Was ist schon Wirklichkeit? Wir bauen sie uns so, wie sie hätte sein können – in Form dieser AME Honda CB 750
Was ist schon original, wenn wir von einem Chopper reden? Wir bewegen uns immer auf einer Gratwanderung zwischen Aufbau, Umbau, Neu-Aufbau und Restaurierung. Eine Definition dessen, was der erneute Aufbau eines 40 Jahre alten zerlegten AME-Choppers da wirklich ist, können wir mithin nicht liefern. Oder doch?

Jörg stand im zarten Alter von zehn Jahren an der Kreuzung, als um ihn herum Motorräder aus dem Hause Schauenburg rollten, donnerten und kreischten. Ja, sie kreischten auch, denn in Deutschland fuhr man zu dieser Zeit noch Reihenvierer. Und Klein-Jörg fand das toll. In diesen jungen Jahren buchstabierte er sein »Wenn ich mal groß bin«-Alphabet. Und das hatte drei Buchstaben: AME.
PAKETE MIT VIELEN TEILEN
Die Verwirklichung der Träume folgt mit der Reife. Als Mittvierziger legte Jörg sich das Paket endlich zu, und es war wirklich ein Paket, es waren sogar mehrere. Im größten davon steckte ein 900er Bol d’Or-Motor in einem Rahmen, und der hatte an seinen Ecken und Flanken ziemlich viele Bleche.

Die nannte man damals Knotenbleche, AME verschweißte sie großzügig. Manche dienten nicht mal der Stabilisierung, sondern man verbarg darunter Zündspulen und hatte darüber eine große Fläche, die sich mit bewusstseinserweiternden Motiven lackieren ließ.
AME Honda vom Profi
Jörg ist Schweißer bei Thunderbike in Hamminkeln. Er wusste also, was er tat, als er diese Bleche entfernte. Es sollte eben alles ein wenig nackter und cleaner werden. Ob das historisch korrekt ist? Original? »Manches macht man eben, weil man’s kann«, sagt Jörg.

Der AME-Rahmen blieb ein solcher aus dem Jahre 1982. Zumindest ist er auf dieses Jahr datiert, und ob es sich damals überhaupt um einen Rahmen aus der AME-Produktion handelte, ist ja schon die nächste Frage. AME nahm seinerzeit auch Rahmen von anderen Herstellern und typte sie auf seine drei Buchstaben um. Das kostete Geld, erleichterte aber den zahllosen privaten Schraubern dieser Generation die straßenlegale Umsetzung ihrer Projekte.
DER KLASSISCHE REIHENVIERER
Der Bol d’Or-Motor hätte eigentlich drin bleiben können. Er hat mehr Hubraum und mehr Leistung. Aber Jörg ist Ästhet. Der CB 750-Motor ist einfach der Classic-Four einer ganzen Ära. Und er wurde zum Inbegriff des Triebwerks der wenig später boomenden AME-Chopper.

Zahllose der heute kaum bezahlbaren CB-Motoren sind so auf Nimmerwiedersehen ins Nirvana der drei Buchstaben getaucht. Wer die wiederfinden will, der muss auf die Veterama pilgern, nicht danach suchen und dann einen Glückstreffer landen.
Vierkant-Ikonen
So ist das mit den guten alten Zeiten und dem Versuch, sie wieder zurückzuholen. Welche Ironie steckt allein hinter den gewendelten Vierkantrohren: In den Z-Lenkern waren sie stiltypische Ikonen ihrer Zeit. Innenverlegte Kabel aber gab’s noch gar nicht, damals nahm man Duschschläuche.

Das Innenverlegen war ein Stil, der mit den Schwedenchoppern der Achtziger aufkam. Und durch gewendelte Vierkantrohre hätte man sowieso keine Kabel ziehen können. Die waren damals nämlich massiv!
AME Honda mit Can-Bus-Technik
Jörg aber wollte es innenverlegt, weil er es konnte. Er bohrte die Vierkantrohre auf der Drehbank nachträglich hohl und zog CAN-Bus-Kabel durch, weil die so schön dünn sind. An anderer Stelle musste er dafür dann auch noch ein Steuermodul verstecken. Historisch ist das nicht, original schon gar nicht.

»Mach es so, wie es damals hätte aussehen können«, bat er dann den Lackierer Ingo Kruse, »nur den Grünton will ich drin haben.« Ingo wusste, was zu tun ist, und am Rande ist zu bemerken, dass er einst tatsächlich mal für AME lackiert hatte. Was unterm Strich rauskam, ist nicht unbedingt historisch, aber es ist eine historisierende Interpretation. So also hätte ein idealtypischer AME-Chopper einst aussehen können.
Die alten Zeiten waren gut
In Wirklichkeit, so wissen wir es, sahen sie anders aus: Mit großflächigen Knotenblechen und metallummantelten Duschschläuchen. Doch wir geben gerne zu: Dieser Chopper sieht besser aus. Die alten Zeiten sind eben gut, und wenn wir sie wieder aufleben lassen, dann werden sie sogar noch besser. Wir bauen uns die Welt, wie sie uns gefällt!
















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