erwies sich aber als aufwendiger als geplant. Das Getriebe wurde überholt, der Motor selbst aber gegen einen bereits restaurierten ausgetauscht. Diese Lösung war am Ende günstiger als ein kompletter Neuaufbau.

Das Spritfass einer Simson SR 2 passt perfekt zur AWO. Die Dinger erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit in der Umbauerszene und sind dennoch vergleichsweise günstig zu bekommen.

Bei seinen Plänen dienten Tim Filme wie »Harbour Town Bobber« oder »The Sinners« als Leitfaden und Inspiration. Auch wenn es keine Harley ist, so sollte wenigstens der Spirit der kalifornischen Szene die Umsetzung beeinflussen.

Der 250er-Motor bollert kraftvoll aus dem ungedämpften Edelstahlrohr

Ganz nach dem Motto »Weniger ist mehr« wurde eingespart, was ging. Und dank frühem Baujahr war das recht viel. So bollerte der 250er-Motor recht kraftvoll aus dem ungedämpften Edelstahlrohr, Blinker waren auch keine nötig.

12 PS leistet der 250er Eintopf. Auf Dauer auch für Entschleunigungsfans etwas mau

Ein knapper Flatfender in Verbindung mit dem seitlichen Kennzeichenhalter dient der freien Sicht auf den schmalen Hinterreifen. Der Clubman-Lenker aus England bekam die Hebeleien einer Royal Enfield verpasst. So wurde aus der AWO eine internationale Melange.

AWO 250T mit dem Spritfass einer Simson SR 2

Allerdings stammt der kleine Benzintank dann wieder aus ostdeutscher Produktion. Hier kam nämlich das Spritfass einer Simson SR 2 zum Einsatz. Die Dinger erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit in der Umbauerszene und sind dennoch vergleichsweise günstig zu bekommen.

Das Getriebe wurde überholt, der Kardan läuft sauber

Auf dem stahlblanken Teil hat Tim dann noch Pinstripes aufgebracht und das Ganze mit Zaponlack versiegelt. So konnte nach rund einem Jahr Bauzeit die Jungfernfahrt unternommen werden. Tim war mit seinem Erstlingswerk vollauf zufrieden, zumindest was die Optik angeht.

Auf Dauer sind 12 Pferdestärken dann doch zu wenig

Da er auf Dauer mit der Leistung von nur 12 PS unzufrieden war, kam später aber doch noch die ursprünglich anvisierte Harley ins Haus. Das ist aber schon wieder eine andere Geschichte.

 

Jens Müller