Das Leben von Cheetah ist eine Reise, der Weg zu einem Motorrad auch. Sie beginnt in Tokyo und endet in Kalifornien.
Es war ein arbeitsreiches Jahr 2023 für Toshiyuki »Cheetah« Osawa. Gleich zwei besondere Motorräder hatte er zu bauen, das eine muss Ende Mai fertig sein, für das andere hat er bis Ende Juni Zeit. So konzentriert er sich zunächst auf seine Zusammenarbeit mit Indian Motorcycle, die einen ungewöhnlichen FTR Flattracker hervorbringt. Krux dabei: Fürs zweite Projekt bleibt wenig Zeit, denn die Einladung als »Invited Builder« zur prestigeträchtigen Born Free Show würde mehr Arbeit erfordern.

Osawa-san steht zum vierten Mal auf der Einladungsliste, und klar, zur kalifornischen Oldschool-Sause braucht es mehr als ein modernes Bike mit ein paar neuen Features. »Das muss schon dieser Auszeichnung, und so empfinde ich die Einladung, würdig sein«, sagt er und weiß, er muss sich richtig reinhängen. Und das tut er auch, wie wir bei unserem ersten Treffen im April dieses Jahres feststellen.
TOKYO, im Shop von CHEETAH
In unserer Vorstellung ist es fast vermessen, Cheethas Garage in einem Tokyoter Hinterhof als ordentliche Werkstatt zu bezeichnen. Denn Ordnung, die scheint es hier nicht zu geben. Vollgestopft bis unters Dach ist die Bude, die üblichen japanischen Platzprobleme kennt auch der Customizer. Doch wie erkennen in dem Sammelsurium das Werkzeug, das nötig ist, um dem eigenen Leitsatz »100 Prozent Handmade« zu folgen.

Das englische Rad in einer Ecke, die diversen Hammer zur Metallbearbeitung, Sandsäcke, mechanische Bohrer, Scheren, Einziehzangen, Rohrbiegetools und mehr entdecken wir – und mittendrin eine einfache Hebebühne mit einem Motorrad-Skelett, »zu 80 Prozent fertig«, wie uns Cheetah verrät.
Flathead for Flattrack
Das Herz seines Flattrackers bildet der Flathead-Motor einer 1946er Harley WL. Am Hubraum hat der Japaner nichts geändert, trotzdem ist der Seitenventiler stark modifiziert. Virtuos hat ihn Toshiyuki mit dem Getriebe einer Norton Commando kombiniert. Im Inneren des V2 arbeitet die Nockenwelle einer KR 750, die Harley einst für den Flattrack-Sport konzipierte und die uns auch bei diesem Umbau zeigt, wo die Reise hingeht. »Ich komme aus diesem Sport, klare Sache, oder?«, grinst Osawa und zündet sich eine Zigarette an.

Den hinteren Zylinder seiner Flathead modifiziert er überdies stark, auch das eine Reminiszenz an den Sport, aber dazu später mehr. Denn noch wichtiger als der Motor ist in diesem Moment der nackte Rahmen, der vor uns steht. Zwar hat sich Osawa seine Rahmenlehre für den Neubau des Chassis nach alter Vorlage gebaut, aber ansonsten ist alles daran reine Handarbeit. Auch darauf werden wir später noch einmal eingehen.
Cheetah und seine Exzentrische Arbeit
Die schlanken Rohre des starren Doppelschleifenrahmens biegt er komplett selbst. Und dann diese Gabel, wahrlich exzentrisch und eine großartige Arbeit. Die Gabel folgt dem Parallelogramm-Prinzip, die Dämpfer liegen gut sichtbar außen. Über der oberen Brücke sind die Dragbone-Riser bereits montiert. Dazu erkennen wir Tank und Öltank, natürlich selbst gebaut. Auf der Werkbank liegt zudem eine große Bremszange, »für hinten, denn vorne is nix«, kommentiert Osawa.

Besonders auffällig sind die gefügten Übergänge bei den Rohrverbindungen, »nicht geschweißt«, wie Osawa sofort betont, »sondern bronzegelötet.« Die Technik war früher vor allem in Großbritannien verbreitet und darf als sehr traditionell gelten. Osawa hat das »Lötschweißen« für seinen Umbau übernommen.

Wir haben fürs Erste genug gesehen und lassen den Meister in Ruhe, nur wenige Wochen später wird sein Bike nach Kalifornien verschifft werde – dort geht es in einer anderen Werkstatt weiter.
Hilfe von CHABOTT ENGINEERING
Wer unser Magazin kennt, weiß, dass wir Shinya Kimura für einen der größten unter den Customizern weltweit halten. Das sieht Toshiyuki Osawa kaum anders. Die beiden verbindet nicht nur ihre Herkunft, sondern auch ihre Liebe zu Motorrädern und zum Rennsport. »Ich habe größten Respekt vor Shinya«, erklärt Osawa mit dem nötigen Ernst.

Und Kimura weiß die Arbeiten des Nachwuchses aus der alten Heimat zu schätzen. Wo ließe sich der »Shakedown«, also das, was man üblicherweise als das erste Starten des Motors nach dem Umbau bezeichnet, besser vollführen als in Shinyas Werkstatt »Chabott Engineering«.
Cheetah beim Großmeister
Und so wird die »Meteor«-Flathead vor der Born Free Show erstmal nach Azusa in Kalifornien gebracht, hier betreibt Kimura seinen Shop. Zwar ist die Flathead nun ein vollständiges Motorrad, aber sie ist noch nie gelaufen. Osawa weiß also nicht, ob seine Rechnung aufgegangen ist. Der Motor ist in all seiner Pracht nun vollständig und wir können nochmal einen genauen Blick drauf werfen. Den hinteren Zylinder hat Osawa gedreht und entsprechend modifiziert.

Bei beiden wurden Ein- und Auslass optimiert und mit Lectron-Vergasern bestückt, die Luft wird durch K&N-Filter angesaugt, und zwar von zwei völlig verschiedenen. Der eine – als Anspielung auf Harleys legendäre XR 750 – lang geformt rechts herausragend, der andere auf der linken Fahrzeugseite rund und weit dezenter.

Klar machen wir uns Gedanken, ob es sinnvoll ist, zwei verschiedene Ansaugwege zu wählen und welche Auswirkungen das auf den Lauf des Motors hat, aber vielleicht ist das auch tatsächlich etwas zu kleinkariert gedacht und wir sollten einfach die coole Optik akzeptieren. Denkt sich wohl auch Osawa, als er seine Flathead nach diversen Einstellungsarbeiten in Shinyas Werkstatt zum ersten Mal ankickt. Der Hobel läuft … und wie er läuft. Ready for Born Free.
BORN FREE SHOW
Das kürzeste Kapitel unserer Reise dauert gerade mal zwei Tage. Über die Born Free Show wurde bereits alles geschrieben, sie ist und bleibt eines der Highlights jedes Event-Jahres, mit außergewöhnlichen Oldschool-Bikes und coolen Bikebuildern. Und wir wissen auch, dass es die Amerikaner hier mit der Fahrbarkeit ihrer Ausstellungsstücke nicht ganz so ernst nehmen.

Wir haben bei Born Free schon die optisch geilsten Karren gesehen, die allerdings weder liefen noch technisch sauber gebaut waren. Das wiederum würde uns mit einem japanischen Customizer nicht passieren. Funktion ist ihnen mindestens ebenso wichtig wie Show and Shine, und so ist es nur konsequent, dass Toshiyuki Osawa auf der 2023er-Ausgabe der Born Free Show zumindest den Pokal für die »Best Flathead« bekommt. Doch das letzte Kapitel seiner und unserer Reise ist das noch nicht, denn wir haben noch was vor.
EL MIRAGE
Ein ausgetrockneter Salzsee in Kalifornien ist nicht das ideale Terrain, um ein Bikeporträt zu shooten, aber Osawa besteht drauf, seine Meteor nach El Mirage zu bringen. Hier, wo schon so viele Rekorde und Geschwindigkeitsfahrten in die Bücher der Motorradgeschichte eingegangen sind, findet er den idealen Platz, der Flattie endlich die Sporen zu geben. Und wir den idealen Ort, um einen letzten genauen Blick auf das Gesamtwerk zu werfen – wenn auch zähneknirschend, weil das eine oder andere Detail schnell unter einer Schicht Staub verschwindet.

Da wäre das aus einem Teil aus Aluminium geformte Monocoque, das den Tank, die Sitzbank mit darunterlegendem Öltank und das Heck wie aus einem Guss verbindet. Die sogenannte Zapfenschliff-Verzierung auf der Oberfläche des Monocoques wurde komplett von Hand aufs Material gebracht, eine Wahnsinnsarbeit, die von der Teillackierung und Pinstripes von S-Paint Works und Shake Signs perfekt ergänzt werden.
Mechanische Kunst
Ein Paar Streben an der Rückseite dienen als Abstützung des Öltanks und der Sitzbank, der Tankdeckel ist direkt hinter dem Lenkkopf versteckt. Über allem verläuft ein großzügiger Ledersitz, der dem Fahrer jede Menge Manövrierfähigkeit bietet. Die geformten Dragbones, die Osawa seit unserem ersten Besuch bei ihm nochmal austauschte, und die Scheinwerferhaube sowie die gravierten Hinterrad-Montageplatten sind pure mechanische Kunst.

Das Weiß des Lenkers und der Auspuffanlage sorgt für etwas Kontrast, während die klassischen Bates-Fußrastengummis an die Vergangenheit erinnern.
Und während Osawa ein ums andere Mal an uns vorbeirauscht, erschließt sich auch das Geheimnis der von ihm konstruierten Gabel nochmal neu. An der Unterseite der Forke befindet sich ein Vorderachs-Exzenter, der eine Reihe schneller Höhen- und Spureinstellungen ermöglicht.
Authentische Gummis
Im Heck das Gleiche: Ein Satz maßgeschneiderter Montageplatten ermöglicht sechs verschiedene Höheneinstellungen für das Hinterrad. Das ist übrigens gemäß Flattrack-Norm auf 19 Zoll ausgelegt. Auch vorn dreht eine 19-Zoll-Speichenfelge, beide Räder sind mit authentischen Hoosier-Dirttrack-Gummis bestückt.

Nach diversen Läufen auf dem El Mirage glänzen Osawas Augen, »die Abstimmung ist noch nicht perfekt. Aber das Motorrad zu fahren, das ich erdacht und von Grund auf neu aufgebaut habe, ist etwas ganz Besonderes. Nichts kann dieses Glück ersetzen.«
Ein bisschen schneller
Zurück in Japan liegt trotzdem noch Arbeit vor dem Customizer. Osawa will die Abstimmungen auf den heimischen Ovalen verfeinern und die Kiste noch ein bisschen schneller machen. »Und erst wenn die Karosserie von meinen Knien und herumfliegenden Kieselsteinchen ein paar Absplitterungen und Kratzer bekommen hat und die Reifen – aber nur auf der linken Seite – ordentlich runtergefahren sind, dann ist die Meteor wirklich fertig.«






























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